Politik

Turbulente Gerüchte in Russland Putin ist eher vorsichtig als krank

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Wladimir Putin könnte Russland bis 2036 als Präsident anführen.

(Foto: imago images/ITAR-TASS)

Die russische Gerüchteküche kocht: Angeblich ist Präsident Putin schwerkrank und plant seinen Rücktritt. Aber handfeste Beweise gibt es keine. Stattdessen sind viele weitere Jahre mit Putin wahrscheinlich. Abgesichert durch seine Verfassungsreform.

Mütterchen Russland sorgt sich. Wladimir Putin tritt nur noch selten in der Öffentlichkeit auf, ist kaum noch im Kreml, hustet laut während einer Videoschalte mit Regierungsvertretern, das Parlament stimmt für ein Gesetz, das früheren Präsidenten lebenslange Immunität garantiert. Stimmt etwas nicht mit dem russischen Staatschef? Muss er bald zurücktreten?

Ja, behauptet Walerij Solowej. Putin sei schwerkrank. Hat Krebs. Oder Parkinson. Oder beides. Man weiß es nicht genau. Was man weiß, ist, dass der russische Historiker nicht besonders glaubwürdig ist, sagt Fabian Burkhardt vom Leibniz-Institut für Ost- und Südosteuropaforschung Regensburg. "Solowej ist eine sehr interessante Person. Er war jahrelang Dozent und Professor an der Moskauer Kaderschmiede für Diplomaten", erzählt der Russland-Experte im ntv-Podcast "Wieder was gelernt". 2016 habe Solowej die Ernennung von Anton Waino zum Kreml-Chef vorausgesagt. "Dadurch ist er sehr populär geworden als jemand, der angeblich über Insider-Informationen verfügt. Man muss aber feststellen, dass er dieses Vertrauen in den vergangenen Jahren eingebüßt hat. Derzeit muss man ihn eher als Verschwörungstheoretiker beschreiben."

Die Wahrscheinlichkeit, dass Putin tatsächlich schwer erkrankt ist, tendiert laut Burkhardt gen Null. Er vermutet, dass Solowej mit seinen Spekulationen Unruhe stiften und Schlagzeilen kreieren wollte. Er ist schließlich seit Jahren als großer Kritiker von Putin und dessen Politik bekannt. Und ein Rücktritt Putins würde das politische System in Russland natürlich hart treffen.

Putin-Gerüchte in Russland nichts Neues

Wilde Spekulationen über die Zukunft des russischen Präsidenten sind in dessen auch nichts Neues. Seit Jahren werden dem mittlerweile 68-jährigen Putin immer wieder Krankheiten angedichtet, häufig von der gleichen Quelle: Solowej. Bewahrheitet hat sich keine davon.

Dass Putin seit Monaten kaum noch öffentlich auftritt und selten im Kreml ist, heißt das nicht, dass er bald zurücktreten werde, sagt Fabian Burkhardt. "Das hängt schlicht und einfach mit der Corona-Pandemie zusammen, die ja auch in Russland sehr stark grassiert." Deshalb habe sich Putin zuletzt auf verschiedene Residenzen außerhalb von Moskau zurückgezogen. "Das ist nicht ungewöhnlich. Er hat Residenzen im ganzen Land."

Putin steht seit 1999 an der russischen Staatsspitze, entweder als Präsident oder als Ministerpräsident. Eigentlich hätte er 2024 nach zwei aufeinanderfolgenden Amtszeiten abtreten müssen, aber nach der Verfassungsreform aus diesem Sommer werden bisherige Amtszeiten ab 2024 nicht mehr gezählt. Putin könnte also zwei weitere Amtszeiten bis 2036 Präsident bleiben. Dann wäre er 84 Jahre alt.

"Viele Optionen" durch Verfassungsreform

Putin habe sich durch die Verfassungsreform "viele Optionen geschaffen", erklärt Burkhardt. "Damit unterbindet er die Spekulationen innerhalb der russischen Elitengruppen, wer sein Nachfolger werden könnte. Er verhindert, dass dieser Nachfolgeprozess in irgendeiner Form angestoßen wird. Das ist einer der Gründe, weshalb es innerhalb dieser Reform diese Regelung gibt."

Eine weitere Regelung hat mit dem Immunitätsgesetz zu tun. Dieses soll ehemaligen Präsidenten und deren Familien lebenslangen Schutz vor Strafverfolgung sichern. Das gilt bisher nur für Straftaten, die Präsidenten innerhalb ihrer Amtszeit begangen haben. Die Duma, das russische Unterhaus, hat dem neuen Gesetz bereits zugestimmt. Am Ende wird es höchstwahrscheinlich durch Putins Unterschrift in Kraft treten und ihm über seine Amtszeit hinaus Straffreiheit gewähren.

Für den russischen Präsidenten bietet die Verfassungsreform eine Art doppelte Absicherung. Zum einen hat er jetzt die Chance, über 2024 hinaus Präsident zu bleiben. Und wenn er damit abgeschlossen hat und lieber das Leben als Privatperson genießen möchte, kann er nicht wegen früherer Straftaten im Gefängnis landen.

"Es tun sich einige Szenarien auf, aber wir können derzeit sehr wenig darüber sagen, wie sich Russland in den nächsten Jahren entwickelt. Am wahrscheinlichsten ist aber, dass Putin im Amt bleiben wird", mutmaßt Burkhardt. Der russische Präsident hat seine Macht in den vergangenen Jahren ausgebaut, vom "System Putin" ist häufig die Rede. Eine Gewaltenteilung gibt es allenfalls auf dem Papier, der Präsident hat in Russland die zentrale und alles dominierende Rolle.

Töchter haben Schlüsselrollen

Aber Wladimir Putin ist auch schon 68 Jahre alt. Früher oder später wird er abtreten müssen. Und je länger er im Amt bleibt, desto mehr wird die Frage über Russland schweben, wer sein Nachfolger oder seine Nachfolgerin werden könnte. Ganz unabhängig von wilden Gerüchten, die Verschwörungstheoretiker in die Welt setzen. Aber für einen zweiten starken Mann oder eine starke Frau ist im politischen System Russlands kein Platz. Oder?

Vielleicht, wenn er oder sie aus der eigenen Familie stammt. Angeblich will Putin eine seiner Töchter, Katerina Tichonowa, 2021 als seine Nachfolgerin installieren. Auch diese Behauptung stammt aus der brodelnden Gerüchteküche, belastbare Belege dafür gibt es nicht. "Katerina Tichonowa ist in einem Unternehmen tätig, das an der Moskauer Staatlichen Universität angegliedert und sehr stark für technische Innovationen und Entwicklungen zuständig ist. Sie soll sozusagen eine Art russisches Silicon Valley aufbauen", erklärt Burkhardt.

Auch Maria Worontsowa, die zweite von möglicherweise drei Putin-Töchtern, besetzt eine Schlüsselposition, auf der die weitere Zukunft Russland geplant wird. Sie ist Ärztin in der Endokrinologie und hat sich zuletzt vor allem mit Gentechnik und Bioethik beschäftigt. "Sie hat eine hohe Position im nationalen Programm für die Entwicklung von Gentechnologien."

Ob eine der beiden Töchter ihren eigenen Vater im Kreml beerben könnte, ist aber nichts als Spekulation. Es ist auch fraglich, ob Putin einer von ihnen den Präsidentenjob überhaupt antun wollen würde. Bereits nach dem Ende seiner ersten Amtszeit als Präsident 2008 hat er gesagt, er führe als Präsident "kein normales, menschliches Leben". Er arbeite "wie ein Sklave auf einer Galeere". Abtreten will er offensichtlich trotzdem nicht.

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Quelle: ntv.de