Politik

Spionageskandal in ItalienRussische Geheimdienste hatten lange Wunschliste für ihre italienischen Agenten

13.07.2026, 17:06 Uhr A. Affaticati 1Von Andrea Affaticati, Rom
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Die russische Botschaft in Rom (Archivbild) (Foto: picture alliance / ASSOCIATED PRESS)

Der Kreml will so viel wie möglich über die italienische Rüstungsindustrie wissen. Italien soll dabei offenbar als Einfallstor nach Europa genutzt werden. Aber auch der Vatikanstaat ist im Visier Russlands.

Russische Geheimdienste könnten mithilfe von zwei ehemaligen italienischen Agenten ein noch breiteres Netz ausgeworfen haben als bislang vermutet. Das berichtet die italienische Tageszeitung "Il Messaggero". Über Italien wollte Moskau demnach auch Informationen über Rüstungs- und Militärstrategien der EU sammeln.

Türöffner in diesem Spionagefall, der in der vergangenen Woche bekannt wurde, waren die beiden ehemaligen Agenten Raoul Gavino Piras und Vincenzo Di Pasquale, beide 59 Jahre alt und schon länger im Ruhestand. Beide wurden inzwischen verhaftet und stehen unter Hausarrest.

Als Auftraggeber wurden Mikhail Vasilyevich Astakhov und Ivan Petrovich Gorbachev, Militärattachés an der russischen Botschaft in Rom, identifiziert. Während der russische Botschafter Aleksej Paramanov ins italienische Außenministerium einbestellt wurde, wurden Astakhov und Gorbachev ausgewiesen.

Auch der Vatikan stand im Visier

Dem "Messaggero" zufolge hat Russland auch großes Interesse an Informationen aus dem Vatikan gezeigt. In einem Mitschnitt soll Piras seinem Kompagnon Di Pasquale erzählt haben, er selbst habe Geld vorgestreckt, um einen Informanten im Vatikan zu bezahlen. Ob an der Geschichte etwas Wahres daran ist oder Piras sich lediglich wichtigmachen wollte, ist noch unklar.

Piras und Di Pasquale, wegen mutmaßlicher Spionage und unbefugtem Zugriff auf Datensysteme angeklagt, haben jegliche Schuld von sich gewiesen. Di Pasquales Verteidiger behauptete vor Journalisten, sein Mandant sei Opfer einer verhängnisvollen Freundschaft - der mit Piras - geworden. Piras wiederum sagte, er habe nur Informationen weitergeleitet, die ohnehin frei im Internet zugänglich gewesen seien.

Die Ermittler haben Videos, auf denen zu sehen ist, wie Piras Papiere an Astakhov übergibt und im Gegenzug Geld erhält. Der Tageszeitung "La Repubblica" zufolge, die Einblick in die Ermittlungsakte hatte, waren es 4000 Euro pro Auskunft. Die Männer trafen sich an abgelegenen Orten, um keine Aufmerksamkeit zu erregen.

Die russische Wunschliste

Was die Russen neben den Geschehnissen im Vatikan besonders interessierte, waren Informationen über technologische Details und neue Rüstungssysteme. Im Laufe einer Hausdurchsuchung bei Piras wurde eine Art Wunschliste gefunden, auf der die Russen detailliert notiert hatten, was sie wissen wollten. Zum Beispiel über das italienische Raumfahrt- und Rüstungsunternehmen Avio, das Flugabwehrraketensystem SAMP/T, die Flugabwehrrakete Aster sowie unbemannte U-Boote.

Ein besonderes Interesse soll es an dem Panzer gegeben haben, den der italienische Rüstungskonzern Leonardo und der deutsche Rheinmetall-Konzern gemeinsam entwickeln. Weiter wollten die Russen wissen, wie wirkungsvoll die Anschläge auf die iranische Nuklearinfrastruktur waren, welche Verteidigungsziele sich die EU gesetzt hat und wie es um die italienischen Möglichkeiten steht, der Ukraine beim Bau von Langstreckenraketen zu helfen. Auch über Italiens Waffenlieferungen an die Ukraine wollten sie mehr erfahren.

"Nur die Spitze eines riesigen Eisbergs"

Regierungschefin Giorgia Meloni und ihre Koalitionspartner dürften die Ermittlungen gespannt verfolgen, auch wenn Verteidigungsminister Guido Crosetto darauf hinweist, dass nicht nur Italien im Fokus der Russen stehe. "Das ist nur die Spitze eines riesigen Eisbergs", sagte Crosetto. Italien sei vulnerabel, aber nicht mehr und nicht weniger als andere Staaten: "Uns allen fehlen die nötigen Antikörper."

Trotzdem fühlt sich die italienische Regierung unter außerordentlicher Beobachtung. Erstens, weil es nicht der erste russische Spionagefall ist. Einer, der besonders viel Aufsehen erregt hatte, war bereits 2021 aufgeflogen. Im Fokus stand damals ein italienischer Fregattenkapitän, der geheime Nato-Dokumente an die Russen weitergeleitet hatte.

Hochrangige Putin-Versteher

Und dann sind da noch die italienischen Politiker, manche davon in führender Position, mit Sympathien für Putin. Zum Beispiel Lega-Chef Matteo Salvini, der auch Vizepremier ist. Da ist die Angst in den anderen Regierungsparteien, mit Blick auf russische Spionagetätigkeiten als schwaches Glied in Europa zu gelten, nicht ganz unbegründet. Das legt auch ein weiterer Blick auf die Wunschliste nahe. Das Raketenabwehrsystem SAMP/T und die Aster-Raketen sind Produkte von EUROSAM, dem europäischen Konsortium, in dem das italienische Rüstungsunternehmen Leonardo zusammen mit Franzosen und Briten arbeitet.

Und dann ist da noch das Ende 2024 gegründete Joint Venture Leonardo Rheinmetall Military Vehicles (LRMV), dessen Ziel die Entwicklung und Produktion neuer Kampfpanzer für die europäischen Streitkräfte ist. Leonardo und Rheinmetall halten jeweils 50 Prozent an LRMV. An Leonardo, Italiens wichtigstes Rüstungsunternehmen, hält der italienische Staat einen Anteil von 30 Prozent.

Jetzt, wo die zwei Russen nach Hause geschickt wurden, fragt man sich in Rom, wen der Kreml im Gegenzug des Landes verweisen wird. Möglich wäre Vittorio Parrella, Militärattaché an der italienischen Botschaft in Moskau. Interessant ist dabei, dass auf Parrellas Posten bis drei Monate nach dem russischen Angriff auf die Ukraine General Roberto Vannacci saß. Auch er ist ein Putin-Unterstützer, der außerdem mit seiner jüngst gegründeten rechtsextremen Partei Futuro Nuovo die italienische Politik aufwirbelt und Meloni unter Druck setzt.

Quelle: ntv.de

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