Übergang wird DauerlösungSelenskyj setzt auf das Spinnennetz-Mastermind
Von Denis Trubetskoy, Kiew
Nachdem der ukrainische Präsident Selenskyj den beliebten Verteidigungsminister Fedorow abgesetzt hat, musste er einen Nachfolger finden, der schwer zu kritisieren ist. Mit dem bisherigen Geheimdienstchef Jewhen Chmara ist ihm das gelungen. Dass Chmara erst einmal nur übergangsweise amtieren soll, hat lediglich formale Gründe.
Wenn es ganz nach den Wünschen des ukrainischen Präsidenten Wolodymyr Selenskyj gegangen wäre, dann wäre der Konflikt zwischen Ex-Verteidigungsminister Mychajlo Fedorow und Armee-Befehlshaber Oleksandr Syrskyj durch die Entlassung von beiden gelöst worden. Zumindest hat Selenskyj dies den Abgeordneten seiner Fraktion im ukrainischen Parlament bei einer Sitzung am Mittwochabend gesagt.
Es wäre typisch gewesen für Selenskyjs politischen Stil. Schon einmal, vor der russischen Großinvasion, hat er so gehandelt: Mitte 2021 standen der damalige Armeechef und der Verteidigungsminister in einem nicht weniger scharfen Konflikt. Statt sich für einen der beiden zu entscheiden, machte Selenskyj Walerij Saluschnyj, den heutigen Botschafter in London und einen der Favoriten für eine Präsidentschaftswahl nach dem Krieg, zum Befehlshaber - und überredete den Juristen Oleksij Resnikow dazu, das Verteidigungsministerium zu übernehmen, obwohl der eigentlich keine sonderliche Lust darauf hatte.
Resnikow stolperte später über Skandale, für die er politisch verantwortlich, in die er persönlich aber wohl nicht verwickelt war. Dennoch war es genau diese personelle Doppelentscheidung, die der Ukraine half, den Beginn des russischen Überfalls zu überstehen.
Einen Rauswurf von Syrskyj kann Selenskyj sich nicht leisten
Dass sich Selenskyj im unlösbar gewordenen Konflikt zwischen Fedorow und Syrskyj trotzdem gegen den beliebten Minister und für den Armee-Chef entschied, stößt in der ukrainischen Öffentlichkeit auf Unverständnis und Empörung. Tausende protestierten in mehreren ukrainischen Städten gegen die Entscheidung. Sie forderten nicht nur eine Rücknahme der Entlassung Fedorows, sondern auch den Rauswurf von Syrskyj - vermutlich der ukrainische General mit der meisten Erfahrung.
Selenskyj soll seine Entscheidung der eigenen Fraktion sinngemäß so erklärt haben: Ich kann es mir nicht erlauben, einen verlässlichen Militär aus dem System zu nehmen, der bei der Armee trotz aller Kritik weithin geschätzt wird.
Man muss diese Logik nicht teilen, aber sie ist nachvollziehbar. Was allerdings kaum jemand im politischen Kiew verstanden hat, war Selenskyjs ursprüngliche Idee: Zunächst wollte er Fedorow durch den bisherigen Innenminister Ihor Klymenko ersetzen - ausgerechnet durch jemanden, dessen Beziehung zu Syrskyj zwar nicht zerstört, aber doch belastet ist. Klymenko ist ehemaliger Chef der nationalen Polizei. In der Ukraine herrscht eine traditionelle Rivalität zwischen Polizei und Armee. Kaum vorstellbar, dass ein ehemaliger Polizeichef von den Militärs akzeptiert worden wäre. Mit Klymenko hätte Selenskyj einen Konflikt durch einen anderen ersetzt.
Lieber hätte Selenskyj sich gleich für Chmara entschieden
Auch dies soll Selenskyj seiner Fraktion erläutert haben. Lieber hätte er sich für eine andere Person entschieden - etwa für den kommissarischen Chef des Inlandsgeheimdienstes SBU Jewhen Chmara, eine ukrainische Militärlegende, der maßgeblich für die ukrainische Kampagne der sogenannten Deep Strikes gegen die russische Ölinfrastruktur tief im Hinterland verantwortlich ist. Während Ex-Verteidigungsminister Fedorow mit der dazugehörigen technologischen Entwicklung die Middle-Strikes-Kampagne rund um die Logistik der besetzten Krim vorangetrieben hat und dafür zu Recht gelobt wird, sind die Deep Strikes vor allem ein Verdienst der engen Zusammenarbeit zwischen den Drohnen-Einheiten und den Spezialkräften des SBU.
Chmara hätte diese Strategie an der Spitze des Verteidigungsministeriums vertiefen können, soll Selenskyj gesagt haben. Gäbe es ein Problem nicht: Der Prozess der Mobilisierung muss dringend in Ordnung gebracht werden - und dafür passt der Polizist Klymenko besser. Als jedoch klar wurde, dass sich im Parlament nicht genug Stimmen für Klymenko finden, wurde seine Kandidatur erst gar nicht bei der Werchowna Rada vom Präsidenten eingereicht.
Klymenko ist bisher der mit Abstand Unglücklichste im aktuellen Kiewer Machtkampf, da er bereits durch seinen Nachfolger als Chef der Nationalen Polizei in der Rolle des neuen Ministers ersetzt wurde. Klymenko ist zwar sicher nicht unglücklich, dass er das Verteidigungsministerium mit allen Problemen und möglichen Konflikten nicht übernehmen muss. Aber nun bleibt er zunächst arbeitslos, obwohl seine Entlassung als Innenminister ursprünglich gar nicht zur Diskussion stand. Am Ende dürfte er den Posten des Sekretärs des nationalen Sicherheitsrates übernehmen.
Interimsminister - wegen der Nato-Standards
Am Donnerstagabend verkündete Selenskyj eine Entscheidung, mit der kaum jemand gerechnet hatte: Tatsächlich soll nun Jewhen Chmara neuer Verteidigungsminister werden, wenn auch zunächst übergangsweise - wie ursprünglich auch beim SBU. Allerdings gilt dies als Formsache. Denn Chmara ist formell aktiver Generalmajor; der ukrainische Verteidigungsminister muss gemäß den von der Ukraine übernommenen Nato-Standards eine zivile Person sein. Die Entlassung aus dem Dienst, die jetzt erfolgen muss, ist in Zeiten des Kriegsrechts juristisch kompliziert.
Streng genommen ist unklar, wie Chmara Interimsminister werden soll. Denn eigentlich müsste ihn das neue Kabinett erst zum stellvertretenden Minister machen - eine Position, die ebenfalls nur von einem Zivilisten belegt werden kann. Es ist aber eher nicht zu erwarten, dass ausgerechnet Chmaras Kandidatur an juristischen Formalitäten oder später an nicht ausreichender Unterstützung im Parlament scheitert.
Guter Ruf bei Armee und Geheimdiensten
Seine Karriere begann der heutige Generalmajor bei einer Spezialeinheit der Nationalgerade, bevor vor rund 15 Jahren der Wechsel zum Inlandsgeheimdienst SBU erfolgte, wo er vor allem in der militärischen Spezialeinheit A (für "Alpha") diente, die schon zu Beginn des ursprünglichen Donbass-Krieges an Schlüsselkämpfen um den Flughafen von Donezk teilnahm. A ist eine der Elite-Einheiten der ukrainischen Verteidigungskräfte. Zu Beginn des vollumfänglichen Kriegs nahm er zunächst an der Befreiung der Region Kiew und dann an wichtigen Kämpfen um Städte wie Lyssytschansk und Sewerodonezk im Donbass teil. Außerdem war er in die Operation um die Befreiung der Schlangeninsel im Schwarzen Meer im Sommer 2022 eingebunden.
All das resultierte in der Entscheidung Selenskyjs ein Jahr später, Chmara zum A-Kommandeur zu machen. Zusammen mit dem damaligen SBU-Chef Wassyl Maljuk war Chmara beim Inlandsgeheimdienst für die Deep Strikes gegen das russische Staatsgebiet verantwortlich. Als der SBU im Juni mit der "Operation Spinnennetz", bei der die Ukraine zahlreiche russische Militärflugzeuge zerstören konnte, international Schlagzeilen schrieb, waren Drohnenpiloten der Einheit A prominent dabei.
Seit Januar 2026 fungierte Chmara dann als Interimschef des SBU. Bei der Armee und bei den Geheimdiensten soll sein Stand unumstritten sein. Hinzu kommt, dass er die Herausforderungen des modernen Drohnenkriegs auch auf der technologischen Ebene bestens versteht und im engen Kontakt mit ausländischen Partnern steht. Die offene Frage bleibt die Mobilisierung, und ob Chmara der Arbeit in einem Bürokratie-Riesen wie dem Verteidigungsministerium gewachsen ist.
Bei der Absetzung eines beliebten Ministers wie Fedorow war Selenskyj gezwungen, einen Nachfolger zu finden, bei dem es schwierig ist, Kritikpunkte zu finden. Mit Jewhen Chmara ist ihm das gelungen. Ob das die Straßenproteste beruhigt, wird erst die Zeit zeigen. Bei der Armee wird jedoch die Personalie gut ankommen.