Angeklagter nicht im GerichtKapitän von Schattenflotte droht Haft in Frankreich

Um internationale Sanktionen zu umgehen, baut der Kreml 2022 eine Schattenflotte von Öltankern auf. Im September 2025 entern französische Streitkräfte eines der Schiffe vor der bretonischen Küste. Der Kapitän steht nun vor Gericht.
In Frankreich hat der Prozess gegen den Kapitän des vor fünf Monaten festgesetzten Öltankers "Boracay" begonnen, der der russischen Schattenflotte zugerechnet wird. Die Staatsanwaltschaft forderte vor Gericht im westfranzösischen Brest ein Jahr Haft und 150.000 Euro Geldstrafe für den chinesischen Kapitän, berichtete die Zeitung "Ouest France". Dem Kapitän wird vorgeworfen, offizielle französische Anweisungen nicht befolgt zu haben, als französische Seestreitkräfte den Tanker Ende September vor der bretonischen Küste aufbrachten.
Der Kapitän, der auf See unterwegs ist, erschien nicht selbst vor Gericht, sondern ließ sich von einem Anwalt vertreten. Dieser erklärte, das französische Gericht sei nicht zuständig, da die Marine den Tanker in internationalen Gewässern aufgebracht habe. Dort habe der Kapitän alleine die Anweisung seines Reeders befolgen müssen, von einem Missachten französischer Anordnungen könne keine Rede sein. Das Urteil soll am 30. März gesprochen werden.
Der Tanker wurde damals laut Staatsanwaltschaft der russischen Schattenflotte zugerechnet. Damit sind Tanker und andere Frachtschiffe gemeint, die Russland zur Vermeidung von Sanktionen etwa beim Öltransport einsetzt. Seit Ende 2022 hat der Kreml dafür gebrauchte Schiffe gekauft und lässt sie von Flaggenstaaten fahren, die sich nicht an den Sanktionen beteiligen. Frankreich schätzt die Größe der Flotte mittlerweile auf 1000 bis 1200 Schiffe, wovon 650 bis 700 mit Sanktionen belegt sind. Die "Boracay", die zuvor auch unter dem Namen "Pushpa" unterwegs war, transportierte nach Vermutung der Staatsanwaltschaft Öl von Russland nach Indien. Sie konnte ihre Fahrt nach einigen Tagen fortsetzen.
Russische Sicherheitskräfte an Bord
Nicht Gegenstand des Gerichtsverfahrens sind Mutmaßungen, wonach der Tanker zuvor beim Passieren der dänischen Küste in Drohnen-Störfälle verwickelt gewesen sein könnte. Diese führten vor allem in der Hauptstadt Kopenhagen zu erheblichen Einschränkungen des Flugverkehrs. Die EU warnt schon länger davor, dass Schiffe der Schattenflotte als Plattform für den Start von Drohnen für Stör- oder Spionageangriffe genutzt werden können.
Recherchen des US-Senders CNN ergaben, dass sich an Bord der "Boracay" auch zwei Russen befunden haben, die für eine private russische Sicherheitsfirma mit Verbindungen zur Armee und zum Geheimdienst gearbeitet haben sollen. Entsprechende russische Sicherheitskräfte kämen auf etlichen Tankern der Schattenflotte zum Einsatz. Sie würden einerseits die Mannschaft der Schiffe überwachen und andererseits Fotos von europäischen militärischen Installationen machen, berichtete CNN unter Verweis auf westliche Geheimdienstinformationen.