Politik

"Attacke - Fliegen ist kacke" Schüler-Demo heizt Flughafen Stuttgart ein

122689337.jpg

"Das haben wir so noch nicht erlebt", sagte die Sprecherin des Stuttgarter Flughafens.

(Foto: picture alliance/dpa)

Neuer Name für eine alte Klimasünde: "Flugscham" wollen die Aktivisten von Fridays for Future beim Start in die Sommerferien in Stuttgart auslösen. Sie demonstrieren erstmals an einem Flughafen. Ein Flug nach Bologna für 5,99 Euro? Das finden die Protestler "obszön".

Freitagmittag, Flughafen Stuttgart, Terminal 1: Es herrscht Hochbetrieb. Tausende Reisende starten in die baden-württembergischen Sommerferien, laufen durch die Halle, warten an Schaltern, geben Gepäck auf. Plötzlich schallen Sprechchöre von oben herunter in die riesige Halle. "30 Euro, Stuttgart-Berlin - wo bleibt die Steuer auf Kerosin!", rufen die Klimaaktivisten. Sie schreien, pfeifen, trommeln, klatschen. Die Fluggäste blicken nach oben, manche interessiert, andere verwirrt.

Mehrere Hundert Klimaaktivisten demonstrieren am Stuttgarter Flughafen gegen umweltschädliches Fliegen. Bei der Protestveranstaltung am letzten Schultag vor den Sommerferien in Baden-Württemberg handelt es sich nach Angaben der Veranstalter um die erste Demonstration von Fridays for Future an einem deutschen Flughafen überhaupt. Laut Veranstalter beteiligen sich rund 350 Personen an der Aktion.

Die Aktivisten hängen Plakate und Transparente auf, skandieren Sprüche wie "Attacke, Attacke - Fliegen ist kacke" oder "Runter mit den Bahnpreisen - hoch Kerosinsteuer". Weitere regionale Klima- und Umweltgruppen beteiligen sich an dem außergewöhnlichen Protest. Steffen Siegel von der Schutzgemeinschaft Filder hebt mitten im Pulk der Demonstranten eine Zeitungsanzeige in die Luft, dort wird ein Flug von Stuttgart nach Bologna für 5,99 Euro angepriesen. "Das ist schlichtweg obszön!", ruft der 74-Jährige wütend in die Menge.

Flugscham gewollt: "Man muss nicht in Indien Urlaub machen"

Der Klimaschutz ist derzeit das politische Thema schlechthin, die Grünen sind im Höhenflug, auch das Phänomen der Flugscham ist in aller Munde. Beginn einer neuen Protestwelle an deutschen Flughäfen? "Es ist wichtig, dass wir auch an andere Orte gehen", sagt der 21 Jahre alte Demo-Organisator Elias Zand-Akbari von der Stuttgarter Regionalgruppe von Fridays for Future. "Wir müssen die Leute erreichen, die nicht zu unseren Demos auf dem Rathausplatz kommen."

Er hoffe, dass es nun regelmäßig solche Aktionen an Flughäfen gebe. Man müsse nicht in Indien Urlaub machen, sagt er. Man müsse den Leuten klarmachen, dass das Fliegen die Umwelt zerstöre. Inlandsflüge sollten verboten werden, Kerosin gehöre ordentlich besteuert. Es sei aber auch Sinn der Sache, den Fluggästen ein schlechtes Gewissen zu machen.

"Das hatten wir so noch nicht", sagt eine Sprecherin des Flughafens. Es sei gut, dass sich junge Leute engagierten. Auch dem Flughafen sei Klimaschutz wichtig. Aber man wolle das Fliegen eben nicht verbieten, sondern klimafreundlicher machen, etwa durch neue Treibstoffe. Außerdem könne man Billigflieger nicht verbieten. "Wir als Flughafen können nicht vorschreiben, wer hier fliegt und zu welchen Preisen", sagt sie. "Das ist Marktsache."

Letzter Schultag: Gute Noten für "zivilen Ungehorsam"

Die Schule hat für die Flughafenaktion niemand geschwänzt. Schließlich wollte man die Zeugnisvergabe nicht verpassen, erklärt ein Aktivist. Dafür gibt es dann im Terminal 1 gleich noch mal Zeugnisse, wenn auch eher scherzhaft. Dutzende Teilnehmer lassen sich an einem Tisch kleine Zeugnis-Zettel stempeln. Dort wird eingetragen, an wie vielen Streiks man schon teilgenommen hat. Statt Schulfächer werden andere Felder benotet, etwa "Verantwortungsbewusstsein", "Schilder basteln", "Friedlich demonstrieren" und "Ziviler Ungehorsam". Und zwar ausschließlich mit "sehr gut". Am Freitag bleibt es auch völlig friedlich - wegen der räumlichen Trennung kommt es auch kaum zum direkten Kontakt zwischen Fluggästen und Fluggegnern.

Susanne Woitsch steht unten in der Halle vor dem Schalter 158 und blickt nach oben zu den Demonstranten. "Ich habe ein schlechtes Gewissen", sagt sie. Die 56-Jährige aus Göppingen ist auf dem Weg nach Amsterdam. Ein Betriebsausflug übers Wochenende mit ihren Kolleginnen, da wollte sie nicht "Nein" sagen. Aber sie sei schon Jahre nicht mehr geflogen. "Das ist richtig und wichtig, weil sich sonst nichts ändert", sagt sie zu dem Protest. "Die Politiker brauchen Druck." Manch anderer Urlauber will sich lieber nicht zu seinen Flugplänen äußern.

Am Ende haben die Aktivisten dann selbst sogar noch ein wenig Spaß am Fliegen. Sie falten Dutzende Papierflieger und lassen diese unter Pfiffen und Rufen in die Terminalhalle hinunter segeln zu den Urlaubern - ganz klimaneutral.

Quelle: n-tv.de, Von Nico Pointner, dpa

Mehr zum Thema