Politik

Steinmeier in Argentinien Schwer drückt die Last der Vergangenheit

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Erinnerung an die Opfer der Militärdiktatur: Steinmeier wirft weiße Rosen in den Fluß.

(Foto: dpa)

Auf seiner Lateinamerika-Reise holt Steinmeier die Geschichte ein. Während der Militärdiktaturen in Argentinien und Chile verhielten sich deutsche Diplomaten nicht so, wie sie sollten. Aus den Fehlern will man lernen. Manche hatten sich mehr erhofft.

Auf dem Gelände des Parque de la Memoria, des Parks der Erinnerung, von Buenos Aires steht eine große Steinwand. Darauf sind, geordnet nach Jahrgängen, Tausende Namen eingraviert. Alles Menschen, die in der Zeit der argentinischen Militärdiktatur verschwanden und ermordet wurden. Auch deutsche Namen finden sich darauf, zum Beispiel: Klaus Zieschank - 1976, Nora Marx - 1976, Elisabeth Käsemann - 1977.

Vier Jahrzehnte später stand auf dem Gelände am Rio de la Plata nun zum ersten Mal ein deutscher Außenminister. Zur Erinnerung warf Frank-Walter Steinmeier ein paar weiße Blumen in den Fluss, wie das hier üblich ist. Man schätzt, dass die Generäle zwischen 1976 und 1983 in Argentinien bis zu 30.000 Menschen töten und oft spurlos verschwinden ließen, darunter auch mehr als 70 junge Deutsche oder Deutschstämmige.

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Elisabeth Käsemann war 1970 nach Buenos Aires gegangen und engagierte sich in kommunistischen Organisationen.

(Foto: picture alliance / dpa)

Bei dem Besuch ging es aber nicht allein um eine Geste der Erinnerung. Bis heute stellt sich die Frage, ob deutsche Stellen - insbesondere das Auswärtige Amt unter Hans-Dietrich Genscher - damals genug getan haben, um Bundesbürger zu schützen. Immer wieder kommt der Vorwurf, dass Politik und Wirtschaft in jener Zeit des Kalten Krieges wichtiger waren. Statt auf klare Worte setzte man auf "stille Diplomatie".

Versagen im Fall Käsemann?

Der bekannteste Fall ist der von Elisabeth Käsemann - einer deutschen Studentin, Tochter eines Theologie-Professors aus Tübingen. Im Mai 1977, kurz vor ihrem 30. Geburtstag, wurde sie verschleppt, gefoltert und schließlich ermordet. Die Versuche der Botschaft in Buenos Aires, sie zu retten, waren allzu diskret. Der zuständige Abteilungsleiter in der AA-Zentrale schrieb damals: "Unser Einsatz in der Menschenrechtsfrage sollte nicht so weit gehen, dass er zu einer nachhaltigen Beeinträchtigung des deutsch-argentinischen Verhältnisses führt."

Die Linke-Abgeordnete Heike Hänsel, die auf Steinmeiers aktueller Lateinamerika-Reise zur Delegation gehört, wirft dem AA deshalb "unterlassene Hilfeleistung" vor. "Das AA trägt eine Mitschuld am Tod von Elisabeth Käsemann und an der Ermordung vieler anderer." Viele ziehen einen Vergleich mit dem Verhalten deutscher Diplomaten zur gleichen Zeit in Chile. Auf dem Gelände der Sekte Colonia Dignidad, die der Auswanderer Paul Schäfer gegründet hatte, wurden viele Jahre lang Menschen gequält, missbraucht und gefoltert, ohne dass die Botschaft in Santiago etwas dagegen tat.

Noch lange nicht aufgearbeitet

Erst vor wenigen Wochen bekannte Steinmeier: "Nein, der Umgang mit der Colonia Dignidad ist kein Ruhmesblatt." Zugleich verfügte er, dass die Akten des Auswärtigen Amtes dazu vor Ablauf der Frist geöffnet wurden. Was Argentinien betrifft, liegen die Dinge aus seiner Sicht anders. Der größte Teil der Akten ist hier schon frei. Auf die Frage nach einer "Mitschuld" entgegnete Steinmeier knapp: "Es lässt sich aus rückblickender Bewertung immer sagen, dass man noch intensiver diesen Fällen hätte nachgehen können."

Künftig soll - ebenso wie die Colonia Dignidad - aber auch der Fall Käsemann zum Pflichtprogramm der Diplomatenausbildung gehören. Aus den Fehlern will man lernen. Von der Grünen-Politikerin Claudia Roth, ebenfalls in der Delegation dabei, gab es Beifall: "Es kann das Auswärtige Amt ja nur stärken, wenn es zu seiner eigenen Geschichte steht." Der Anwalt Wolfgang Kaleck hingegen, der seit vielen Jahren Opferfamilien vertritt, hatte sich mehr erhofft. "Steinmeier muss Taten folgen lassen - indem er alle Archive öffnet und unabhängige Experten mit der Aufarbeitung beauftragt."

Im Park der Erinnerung jedenfalls versteht man schnell, dass die Geschichte keineswegs vorbei ist. Auf der Steinwand sind bislang die Namen von etwas mehr als 8800 eingraviert, deren Schicksal einigermaßen bekannt ist. Immer wieder kommen neue hinzu. Platz ist für 30.000.

Quelle: n-tv.de, Christoph Sator, dpa

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