Politik

Interview mit Gregor Gysi "Schulz hat ein paar Fehler gemacht"

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Gregor Gysi, und Linken-Chefin Katja Kipping beim Parteitag in Hannover.

(Foto: picture alliance / Peter Steffen)

Rot-Rot-Grün sei vielleicht mal machbar gewesen, aber "im Moment ist die SPD dabei, das alles wieder kaputtzumachen", sagt Gregor Gysi beim Parteitag in Hannover im Interview mit n-tv. Er hat Ratschläge für die Sozialdemokraten. Und für seine eigene Partei.

n-tv: Herr Gysi, Sie haben durchaus Erfahrung mit der Verabschiedung von Wahlprogrammen. Wie froh sind Sie, dass Sie das hier in Hannover nicht mehr durchboxen müssen?

Gregor Gysi: Sehr froh, ehrlich gesagt. Parteitage sind höchst anstrengend, leidenschaftlich, auch ein bisschen wichtigtuerisch – es kommt so alles zusammen. Das ist verständlich und nachvollziehbar, aber ich bin froh, dass ich die Verantwortung dafür nicht mehr trage. Allerdings werde ich zu Europa sprechen und hoffe, dass ich die Delegierten ein bisschen überzeuge.

Ein großes Thema, an dem sich die Linke seit Jahren abarbeitet, ist Rot-Rot-Grün. Es bleibt die einzige Option, um jemals regieren zu können. Was sagen Sie, wie die SPD jetzt aufgestellt ist, mit ihrem Kanzlerkandidaten Martin Schulz: Wäre das machbar?

Es war vielleicht mal machbar, im Augenblick ist die SPD gerade dabei, das alles wieder kaputtzumachen. Ich könnte Ihnen jetzt stundenlang die Fehler der SPD aufzählen, das lasse ich mal bleiben. Es hat ihnen nichts genutzt, zu sagen, dass sie nicht mit uns regieren will, es hat nichts genutzt, wenn Frau Kraft (die abgewählte Ministerpräsidentin von NRW) sagte, sie werde nie mit uns regieren. In beiden Fällen hat die SPD brockenhaft verloren. Sie müssen sich ganz andere Gedanken machen. Aber: Von uns aus muss immer die Bereitschaft dazu da sein. Opposition ergibt Sinn. Man kann den Zeitgeist verändern. Aber wirksamer und schneller kann man mehr soziale Gerechtigkeit, mehr Frieden und vieles andere herstellen, wenn man in der Regierung ist. Also darf es niemals an uns scheitern, sondern wenn, dann an den anderen.

Könnten Sie zwei, drei Punkte nennen, die Sie an der SPD konkret stören?

Martin Schulz hat sich gar nicht vorbereitet. Am Sonntag ist entschieden worden, dass er Kanzlerkandidat wird, am Montag stand er vor der Presse. Er hätte sagen müssen: Ich brauche drei Wochen, ich brauche Zeit, ich brauche ein Team, ich muss mich inhaltlich vorbereiten. Das ging so gar nicht. Das Zweite ist, dass er vor der Saarland-Wahl gesagt hat: Warum nicht mit Oskar Lafontaine, der hat doch schon gut regiert im Saarland? Das hat auch der SPD nicht geschadet, auch der Linken nicht, aber es hat den letzten CDU-Wähler an die Wahlurne getrieben, weil die alle gesagt haben: Um Gottes Willen, das will ich ja gerade verhindern! Hätte er das nicht gesagt, hätte es vielleicht ein ganz anders Ergebnis gegeben.

Danach hat er den Fehler begangen, dass er sagte, er könne auch mit der FDP koalieren. Da sind ihm seine sozialen Versprechen nicht mehr geglaubt worden. Dann hat Frau Kraft gesagt: Niemals mit der Linken, darauf hat sie auch verloren. Jetzt sind sie einfach durcheinander. Wenn ich ihm hätte Ratschläge geben sollen, wofür ich aber gar nicht zuständig bin, dann hätte ich ihm gesagt: Mach ein Programm, kämpfe für das Programm und lass die Koalitionsfragen aus. Streite für Mehrheiten für dieses Programm. Das wäre, glaube ich, der Ansatz gewesen als Alternative zu Frau Merkel.

Welchen Ratschlag geben Sie Ihrer Partei?

Dass sie signalisieren muss, dazu bereit zu sein. Sie muss die Angst abstreifen. Und die Selbstbeschäftigung etwas reduzieren, das wünsche ich mir auch. Und nach außen politisch wirken für Alternativen, das deutlich machen und damit Leute gewinnen.

Mit Gregor Gysi sprach Miriam Pauli

Quelle: ntv.de