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Mittwoch, 04. April 2018

Verdopplung in fünf Jahren: Salafisten-Szene wächst rasant

Von Benjamin Konietzny

Für die Scharia, gegen die Demokratie: Die deutsche Salafisten-Szene mit ihrer steinzeitlichen Auslegung des Islam wächst rasant. Doch sind alle Salafisten auch Terror-Verdächtige? Wo liegen die Hochburgen der Szene?

Als die gefährlichste Gruppe innerhalb der wachsenden Islamisten-Szene in Deutschland gelten Salafisten. Ihre Zahl ist nun erstmals auf mehr als 11.000 Personen angestiegen. Eine Sprecherin des Bundesamtes für Verfassungsschutzes bestätigte gegenüber n-tv.de einen entsprechenden Bericht des "Tagesspiegel". Was wollen die radikalen Muslime? Wo liegen die Hochburgen der Salafisten? Und wie hat sich ihre Zahl in den vergangenen Jahren entwickelt? Fragen und Antworten:

Wie entwickelt sich die Szene in Deutschland?

Sie wächst sehr schnell: 2013 rechnete das Bundesamt für Verfassungsschutz noch rund 5500 Personen zum Kreis der Salafisten. Diese Zahl hat sich seither verdoppelt. Der aktuelle Verfassungsschutzbericht spricht von einem "ungebrochenen Zulauf" und "anhaltender 'Attraktivität'". Die Geschwindigkeit, in der die Szene wachse, verlangsame sich jedoch, sagte die Sprecherin des Inlandsgeheimdienstes zu n-tv.de. Eine Stagnation oder gar ein Rückgang ist demnach jedoch nicht in Sicht.

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Wo sind die Hochburgern der Salafisten-Szene in Deutschland?

Die Szene konzentriert sich vor allem auf die Städte in Deutschland. Frankfurt, Hamburg und Berlin verzeichnen laut Verfassungsschutz besonders hohe Zahlen. Die mit Abstand meisten Vertreter der Szene gibt es jedoch in Nordrhein-Westfalen, dort vor allem im Ruhrgebiet und im Rheinland. Das Landesamt für Verfassungsschutz zählte 2016 rund 2900 der damals bundesweit 9700 Salafisten in NRW.

Aktuell liegt die Zahl laut Verfassungsschutz in NRW bei rund 3000 Salafisten; sie sei damit nur moderat gestiegen. In Hamburg etwa sei der Anstieg im gleichen Zeitraum deutlich stärker gewesen: Im Juni 2017 zählte die Behörde in der Hansestadt 730 Salafisten, darunter 365 Dschihadisten. Aktuell seien es 798 Personen, darunter 434 gewaltbereite Dschihadisten.

Als Hochburgen der salafistischen Szene gelten neben den Metropolen Hamburg und Berlin etwa Dinslaken, Bonn und Wuppertal in NRW, Wolfsburg, Hildesheim und Braunschweig.

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Islamisten, Salafisten – was ist der Unterschied?

Das arabische Wort "Salaf" bedeutet so viel wie "Ahn" oder "Vorfahr". Davon leitet sich der Begriff Salafismus ab. Denn die Strömung des Islam will die Gepflogenheiten der Gründungszeit des Islam wieder aufleben lassen. Dazu gehört, dass die Lehren des Koran wörtlich genommen und sämtliche Reformbestrebungen abgelehnt werden. Diesen Anspruch will die Szene etwa durch das Tragen historischer Gewänder – eingeschlossen der Komplettverhüllung der Frau – und langer Bärte unterstreichen.

Laut dem Islamwissenschaftler Quintan Wiktorowicz lässt sich zwischen drei Strömungen innerhalb des Salafismus unterscheiden. Der puristische Salafismus bezieht sich demnach auf die Reinheit der Lehre. Ihre Akteure versuchen, ihr Leben komplett nach ihrer Interpretation des Koran auszulegen, agieren in aller Regel jedoch nicht öffentlich oder politisch. Auch für die deutschen Behörden gilt nicht jeder Salafist als Gefahr. Auch das Bundesinnenministerium kommt zu der Einschätzung, dass es Vertreter der Szene gibt, die ihre strengen religiösen Vorstellungen zu Hause ausleben, ohne aktiv ihr Umfeld missionieren zu wollen.

Also ist nicht jeder Salafist zwangsläufig auch ein Terror-Verdächtiger, dennoch sind laut Innenministerium umgekehrt fast alle gewaltbereiten Muslime Salafisten.

Die zweite Kategorie bilden laut Wiktorowicz Vertreter des politischen Salafismus. Sie fordern auch von anderen Muslimen und Nicht-Muslimen eine Umorientierung der Gesellschaft im Sinne ihrer Deutung des Islam. Akteure des politischen Salafismus treten demnach bei öffentlichen Kundgebungen auf und versuchen innerhalb und außerhalb ihres muslimischen Umfeldes zu missionieren. Der terroristische Salafismus schließlich betrachtet laut Wiktorowicz Gewalt als legitimes Mittel, um die eigenen religiösen und politischen Ideen umzusetzen.

Und Islamisten?

Salafisten sind ein Teil der islamistischen Szene in Deutschland, die ebenfalls vom Verfassungsschutz beobachtet wird und insgesamt rund 24.400 Personen umfasst. Salafisten sind ein besonders radikaler Teil dieser Szene. Als Islamisten werden Muslime bezeichnet, die die Trennung von Staat und Religion aufheben wollen. Viele Islamisten wünschen sich die Einführung der Scharia als verbindliche Rechtsordnung in Deutschland.

Pluralismus, Individualität und Menschenrechte haben im Konzept des Islamismus nur sehr bedingt Platz. Das Verhältnis von Demokratie zu Islamismus ist umstritten. In einigen Kreisen wird die Staatsform abgelehnt, andere sehen sie als eine dem Islam naheliegende Staatsform, so etwa die islamistische tunesische Ennahda-Partei.

Einige Politik- und Türkeiwissenschaftler bezeichnen auch die Agenda der AKP, der Partei des türkischen Präsidenten Recep Tayyip Erdogan, als islamistisch. Nicht alle Islamisten sind gewaltbereit.

Quelle: n-tv.de