Politik

Gewerkschaften ohne Streikkasse Protestler in Frankreich sammeln Spenden

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Besonders die Eisenbahner müssen für den Streik tief in die eigene Tasche greifen.

(Foto: imago images/Hans Lucas)

Die Proteste gegen die Rentenreform von Frankreichs Präsident Macron dauern bereits zwei Wochen. Am "schwarzen Dienstag" stehen wieder fast alle Bahnen still. Erstaunlich ist die Durchhaltekraft der Franzosen auch deshalb, weil Angestellte und Arbeiter die Streiks aus eigener Tasche zahlen müssen.

Frankreich-Reisende erleben einen "schwarzen Dienstag": Am 13. Protesttag gegen die Rentenreform riefen die Gewerkschaften erneut zu landesweiten Streiks im öffentlichen Dienst auf. Wie die Bahngesellschaft SNCF mitteilte, fallen 75 Prozent der TGV-Hochgeschwindigkeitsverbindungen aus und 95 Prozent der Intercity-Züge. Auch grenzüberschreitende Züge und der Flugverkehr sind erneut gestört. Anders als bei Streiks in Deutschland bezahlen die französischen Angestellten ihre Arbeitsniederlegungen weitgehend aus eigener Tasche.

Nur eine einzige Gewerkschaft in Frankreich hat eine Streikkasse: Die Confédération française démocratique du travail (CFDT). Die größte französische Gewerkschaft zählt rund 800.000 Mitglieder. Bei den derzeit Streikenden im öffentlichen Dienst ist sie allerdings nicht so stark vertreten. Deren Streikkasse zahlt an ihre Mitglieder eine "Finanzspritze" von 7,30 Euro pro Stunde bei Vollzeit. Das ist deutlich weniger als der Mindestlohn von derzeit rund zehn Euro pro Stunde brutto. "Für Niedrigverdiener ersetzt das aber zumindest einen Teil ihres Lohnverlustes", wie Sébastien Mariani von der Bahnsparte der CFDT sagt.

Deshalb sammelt die CFDT im Internet zugleich Spenden, um "die Mitarbeiter der Staatsbahn SNCF finanziell zu unterstützen, die seit dem 5. Dezember streiken". Ähnlich gehen auch andere Gewerkschaften vor, wie etwa die Union Nationale des Syndicats Autonomes (UNSA). Sie ist nach eigenen Angaben "pragmatisch und reformorientiert" und befürwortet Verhandlungen mit der Regierung über die Rentenreform.

Bei Online-Spendenaktionen sind viele Franzosen spendabel: Im vergangenen Jahr kamen bei einer solchen Aktion einer Gewerkschaft rund eine Million Euro zusammen. Dennoch floss an jeden Streikenden nur ein symbolischer Betrag von sieben bis 15 Euro pro Tag.

Große Lohneinbußen für Bahnmitarbeiter

Finanziell besonders betroffen von dem Streik sind die Mitarbeiter der Bahngesellschaft SNCF und der Pariser Nahverkehrsgesellschaft RATP, von denen viele bereits den 13. Tag in Folge die Arbeit niederlegten. Sie sind häufig in der Gewerkschaft Confédération générale du travail (CGT) organisiert, die einen Kompromiss mit der Regierung bei der Rentenreform ablehnt. Bei der CGT gibt es lediglich "örtliche Solidaritäts-Kassen", teilte ihr Sprecher Cédric Robert mit. Durch den Ausstand verlieren Bahnmitarbeiter nach seinen Angaben im Schnitt zwischen 60 und 100 Euro Gehalt täglich.

Wer keine Unterstützung bekommt und trotzdem streiken will, ist auf eigene Mittel angewiesen. Mitarbeiter der Bahn und des Pariser Nahverkehrs können auf die bereits ausgezahlte Jahresprämie zurückgreifen. Andere - darunter Lehrer oder Pflegekräfte in Krankenhäusern - "müssen es wie alle Franzosen machen, die Probleme am Monatsende haben", sagt Thierry Babec von der Unsa: Kredite aufnehmen oder auf ihr Erspartes zurückgreifen.

Bei dem insgesamt 36-tägigen Bahnstreik im vergangenen Jahr verschuldeten sich viele Mitarbeiter massiv. Seine Bahnreform brachte Frankreichs Präsident Emmanuel Macron dennoch weitgehend ohne Abstriche durch.

Quelle: ntv.de, mau/DJ/AFP