Politik

VPN-Technik boomt Millionen Russen versuchen Zensur zu umgehen

290669846.jpg

Putins Propaganda zu entkommen, ist in Russland gar nicht so einfach.

(Foto: picture alliance / ZUMAPRESS.com)

Die Zahl der Menschen in Russland, die die Sperre vieler Internetseiten per VPN-Technik umgehen, steigt massiv. Allerdings blockiert der russische Staat inzwischen auch diese. Außerdem sind die Kosten für die Anbieter hoch. Die US-Regierung will helfen.

Ob Nachrichtenwebsites, Streaming-Portale wie Netflix oder die Online-Dienste Facebook, Twitter und Instagram: Seit der Kreml viele Internetseiten gesperrt hat, wird es für die Menschen in Russland immer schwieriger, an unabhängige Informationen zu gelangen. Schon vor dem russischen Angriffskrieg in der Ukraine wichen Zehntausende Russen auf virtuelle private Kommunikationsnetze (VPN) aus, um die Zensur zu umgehen, inzwischen sind es Millionen.

VPN etwa baut eine Art anonymen Tunnel im Internet auf, durch den die Daten - in der Regel verschlüsselt - geschützt fließen können. Die IP-Adresse und der Standort des Nutzers werden dabei verschleiert. Die USA wollen den freien Zugang zu VPN und anderer Software zur Umgehung der Zensur für russische Bürger und Aktivisten unterstützen.

VPN ist für viele Russen die einzige Möglichkeit, an unabhängige Informationen zu kommen. Die Software hat in den vergangenen Monaten einen enormen Boom erfahren. Inzwischen gelingt es den russischen Behörden aber immer besser, VPN zu blockieren, deshalb bieten Netzwerke wie etwa Psiphon, Lantern oder NthLink inzwischen weitere Software zur Umgehung der Internet-Zensur an.

Zugriffe nach Facebook-Sperre verzwanzigfacht

Psiphon etwa hatte vor Kriegsbeginn 48.000 Nutzer pro Tag - mittlerweile sind es 1,45 Millionen Nutzer täglich. Mitte März, als der Kreml Facebook, Instagram und Twitter sperrte, hatten sich die Zugriffe nach Angaben seines Beraters Dirk Rodenburg verzwanzigfacht. Psiphon, Lantern oder NthLink werden derzeit schätzungsweise von rund vier Millionen Menschen in Russland genutzt.

Die Kosten für die VPN-Anbieter sind jedoch hoch und steigen durch die Sanktionen weiter an. Finanzspritzen aus dem Open Technology Fund (OTF) der US-Regierung sollen nun helfen. Der staatliche Fonds stellte bisher jährlich drei bis vier Millionen Dollar für die Finanzierung von VPN weltweit bereit - vor dem Hintergrund des russischen Angriffskriegs auf die Ukraine will er nun zusätzlich die Umgehung der russischen Internet-Zensur unterstützen.

Seit dem russischen Einmarsch in die Ukraine im Februar haben die russischen Behörden ihre Propaganda intensiviert und den Zugang zu inoffiziellen Informationsquellen stark eingeschränkt. Journalisten und Aktivisten, die vom "Krieg" sprechen, statt sich an die offizielle Sprachregelung - "Spezialoperation gegen Nazis" - zu halten, droht Gefängnis.

Auch freier Kanal zu Angehörigen

Während einige Stimmen, darunter auch die Ukraine, gefordert hatten, Russland komplett vom Internet abzuschneiden, betonten andere die Wichtigkeit des Internets, um oppositionelle Gruppen zu unterstützen. "Das russische Fernsehen sendet nichts als schreckliche Propaganda, die zu Hass und Mord aufruft", sagte die Anwältin der gemeinnützigen US-Organisation Access Now, Natalia Krapiva.

Mehr zum Thema

Tools, welche die Zensur umgehen, seien daher unerlässlich geworden, um unabhängige Informationen abzurufen, aber auch um frei mit Angehörigen kommunizieren zu können, sagte sie. Nur mithilfe des Internets ließe sich der Widerstand aufrechterhalten - erst recht, weil sich die Aktivisten nicht treffen könnten oder um die ganze Welt verstreut seien.

Ob der weltweite Zugang zum Internet aber tatsächlich einen Einfluss auf die normale russische Bevölkerung hätte, die zu einem großen Teil der Kreml-Propaganda folgt, kann auch Krapiva nicht sagen - unter anderem auch, weil nur ein kleiner Prozentsatz VPN-Technologie nutzt. "Die Technologie ist keine magische Lösung", sagt sie. "Aber noch schlimmer ist es, wenn das gesamte Internet zensiert wäre".

(Dieser Artikel wurde am Montag, 04. Juli 2022 erstmals veröffentlicht.)

Quelle: ntv.de, Glenn Chapman und Julie Jammot, AFP

ntv.de Dienste
Software
Social Networks
Newsletter
Ich möchte gerne Nachrichten und redaktionelle Artikel von der n-tv Nachrichtenfernsehen GmbH per E-Mail erhalten.
Nicht mehr anzeigen