Politik

Reportage aus Tschernobyl Die Russen hockten im verseuchten Boden

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Messgeräte scheinen die russischen Truppen, die das stillgelegte Kernkraftwerk Tschernobyl einnahmen, nicht gehabt zu haben. Für die Orientierung malten sie Markierungen auf die Straßen. Im "Roten Wald" könnten sich die Soldaten ihr eigenes Grab gebuddelt haben.

Yewgeni Markevicz versteht die ganze Aufregung nicht. Sein Leben lang hat der 85-Jährige hier in Tschernobyl gelebt. Nur kurz nach der Reaktorkatastrophe im April 1986 wurden er und seine Frau gezwungen, ihr Haus zu verlassen. Sie sind damals mit dem Motorrad weggefahren, aber ein paar Tage später waren sie wieder da.

Dieses Mal ist er geblieben. "Die russischen Soldaten, die waren noch so jung, die standen immer da oben auf dem Haus", sagt er über die Zeit, in der das stillgelegte Kernkraftwerk besetzt war. Vor denen hatte er keine Angst. Schüsse hatte er gehört, aber dann war es wieder ruhig.

Vor der Radioaktivität fürchtet er sich auch nicht. Im Garten vor seinem Haus baut er Obst und Gemüse an, in der Küche brät seine Frau gerade selbst gefangenen Fisch. Aber er habe einen Geigerzähler, betont er, und messe auch immer die Strahlung.

Die Soldaten fanden sich kaum zurecht

Messgeräte hatten die russischen Soldaten wohl nicht. Gleich am ersten Kriegstag kamen sie in die Sperrzone. Sie konnten sich kaum zurechtfinden, denn Schilder gibt es hier nicht so viele. Damit klar ist, in welche Richtung Belarus liegt und wo Kiew, malten sie Markierungen auf die Straßen. In Kiew kamen sie nie an.

Ihr erstes Ziel war der havarierte Reaktor. Als die russischen Panzer einrückten, begann für die Arbeiter in der AKW-Ruine ein Nervenkrieg, erzählt Schichtleiter Dmytro Yatsymon und zeigt auf den Vorplatz der Anlagen. Dort hatten die Panzer gestanden. Sie verlangten die Kontrolle: "Wir haben mit ihnen verhandelt. Und die Nationalgarde und die Leitung haben entschieden, dass wir nicht kämpfen werden."

Wochenlang im "Roten Wald"

Widerstand zu leisten, war zu gefährlich. Denn unter der Kuppel, dem sogenannten Sarkophag, befindet sich der explodierte Reaktor, viel radioaktiver Müll. Bei Schäden an der Schutzhülle würde die Radioaktivität in die Umwelt gelangen. Das hätte weitreichende Folgen.

Die Männer der Nationalgarde wurden entwaffnet und mussten bleiben, wie die Arbeiter auch. Normalerweise werden sie alle zwölf Stunden abgelöst. Jetzt waren sie Geiseln, sagt Yatsymon: "Sie mussten hier nonstop 25 Tage arbeiten, erst dann wurden sie ausgetauscht." Die Männer der Nationalgarde mussten sogar 35 Tage bleiben.

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Es gab zeitweilig keinen Strom, sie stiegen auf Diesel-Generatoren um. Der Kontakt zu den ukrainischen Kontrollbehörden brach ab. Und die Radioaktivität in der Region stieg an. Denn die Russen fuhren mit ihren Panzern durch den Wald, wirbelten radioaktiven Staub auf. Und es kam noch schlimmer.

Im "Roten Wald", wo alle Bäume abgestorben sind und die Strahlung am höchsten ist, hoben sie Schutzgräben aus. Kurzzeitig kann man sich hier aufhalten. Aber die Soldaten schliefen, aßen, lebten wochenlang im verseuchten Boden. Als sie Ende März abzogen, hatten wohl einige von ihnen die Strahlenkrankheit. Ukrainische Behörden berichten, sie seien in Panik abgezogen. Es scheint, als hätten sich die russischen Soldaten in Tschernobyl ihr eigenes Grab gebuddelt.

(Dieser Artikel wurde am Montag, 02. Mai 2022 erstmals veröffentlicht.)

Quelle: ntv.de

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