Politik

Polit-Talkshow "Anne Will" Rezo, die CDU und die "verrückte Geigerin"

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Die Gäste arbeiteten sich unter anderem am Interview mit Annegret Kramp-Karrenbauer ab, das vor der Sendung ausgestrahlt wurde.

(Foto: NDR/Wolfgang Borrs)

Wer am Sonntagabend "Tagesthemen" und "Anne Will" schaute, erlebte live, wieso die Union bei der Europawahl ein miserables Ergebnis eingefahren und warum sie keinen Draht zu jungen Leuten hat.

Falls Annegret Kramp-Karrenbauer von PR-Leuten beraten wird, sind die entweder von vorgestern und geben schlechte Ratschläge. Oder sie bekamen am Sonntagabend Schnappatmung, als sie die Parteichefin in den ARD-"Tagesthemen" reden hörten. Soeben hatten die deutschen Christdemokraten das schlechteste Ergebnis bei einer Europawahl eingefahren. Es war der erste Urnengang, seit Kramp-Karrenbauer CDU-Vorsitzende ist. Sie hätte sagen können: "Mist! Dumm gelaufen! Ich ärgere mich und übernehme die Verantwortung."

Stattdessen bemühte Kramp-Karrenbauer den uralten PR-Trick, zunächst einmal die – gerade noch nachvollziehbaren – positiven Aspekte des Sonntags hervorzuheben. Das aber so geschwurbelt und technokratisch, dass mancher Zuschauer sofort weggezappt haben dürfte. "Zuerst einmal ist es ein Erfolg, auch von Manfred Weber, dass wir unsere Wahlziele mit Blick auf Europa, mit Blick auf Brüssel erreicht haben, klar stärkste Kraft zu werden, unseren Beitrag zu leisten für eine starke EVP, und damit den Anspruch ​für Manfred Weber, Kommissionspräsident zu werden, zu unterstreichen." Soso, aha. Ob das alle Bürger vor der Glotze verstanden haben? Ganz sicher nicht.

Es folgt der Verweis auf den Sieg der Christdemokraten in Bremen. Dass der höchstwahrscheinlich mehr dem Niedergang der SPD als der Stärke der CDU und ihrer neuen Vorsitzenden geschuldet ist – geschenkt. Dann endlich sagte Kramp-Karrenbauer, dass das Abschneiden "nicht unserem Anspruch als Volkspartei" genüge, "dass wir bei den Themen, die bei den Menschen besonders wichtig waren, eben noch nicht die Antworten gegeben haben, ​die sie wirklich überzeugen. Und das ist genau der Punkt, wo wir ab morgen, anfangen werden, richtig nachzuarbeiten." Sie meinte den Klimaschutz, um den sich die CDU alsbald "sehr intensiv" kümmern werde. Eben "ab morgen".

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Annalena Baerbock bediente nicht die üblichen Talkshow-Reflexe.

(Foto: NDR/Wolfgang Borrs)

Wer gut mit der CDU meint, kann nun hoffen: Kramp-Karrenbauer hat erkannt, dass es nichts bringt, Youtuber wie Rezo – unabhängig von der Richtigkeit und (Un-) Fairness seines Urteils über die Christdemokraten – oder die Schüler von "Fridays for Future" gönnerhaft von oben herab zu behandeln, statt zu erkennen, welchen Druck solche Graswurzelbewegungen inzwischen erzeugen können. Wer die CDU doof findet, wird den auch von Rezo gemachten Vorwurf bestätigt sehen, die Partei regiere seit zig Jahren, ohne etwas zu tun und verspreche, halte aber nichts.

"AKK hat nichts verstanden"

Christoph Schwennicke, Chefredakteur des konservativen Magazins "Cicero", war am Sonntagabend Gast bei "Anne Will" und hatte das unmittelbar vor der Polit-Talkshow ausgestrahlte Interview mit Kramp-Karrenbauer gehört. Er zeigte sich ziemlich fassungslos darüber, dass die CDU-Chefin hervorgehoben hatte, die Bundesregierung werde "aus einer stabilen und gestärkten Position heraus in die Verhandlungen nach Brüssel gehen" und Weber als EU-Kommissionspräsidenten durchsetzen. "Wer so redet, hat entweder nichts verstanden. Oder sie will es einfach nicht verstehen", meinte er. "Ich konnte es, ehrlich gesagt, vorhin aus den Parteizentralen von CDU und SPD schon gar nicht mehr hören, dass sie jetzt dauernd das Wort Klimaschutz in den Mund genommen haben." Denn "nervös oder hypernervös" darauf zu reagieren, "wird gar nichts bringen".

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Melanie Amann, Leiterin des Berliner "Spiegel"-Büros, beschrieb die CDU ebenfalls als Partei, die – Rezo hin, "Fridays for Future" her – noch immer nichts kapiert habe. Sie schilderte die abschließende Wahlkampfveranstaltung von CDU und CSU am vergangenen Freitag, die "im Prinzip so vor drei Monaten hätte stattfinden können". Amann berichtete: "Man hatte den Eindruck, die Rede waren schon vor Wochen geschrieben worden. Es tanzten irgendwie Ballett-Kinder. Dann tauchte eine verrückte Geigerin auf, die "An der schönen blauen Donau" spielte. Und die Reden waren dann eben alle so, als hätte es keinen Youtuber Rezo gegeben, als gäbe es nicht diese Wut der Klima-Schüler. Man hat einfach das Ding dumpf durchgezogen."

Der Protest von Armin Laschet, seines Zeichen Ministerpräsident von Nordrhein-Westfalen, blieb zart. Der CDU-Mann sagte, wie Kramp-Karrenbauer im Wir-haben-verstanden-Modus, die Reaktionen "auf den Youtuber" – er brachte den Namen "Rezo" während der Sendung nicht über die Lippen – seien nicht besonders gelungen gewesen. Vor acht oder zehn Wochen hätten noch andere Themen wie der Brexit oder die Stärke rechter Parteien den Wahlkampf dominiert. Laschet redete über politische und globale Zusammenhänge – und hatte recht damit. Allerdings war es schwierig und langweilig, ihm zu folgen. Auch hier wurde klar, warum die CDU mit der Generation Rezo nichts oder kaum etwas anfangen kann.

Klima? Konnte doch niemand ahnen

Laschet redete sich um Kopf und Kragen. "Der Klimaschutz ist ein Thema seit 20 Jahren." Aber die Bürger hätten es bei der Bundestagswahl vor zwei Jahren als nicht so wichtig betrachtet, weshalb sie die Grünen zur kleinsten Fraktion gemacht hätten. "Aus irgendeinem Grund ist das Klimathema, ich glaube, es ist sehr mit Greta verbunden, plötzlich ein weltweites Thema geworden. Dem folgte "Fridays for Future"." Na was nun? "Seit 20 Jahren" oder "plötzlich ein weltweites Thema"? Amann bescheinigte Laschet richtigerweise: "Wir erleben hier gerade live, warum ihr Wahlkampf nicht funktioniert hat."

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Sigmar Gabriel will "mit dem Theater" eigentlich nichts mehr zu tun haben, saß aber trotzdem bei Anne Will.

(Foto: NDR/Wolfgang Borrs)

Nun sprang dem armen Laschet der frühere SPD-Vorsitzende Sigmar Gabriel zur Seite. Der CDU-Kollege habe "unser Problem" beschrieben: "Wir sind Konsensparteien, die versuchen, alle möglichen Fragen mitzudenken. Und wir leben in einer Zeit, wo Menschen eindeutige Antworten wollen." Das sei "ein Politikmodell, das die Leute nicht mehr akzeptieren". Die SPD habe die Wahl nicht verloren, "weil sie keinen Klimaschutz betrieben hat". Als die Moderatorin daran erinnerte, dass die SPD mit Svenja Schulze die Bundesumweltministerin stellt, lobte Gabriel sich selbst. "Oh, ich war mal Umweltminister. Ich weiß, wenn Sie das gut machen, hilft es den Grünen." Gabriel begab sich in einen Widerspruch. Er erteilte der SPD-Führungsriege jede Menge Ratschläge, sagte aber andererseits zu Wills überflüssigen Fragen nach personellen Veränderungen: "Ich will mit diesem Theater nichts mehr zu tun haben."

Amann brachte den schrägen Vergleich: "Das ist jetzt alles ein bisschen so, als würde Lothar Matthäus die Fußballnationalmannschaft von heute kommentieren." Immerhin sei Gabriel einer von denen, der zum Niedergang der SPD beigetragen habe. Der Sozialdemokrat gab eine "Empfehlung an Journalisten: Ein Putsch, der in der Zeitung steht, findet in der Regel nicht statt." Er muss es wissen.

Baerbock hebt sich ab

Während sich Amann und Gabriel kabbelten, versuchte Schwennicke, die ebenfalls anwesende Grünen-Vorsitzende Annalena Baerbock zu ärgern, indem er Wählern der Ökopartei einen "politischen Emissionshandel" unterstellte, was man auch als Verlogenheit umschreiben könnte. "Wenn ich den Wahlzettel zu einem Zertifikat mache, der mich klimaneutral macht: Ich wähle die Grünen und kann danach mit meinem SUV wieder vom Wahllokal wegfahren. Das fühlt sich gut an. Ich habe alles richtig gemacht, ich muss mein Leben nicht ändern."

Baerbock zeigte an der Stelle, wie sich die Grünen vom üblichen Politik-Geblubber abheben. Statt vehement zu widersprechen, murmelte sie: "Mmmm, weiß nicht, ich glaube." Anne Will unterbrach sie: "Ein entschiedenes Nein klingt anders." Sie müsse das erst einmal verarbeiten, was Schwennicke gesagt habe, sagte Baerbock. Das konnte reine Taktik und geschwindelt sein. Vielleicht hatte sie der Journalist an einem wunden Punkt ertappt. Man konnte es aber auch als ernsthaftes Nachdenken, Innehalten oder Ein- oder Zugeständnis deuten. Wie auch immer: Es wirkte ehrlicher als Kramp-Karrenbauers Schönrednerei in den "Tagesthemen".

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Quelle: n-tv.de

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