Politik

Militärische Lage in der Ukraine Putins Panzer rollen ins Risiko

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Zerstörte russische Kampfpanzer bei Sumy.

(Foto: via REUTERS)

Der Krieg in der Ukraine geht in die dritte Woche: Die russische Invasionsarmee trägt Tod und Zerstörung in die großen Städte, doch größere militärische Erfolge bleiben bislang aus. Was haben Putins Generäle in der Ukraine vor? Ein Blick auf die aktuelle Lagekarte.

Das russische Militär versucht nach Einschätzung des Pentagon ukrainische Städte einzuschließen - darunter auch die Hauptstadt Kiew. "Charkiw und Tschernihiw, Mariupol - wir sehen diese Bemühungen, einzukreisen und zu umzingeln", sagte ein ranghoher Beamter aus dem US-Verteidigungsministerium.

Entsprechende Truppenbewegungen seien auch rund um die Hauptstadt Kiew zu beobachten. Die russischen Angriffe kämen von mehreren Seiten, so der Beamte. "Was wir also sehen, sind diese verschiedenen Vorstöße in Richtung Kiew." Ähnliche Versuche gab es zuvor bereits bei Tschernihiw im Norden, bei Sumy im Nordosten, bei Charkiw im Osten sowie bei der belagerten Stadt Mariupol im Südosten am Asowschen Meer. Die ukrainische Hauptstadt jedoch, heißt es aus Washington, sei für die Russen wohl nicht so einfach zu erobern wie zuvor Kherson. Kiew sei viel größer als die anderen Städte und werde stark verteidigt, sagte der Beamte.

Die russischen Streitkräfte seien in den zurückliegenden 24 Stunden weiter vorgerückt und hätten im Westen von Kiew schätzungsweise fünf Kilometer gut machen können, hieß es weiter. Dies sei aber im Verhältnis gar nicht so viel. "Wie gesagt, Kiew wird gut verteidigt, und die Ukrainer setzen eine Menge Energie ein (...), um ihre Hauptstadt zu schützen", so der US-Beamte. Zum jetzigen Zeitpunkt könne man keine Aussage dazu treffen, wie lange es dauere, bis die Russen möglicherweise einen Großangriff auf Kiew starten. Stellenweise seien die russischen Soldaten noch rund 15 Kilometer vom Stadtzentrum entfernt.

Die russische Strategie wirft unter westlichen Militärexperten reichlich Fragen auf. Der riesige Militärapparat wirkt schwerfällig, unkoordiniert und insgesamt wenig schlagkräftig. Das russische Vorgehen im Großraum Kiew sei "vereinzelt, limitiert und größtenteils erfolglos", fasste das US-Institut ISW die russischen Attacken zusammen. Es gebe bisher keine Anzeichen für eine grundlegende Reorganisation auf russischer Seite. Der russische Angriff wirkt zunehmend planlos.

Bisher zum Beispiel sieht es danach aus, als ob die verschiedenen Offensiven aus dem Norden, dem Osten und dem Süden mehrere unterschiedliche Ziele verfolgen. Die russischen Befehlshaber riskieren dadurch, die Schlagkraft ihrer angreifenden Verbände aufzuweichen. Die einzelnen Kolonnen stoßen vielerorts auf Widerstand. Zugleich müssen die russischen Truppen immer größere Gebiete in ihrem Rücken decken. Die Nachschubwege werden immer länger, die Versorgungslage schwieriger.

PolitikUkraine-Videos vom 10. März 2022

Beim Angriff aus dem Süden zum Beispiel haben sich die aus der Krim eindringenden russischen Einheiten in mehrere kleinere Vorstöße aufgeteilt. Die Angriffe auf die Flussbrücken bei Mykolajiw und weiter nordwestlich blieben bislang erfolglos. Die Frontlinie bei Mykolajiw gilt als entscheidend für den Schutz der ukrainischen Hafenstadt Odessa: Hier verläuft von Nordwesten kommend der südliche Bug, ein natürliches Hindernis für angreifende Panzertruppen, es gibt auf einer Länge von mehr als 150 Kilometern nur wenige Brücken. Mit den Abwehrerfolgen bei Mykolajiw und bei Wosnessensk konnten die Ukrainer bisher verhindern, dass die russische Krim-Armee über den Bug weiter nach Westen vordringt.

Anhaltende Gefechte meldet der ukrainische Generalstab aber auch aus mehreren Ortschaften nördlich von Cherson. Dort versuche das russische Militär, heißt es aus Kiew, auf der westlichen Dnepr-Seite weiter ins Zentrum des Landes vorzustoßen. In den Lagekarten aus westlichen Geheimdienstkreisen sind hier mindestens drei dünne Angriffsspitzen zu erkennen, von denen sich eine bereits der zentral-ukrainischen Großstadt Krywyj Rih annähert. Auf der anderen Seite des Dnepr, am Ostufer, kämpft sich unterdessen eine weitere russische Offensive in Richtung der rund 760.000 Einwohner zählenden Großstadt Saporischschja vor.

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Die waghalsigen Vorstöße motorisierter russischer Panzerkolonnen bergen ein hohes Risiko für die Eindringlinge: Ohne Nachschub an Munition, Verpflegung, Sprit und Ersatzteilen können sich russische Kampfverbände unmöglich lange so tief im Feindesland halten. Zugleich ziehen sich ihre Flanken immer weiter in die Länge. Von allen Seiten droht Gefahr durch Hinterhalte, Gegenangriffen oder direkter Beschuss durch ukrainische Artillerie und Panzerabwehrwaffen.

Die ukrainischen Streitkräfte könnten die russische Invasion womöglich doch zum Stillstand bringen, mutmaßen US-Beobachter mit Blick auf die verfügbaren Informationen aus dem Kriegsgebiet. Die Luftangriffe auf ukrainische Großstädte dauern unterdessen weiter an. Und: Die russische Armee verfügt über weitaus größere Reserven. Putins "militärische Spezialoperation", wie der Angriffskrieg gegen die Ukraine in Moskau offiziell genannt wird, könnte in eine länger dauernde, brutale Zermürbungsstrategie münden.

Quelle: ntv.de, mmo/dpa

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