Reisners Blick auf die Front"Die letzten zwei Monate verliefen sehr gut für die Ukraine"

Wendet sich das das Blatt in der Ukraine? Noch ist es für solche Feststellungen zu früh. Aber Oberst Reisner sieht in den vergangenen Tagen und Wochen einige Anzeichen, dass es für das angegriffene Land derzeit besser läuft.
ntv.de: Herr Reisner, US-Präsident Donald Trump hat gestern eine bemerkenswerte Pressekonferenz gegeben. Darin ging es vor allem um den Iran, aber er nannte die Nato wieder einen Papiertiger. Was bedeutet das für den Ukraine-Krieg?
Markus Reisner: Das hat er jetzt mindestens zum dritten Mal gesagt. Damit meint er vor allem, dass die Nato ohne die USA ein Papiertiger ist. Ein Beispiel dafür ist die strategische Raketenabwehr. Die ist in Europa durch die USA sichergestellt, mit Raketenabfang-Basen in Polen und Rumänien sowie einem weitreichenden Radar in der Türkei. Deutschland stößt gerade erst in diesen Bereich vor, mit der Beschaffung des israelischen Systems Arrow. Trumps Äußerung ist eine Drohung, aus der Nato auszusteigen.
Trump wirkt gegen den Iran strategie- und konzeptlos. Zugleich werden auch die Grenzen des eigenen Militärs deutlich. Wird damit auch das Droh-Potenzial der USA für eine entschlossenere Hilfe der Ukraine geschwächt?
Durch den Konflikt im Iran verschärft sich die Ressourcenlage der USA. Es geht um Fliegerabwehrraketen und Luft-Boden-Waffensysteme wie zum Beispiel Präzisionsbomben und Marschflugkörper. Was in den Iran-Krieg geht, fehlt in der Ukraine.
Noch haben die USA genug Waffen und Munition. Es gelingt ihnen aber nicht, eine Lösung herbeizubomben.
Man sieht das eindeutig an den Äußerungen des amerikanischen Präsidenten. Ich zitiere sinngemäß einen Truth-Social-Post: "Öffnet endlich die verdammte Meerenge, ihr verdammten Mistkerle oder ihr werdet in der Hölle landen - ihr werdet schon sehen, gelobt sei Allah." Das klingt nicht so, als ob man einem klar definierten Plan folgen würde. Eher scheint er fahrig zu werden. Er scheint mit maximalem Druck ein Ergebnis erreichen zu wollen. Das iranische Regime wirkt aber nicht so, als ob es Risse bekommt.
Vergangene Woche sagten Sie, Russland sehe den Krieg gegen den Iran als Chance, die Initiative zu ergreifen. Wie sieht das aus?
Auf der einen Seite spült der hohe Ölpreis enorme Geldmengen in die Kassen Russlands. Auch weil die USA ihre Sanktionen gelockert haben. Davon profitiert auch Indien, das seine Rohöl-Importe aus Russland fast verdoppelt hat. Außerdem hat Russland die Drohnenangriffe verstärkt. Im März waren diese heftiger als in jedem anderen Monat seit Beginn des Krieges. Das setzt sich im April fort. Am 1.4. griff Russland mit 361 Drohnen und Marschflugkörpern an, am 3.4. waren es 579.
Wie ist die Lage an der Front?
Dort sehen wir, dass die Front in einem Patt erstarrt ist. Beide Seiten sind nicht mehr in der Lage, sich zu bewegen. Das begünstigt die Ukrainer als Verteidiger mehr als die angreifenden Russen. Die Russen haben im März nur sehr geringe Gebietsgewinne von etwa 25 Quadratkilometern gemacht. Im Monat davor haben sie sogar Territorium verloren.
Das klingt aus ukrainischer Sicht nicht so schlecht.
Vielleicht erleben wir tatsächlich eine neue Phase dieses Konflikts. Oder es ist die Ruhe vor dem Sturm. Das werden wir erst am Ende des Sommers wissen. Die Russen bereiten ihre Sommeroffensive vor und warten darauf, dass die Blätter an den Bäumen wachsen. Das bietet ihnen Sichtschutz vor ukrainischen Drohnen.
Wie erfolgreich ist die Ukraine mit ihren Gegenangriffen?
Wir sehen, dass die Ukraine ihre Anstrengungen auf allen Ebenen massiv verstärkt hat. Am Sonntag hat die Ukraine zum ersten Mal mehr Drohnen auf Russland abgefeuert als die Russen auf die Ukraine. 283 ukrainischen Drohnen standen 141 aus Russland gegenüber. Ziel der Angriffe war die Region Ost-Luga bei St. Petersburg. Dort befindet sich einer der wichtigsten Transport-Hubs für russisches Öl.
Sind das mehr als Nadelstiche?
Aus meiner Sicht sind wir über Nadelstiche hinaus. Die Schläge der Ukraine sind mittlerweile sehr substantiell. Bei der ukrainischen Luftkriegs-Kampagne in Ost-Luga konnte man eine ganze Reihe von Tankern erkennen, die sich auf offener See gestaut haben. Die konnten nicht in den Hafen einfahren. Das Öl, das sie abtransportieren sollten, war nicht verfügbar. Selenskyj sagte sogar, Verbündete hätten ihn gebeten, die Angriffe einzustellen, um den Preisdruck auf den Ölmarkt nicht zu verstärken. Das könnten die USA gewesen sein. All das sind messbarere Effekte.
Die Ukrainer haben außerdem das Flaggschiff der Schwarzmeerflotte angegriffen. Es scheint unklar zu sein, ob und wie stark es beschädigt wurde. Welche Bedeutung hat so ein Kriegsschiff?
Solche Schiffe können Marschflugkörper auf Ziele in der Ukraine feuern. Man darf aber nicht vergessen: Der Krieg in der Ukraine ist vor allem ein Landkrieg. Trotzdem ist der Seekrieg bemerkenswert. Mit unbemannten Oberwassersystemen konnten die Ukrainer die Russen aus dem Schwarzen Meer ins Asowsche Meer und die dortigen Häfen verdrängen. Und das, obwohl sie bei Kriegsbeginn keine kampfkräftige Marine hatten.
Fassen wir zusammen: Patt an der Front, die Ukraine feuert mehr Drohnen auf Russland als umgekehrt und setzt die Schwarzmeerflotte unter Druck. Klingt nach einer guten Zeit für die Ukraine.
Absolut. Momentan muss man sagen, die letzte Woche und die letzten zwei Monate verliefen sehr gut für die Ukraine. Ich unterteile den Konflikt in verschiedene Phasen. Aktuell sind wir nach meiner Rechnung in Phase 9. Die begann im vergangenen November mit dem 28-Punkte-Plan der USA. Russland hoffte darauf, vielleicht noch ein halbes Jahr weiterkämpfen zu müssen, um sich durchzusetzen. Aber es könnte sein, dass nun eine neue Phase beginnt.
Und was wäre Phase 10?
Die würde beginnen, wenn die Ukraine es tatsächlich schafft, den Angriffen der Russen etwas entgegenzusetzen. Danach sieht es derzeit aus: Auf der strategischen Ebene sehen wir, wie die Ukrainer den russischen Luftangriffen etwas entgegensetzen, und das sehr erfolgreich. Auf der operativen Ebene haben sie die Russen davon abgehalten, während der Frühlingsoffensive Geländegewinne zu machen. Auf der taktischen Ebene an der Front haben sie ihr Ziel mit vielen Tausend Drohnen ebenfalls erreicht. Die Russen wissen nicht, wie sie damit umgehen sollen. Sie wagen sich nicht aus ihren Stellungen heraus. Nichtsdestotrotz passen die Russen sich an.
Wie tun sie das?
Ein Beispiel: Nachdem das Satellitensystem Starlink abgeschaltet wurde, haben sie selbst Satelliten in die Erdumlaufbahn geschickt. Zwar in wesentlich geringerem Ausmaß, aber immerhin. Wir haben bereits die ersten Bilder gesehen, wie die Russen diese Satellitenterminals vom Typ Spirit-030 verwenden. Damit können sie Starlink zumindest teilweise ersetzen. Die Frage, ob sich die Russen weiter an die ukrainischen Maßnahmen anpassen können, wird entscheidend sein. Am Ende des Sommers wissen wir mehr.
Wie nachhaltig sind die jüngsten Erfolge der Ukraine?
Das ist eine Ressourcenfrage. Wenn die Ukraine es schafft, regelmäßig so viele Drohnen nach Russland fliegen zu lassen, kann das mittelfristig zu einem Erfolg führen. Außerdem müsste es die Ukraine schaffen, die Front stabil zu halten. Auf der taktischen Ebene ist das Ziel, mit unbemannten Systemen möglichst viele Russen zu töten. Das ist unheimlich brutal, aber das gelingt derzeit. Aber es ist die Frage, ob es auch möglich ist, die hohe Produktionsrate aufrechtzuerhalten.
Und kann sie das?
Ein Faktor ist das Geld, das die Ukraine braucht, um diese Drohnen und Roboter zu produzieren. Da kommt Europa wieder ins Spiel, aber auch die USA mit ihren Geheimdienstinformationen, um den Systemen Ziele zuzuweisen.
Präsident Selenksyj reiste an Ostern nach Syrien und traf sich mit Übergangspräsident al-Scharaa. Es ging um gemeinsame Verteidigung. Wie kann ausgerechnet Syrien der Ukraine helfen?
Die Zusammenarbeit zeigte sich schon am Beginn des Sturzes des Assad-Regimes. Die Ukraine unterstützte die Regime-Gegner gezielt mit einigen First-Person-View-Drohnen-Teams. Das führte zu einer Art Dammbruch an der Frontlinie. Die Ukrainer wollten Druck auf die russischen Truppen in der Ukraine ausüben und sie zwingen, Truppen aus Russland oder der Ukraine dorthin zu verlegen. Eine ähnliche Strategie verfolgen die Ukrainer in Libyen.
Die Ukrainer in Libyen?
Die Ukrainer sind mit rund 200 Offizieren im Raum Tripolis aktiv. Von mehreren Basen aus greifen sie Tanker der russischen Schattenflotte an. Medienberichten zufolge wurde so das Schiff "Arctic Metagaz" zerstört.
Ostern feiern orthodoxe Christen in der Ukraine und Russland erst nächstes Wochenende. Gibt es eine Chance auf eine Feuerpause?
Präsident Selenskyj bemüht sich tatsächlich um eine Waffenruhe über die Osterfeiertage. Russland hat bislang nicht darauf reagiert.
Mit Markus Reisner sprach Volker Petersen