Politik

Setzte Berlin auf Fall Kiews? Scholz-Sprecher weist Johnsons Vorwurf zurück

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Der Kanzler und sein Sprecher Hebestreit auf dem G20-Gipfel auf Bali.

(Foto: picture alliance/dpa)

Der Vorwurf des britischen Ex-Premiers Johnson klingt ungeheuerlich: Die Bundesregierung habe nach dem russischen Angriff aus wirtschaftlichen Gründen auf eine schnelle Niederlage der Ukraine gehofft. Der Sprecher von Bundeskanzler Scholz dementiert, nennt dabei allerdings keinerlei Details.

Regierungssprecher Steffen Hebestreit hat eine Äußerung des früheren britischen Premierministers Boris Johnson zur deutschen Ukraine-Politik scharf dementiert. "Johnson hatte immer ein eigenes Verhältnis zur Wahrheit, das ist hier nicht anders", sagte Hebestreit in Berlin zu der Aussage Johnsons, Deutschland habe zu Beginn des Krieges eine Niederlage der Ukraine gewollt. Johnson hatte dem Sender CNN gesagt: "Die deutsche Sicht an einem Punkt war: Wenn es passiert, dann ist es ein Desaster und es wäre besser, dass die ganze Sache schnell vorübergeht. Dass die Ukraine aufgibt." Der Sprecher von Kanzler Olaf Scholz sagte auf englisch: "This is utter nonsense." "Das ist völliger Unsinn."

Johnsons Äußerungen sorgten für Aufsehen, die Bundesregierung hatte sie zunächst nicht kommentieren wollen. Johnson sagte weiter, die deutsche Sichtweise habe er nicht unterstützen können. "Ich hielt das für eine katastrophale Sichtweise. Aber ich kann verstehen, warum sie so dachten und fühlten, wie sie es taten." Deutschland habe dafür "alle möglichen stichhaltigen wirtschaftlichen Gründe" vorgebracht. Die Aussagen machte Johnson dem Sender zufolge bereits am Montag in einem Gespräch mit CNN-Moderator Richard Quest in Lissabon. Sie erreichten aber erst am Mittwoch ein größeres Publikum.

Kritik auch an Frankreich und Italien

Der Ex-Premier, der während des Krieges mehrmals nach Kiew reiste, sagte, der russische Aufmarsch an den ukrainischen Grenzen sei ein Schock gewesen. "Wir konnten sehen, wie die Menge der russischen taktischen Bataillonsgruppen zunahm, aber verschiedene Länder hatten sehr unterschiedliche Ansichten", sagte Johnson. Viele westliche Regierungen hatten vor dem russischen Angriff befürchtet, dass die Ukraine aufgrund der Übermacht des russischen Militärs innerhalb weniger Tage geschlagen sein könnte.

Der ehemalige Regierungschef kritisierte auch Frankreich und Italien für ihre Haltungen vor Kriegsausbruch. Mit dem russischen Angriff am 24. Februar hätten sich die Ansichten aber geändert, betonte Johnson. "Was passierte, war, dass alle - Deutsche, Franzosen, Italiener, alle, (US-Präsident) Joe Biden - sahen, dass es einfach keine Option gab. Weil man mit diesem Typen nicht verhandeln konnte", sagte Johnson mit Blick auf den russischen Präsidenten Wladimir Putin. "Das ist der springende Punkt." Johnson lobte vor allem die Reaktion der EU als "brillant".

Quelle: ntv.de, mau/rts/dpa

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