Politik
Schwester und Bruder des SPD-Kanzlerkandidaten: Doris Harst und Walter Schulz
Schwester und Bruder des SPD-Kanzlerkandidaten: Doris Harst und Walter Schulz(Foto: picture alliance / Maurizio Gamb)
Mittwoch, 10. Mai 2017

SPD-Kanzlerkandidat: Schulz' Geschwister reden über "den Martin"

Von Christian Rothenberg

Wie wurde Martin Schulz zu dem, was er ist? Ein neues Buch beschreibt den Werdegang des SPD-Kanzlerkandidaten. Schwester Doris und Bruder Walter stellen die Biografie vor.

Walter Schulz schaltet sein Smartphone auf lautlos. Dann setzt sich der kleine Mann mit Brille und Glatze neben Schwester Doris und blickt erwartungsfroh in die Runde. Zumindest so weit, wie er gucken kann. Der Raum in der Bundespressekonferenz ist klein, aber voll. Vor den Geschwistern von Martin Schulz ist eine Wand aus Kameras aufgebaut, die den Blick auf die meisten Besucher versperrt. Die beiden sind nach Berlin gekommen, um etwas vorzustellen, an dem sie wesentlich mitgewirkt haben: "Verstehen Sie Schulz" will ein besonderes Buch sein im Reigen neuer Biografien über den SPD-Kanzlerkandidaten.

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Verleger Christian Strasser kann seinen Stolz nicht verbergen. Für ihn ist die 180 Seiten starke Veröffentlichung keine normale Biografie. Das Buch werde viele berühren, weil es zeige, "was den Menschen ausmacht, prägt und zu dem macht, was er ist". Neben ihm sitzt Autor Martin Häusler. Er sagt: Wer Schulz und seinen Kampfgeist verstehen wolle, müsse "in das Familiensystem" hineinschauen und seine "formgebenden Kräfte analysieren". Häusler legt in seinem Buch den Fokus auf die Familie, den Schulz-Clan, wie er sagt. Der Journalist hat nach eigenen Angaben tränenreiche Gespräche mit dem SPD-Politiker geführt. Er sprach aber auch mit seinen Geschwistern. Walter Schulz, der zehn Jahre älter ist als Bruder Martin, sagt: "Wenn meine Familie öffentlich diskutiert wird, dann will ich daran mitwirken." Es sei "Last und Freude" gewesen, daran teilzunehmen.

Einen Tag nach dem Tod seines Großvaters wurde Martin Schulz am 20. Dezember 1955 als jüngstes von fünf Geschwistern in Würselen, einer 40.000-Einwohner-Stadt in der Nähe von Aachen, geboren. Wie das damals war? Schwester Doris Harst, sechs Jahre älter als der SPD-Kanzlerkandidat, ist heiser und schiebt das auf die Aufregung. "Martin ist total verwöhnt worden", sagt sie. Anders als die vier Geschwister sei er kein Kriegskind gewesen. Wenn er neue Fußballschuhe gebraucht habe, sei dies kein Problem gewesen. "Der Martin wurde von uns geliebt. Er war charmant, hatte seine Sprüche drauf und sein dramaturgisches Talent war früh erkennbar."

Fußball, Alkohol, kein Selbstmord

Häusler spielt ein bisschen den Familientherapeuten. Schulz-Bruder Walter schaut etwas skeptisch, während der Autor von Familienaufträgen spricht, die der kleine Martin früh habe übernehmen müssen. Den Vornamen erhielt Martin vom Großvater, den zweiten, Josef, vom früh verstorbenen Onkel. Mutter Klara war Mitbegründerin der CDU in Würselen, ein Landtagsmandat lehnte sie jedoch ab und entschied sich für die Familie. Vielleicht ein Antrieb für ihren Jüngsten, in die Politik zu gehen. Die Motive Stolz und Ehre, das Bedürfnis, es allen beweisen zu wollen. Das leben, was anderen verwehrt blieb. Auf all das führt Häusler den großen Ehrgeiz von Martin Schulz zurück. So leitet er seinen Werdegang her, aber auch seine persönlichen Krisen.

Häusler beschreibt die politischen Diskussionen am Küchentisch der Familie. Schulz, immer der Kleinste, habe früh lernen müssen, sich durchzusetzen. Er habe immer versucht, die gleichen Leistungen zu bringen wie die Älteren. "Er stand immer vor der Frage: Wie erzeuge ich Aufmerksamkeit? Das hat ihn sicherlich sehr geprägt", ist sich der Autor sicher. Litt Martin unter dem familiären Druck und schlitterte er deshalb so früh in den Abgrund? Häusler kommt in seinem Buch zu diesem Urteil.

Schulz war ein mittelmäßiger Schüler, aber leidenschaftlicher Fußballer als Verteidiger bei Rhenania Würselen. Eine Verletzung kostete ihn den Traum von der Bundesliga. Er engagierte sich bei den Jusos, begann eine Lehre als Buchhändler und trank immer mehr. Freunde und Familie wandten sich von ihm ab. Der Tiefpunkt? Die Schulz-Geschwister tuscheln. Es war im Juni 1980. Schulz hat eine Räumungsklage am Hals und kein Geld mehr. Er ist ganz unten. Eine Szene, die im Buch ausführlich beschrieben ist. Schulz dachte sogar an Selbstmord, entschied sich aber dagegen. Mit den beiden letzten Groschen rief er von einem Münzfernsprecher seinen Bruder Erwin an. "Ich hör auf!", sagte er und hörte vom einen auf den anderen Tag mit dem Trinken auf. Mit Erfolg. Nach eigenen Angaben hat er bis heute keinen Alkohol mehr getrunken.

"Er wird Bundeskanzler"

Dann ging Schulz seinen Weg. 1982 gründete er eine eigene Buchhandlung, die Schwester Doris übernahm, als er in die Politik ging. Mit 31 Jahren wurde Martin Schulz 1987 Bürgermeister von Würselen. 1994 wurde er Europaabgeordneter, eine Zeitlang pendelte Schulz sogar zwischen EU-Parlament und seiner Heimatstadt, bevor er ganz nach Brüssel wechselte. Die Zeitspanne von 1994 bis heute wird im Buch zwar beschrieben, nimmt aber nur etwa 30 Seiten ein. Das letzte kurze Kapitel widmet sich der jüngsten, vielleicht wichtigsten Episode der Karriere von Martin Schulz: seiner Kanzlerkandidatur. Wie bei seiner Wahl zum Bürgermeister sei ihm dieser Job angetragen worden. "Zu spüren, da ist jemand, der mir das zutraut. Das war wichtig für Martin", sagt Schwester Doris. Aus Sicht von Häusler ist auch die Kanzlerkandidatur ein Familienauftrag, den Martin Schulz angenommen habe. Nur eben für seine zweite Familie: die SPD.

Häuslers Buch versucht sich auch optisch von den anderen Schulz-Biografien abzugrenzen. Es lehnt sich an den Popart-Stil an, mit dem einst der frühere US-Präsident Barack Obama dargestellt wurde. Ähnliche in Blau und Rot designte Poster tauchten im Januar mit Schulz' Porträt auf. Nach seiner Kür löste Schulz einen Hype aus, die SPD sprang innerhalb kürzester Zeit wieder auf mehr als 30 Prozent. Inzwischen sind Euphorie und Umfragewerte gesunken, zuletzt verlor die SPD zwei Landtagswahlen. Von einem Schulz-Effekt war nichts mehr zu spüren. Die Geschwister, die beide SPD-Mitglieder sind und sich im Wahlkampf engagieren, halten sich darauf angesprochen ein wenig bedeckt. Schwester Doris sagt: "Ich sage den Leuten: Wenn du den Martin wählst, hat er eine größere Chance." Walter Schulz sagt: "Er wird Bundeskanzler."

Der Kontakt zwischen den Geschwistern ist weiterhin eng. Martin komme regelmäßig nach Würselen, berichtet Doris Harst, man schreibe sich über WhatsApp. Häusler berichtet von seinen emotionalen Gesprächen mit dem Schulz-Clan. Er könne sich vorstellen, dass Martin Schulz in der SPD-Zentrale in diesen Tagen auch mal richtig laut wird. Walter Schulz zieht die Schultern hoch und schaut wieder skeptisch, sagt aber nichts. Er müsste es ja eigentlich wissen.

 

Quelle: n-tv.de