Neue Schlagkraft der UkraineRusslands Ölhafen Tuapse brennt lichterloh
Russland bekommt die Folgen des Krieges immer stärker zu spüren: Die Gegenschläge der Ukraine gewinnen an Kraft. Der Schwarzmeerhafen Tuapse steht den zweiten Tag in Flammen, die riesige Rauchsäule ist selbst aus dem All noch zu erkennen.
Der ukrainische Luftangriff auf den russischen Schwarzmeerhafen Tuapse hat die Ölanlagen im Stadtgebiet offenbar sehr viel stärker getroffen als bislang bekannt. Über der rund 60.000 Einwohner zählenden Hafenstadt stiegen dichte, schwarze Qualmwolken auf. In dem weitläufigen Industriegebiet nahe des Stadtzentrums wüten mehrere Großbrände.
Ukrainische Kampfdrohnen waren dort in den Nächten auf Mittwoch und Donnerstag an mehreren Stellen zwischen Lagertanks und Verladeeinrichtungen eingeschlagen. Mindestens vier größere Öltanks fingen Feuer. Angefacht durch den Wind aus den Bergen konnten sich die Flammen in den Anlagen offenbar ausbreiten. Anwohner veröffentlichten in den Sozialen Netzwerken zahlreiche Fotos von der gewaltigen Rauchsäule über dem Stadtgebiet.
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Selbst aus dem All sind die Ausmaße des Infernos in Tuapse erkennbar: Aufnahmen aus dem europäischen Erdbeobachtungsprogramm Copernicus zufolge zog sich der Qualm über mehr als 70 Kilometer aufs offene Meer hinaus. Angesichts der weithin sichtbaren Auswirkungen des Angriffs räumten die russischen Behörden Probleme in Tuapse ein. Die Brände sind offenbar auch am Freitag noch nicht unter Kontrolle.
Die Feuerwehr kämpfe mit 177 Einsatzkräften gegen die Flammen, teilte die örtliche Verwaltung am dritten Tag nach Beginn der ukrainischen Angriffe mit. Bei den Explosionen sollen russischen Angaben zufolge zwei Menschen getötet worden sein, darunter ein 14-jähriges Mädchen. Sieben Menschen seien verletzt worden. Die Angaben lassen sich nicht unabhängig überprüfen.
Das ukrainische Militär hat den Angriff auf die Hafenanlagen in Tuapse bestätigt. Tuapse ist einer der wichtigsten Häfen im Süden Russlands und dient als Drehscheibe für den Export von Erdölprodukten, Kohle und Düngemitteln. Zudem befindet sich dort eine große Ölraffinerie. Sie gehört Rosneft, Russlands größtem Ölproduzenten. Die Raffinerie sei "an der Versorgung der russischen Armee mit Treibstoff beteiligt", hieß es aus Kiew. "Der Hafen ist einer der wichtigsten Knotenpunkte für den Export von russischem Öl." Nach den schweren Angriffen auf den Hafen in Noworossijisk Mitte März sollen die Ausfuhren nach Tuapse verlegt worden sein.
Der ukrainische Angriff auf Tuapse reiht sich ein in eine wachsende Zahl ukrainischer Angriffe tief im russischen Hinerland. Im Gegensatz zu den russischen Attacken auf zivile Ziele in der Ukraine - wie etwa Staudämme, Krankenhäuser oder Wohnblocks -, richten sich die ukrainischen Distanzschläge bisher ausschließlich gegen Einrichtungen der russischen Kriegswirtschaft. Die Anzahl und die Intensität dieser Angriffe konnte das ukrainische Militär in den vergangenen Monaten steigern: Anstatt wie noch im vergangenen Jahr einzelne leichte Drohnen einzusetzen, dringen ukrainische Waffensysteme wie der Marschflugkörper "Flamingo" oder die Kampfdrohne "Ljutyi" mittlerweile in ganzen Schwärmen in den russischen Luftraum ein.
Aufsehen erregten zuletzt etwa die ukrainischen Attacken auf russische Ölterminals an der Ostsee wie Ust-Luga, Primorsk oder Wyborg bei Sankt Petersburg sowie Fernangriffe auf Raffinerieanlagen bis hin zum Ural. Die "Lyjutyj"-Drohnen sollen auf eine Reichweite von bis zu 2000 Kilometer kommen. Belegt sind ukrainische Luftschläge über eine Distanz von rund 1500 Kilometern hinter der Front. Ukrainischen Angaben zufolge ist die Massenproduktion weitreichender Waffensysteme bereits angelaufen.
Die neuen Fähigkeiten der Ukraine stellen den Kreml vor gravierende Probleme: Die ukrainische Luftkriegsstrategie zwingt die russische Militärführung nicht nur dazu, Einheiten der Luftabwehr immer tiefer ins eigene Land zu verlegen und wertvolle Kapazitäten von der Front abzuziehen. Die russischen Raffinerien und Industriegebiete sind nur schwer gegen Attacken aus der Luft zu verteidigen.
Die negativen Auswirkungen des russischen Angriffskriegs werden im russischen Alltag immer sichtbarer. Der Luftraum über Moskau musste aufgrund anfliegender ukrainischer Drohnen schon mehrfach gesperrt werden. Ständiger Luftalarm, nächtliches Abwehrfeuer und abstürzende Drohnentrümmer tragen den Krieg ins öffentliche Bewusstsein. Die sich häufenden Luftalarme führen der russischen Öffentlichkeit zudem vor Augen, was die Menschen in dem von Russland angegriffenen Nachbarland seit mittlerweile mehr als vier Jahren erleiden.
Im Kern bedrohen die Angriffe jedoch vor allem die mit Abstand wichtigste Geldquelle des Kreml: Ohne die Einnahmen aus dem Ölexport, so das ukrainische Kalkül, dürften Machthaber Wladimir Putin womöglich bald schon die finanziellen Mittel ausgehen, um den ohnehin schon ruinösen Krieg gegen die Ukraine noch länger fortzuführen.
Nebenbei bedrohen die neuen Fernschlag-Waffen der Ukraine Putin längst auch persönlich: Die bekannteste Sommerresidenz des Krmelchefs am Schwarzen Meer liegt in Reichweite ukrainischer Drohnen. Die Stadt Sotschi etwa befindet sich die Küste entlang nach Südosten nur rund 75 Kilometer von Tuapse entfernt. Und die Palastbauten am Kap Idokopas liegen bei Gelendschik im Nordwesten sogar 80 Kilometer näher an der Ukraine.
