Politik

Vereint im Kampf gegen Putin Selenskyjs "Fremdenlegion" zieht Tausende an

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Ein Mann trägt Militärausrüstung an der polnisch-ukrainischen Grenze.

(Foto: picture alliance/dpa/AP)

Von der NATO wird die Ukraine keine Truppen im Krieg gegen Russland bekommen. Dennoch kündigt Präsident Selenskyj an, dass jeder, der will, in der Ukraine kämpfen kann. Inzwischen spielen auch Ex-Bundeswehr-Reservisten mit dem Gedanken. Eine entscheidende Frage bleibt offen.

Es ist ein "Sky News"-Beitrag, der zeigt, wie zwei Männer vor der ukrainischen Botschaft in London stehen. Beide haben die Bilder vom Krieg in der Ukraine gesehen, beide wollen irgendwie helfen. Einer von ihnen klingelt, danach lehnt er sich gegen eine weiße Mauer und erklärt durch die Gegensprechanlage: "Wir sind gekommen, um der ukrainischen Armee oder wie auch immer sie heißt, beizutreten."

Der Brite aus dem Video heißt Leon Dawson. Er wisse nichts über die Ukraine und kenne niemanden, der dort herkommt, erzählt er "Sky News": "Sie sehen aus, als bräuchten sie Hilfe." Ob er militärische Erfahrung hat? "Nein, auf gar keinen Fall, absolut nicht." Dennoch hat er sich entschlossen, die Ukraine im Krieg gegen Russland zu unterstützen. Das Equipment leiht er sich von einem Freund, der bei der Marine war.

Dawson folgte dem Appell des ukrainischen Präsidenten Wolodymyr Selenskyj. Der hatte am Wochenende dazu aufgerufen, eine internationale "Fremdenlegion" zu bilden. "Jeder, der sich der Verteidigung der Ukraine, Europas und der Welt anschließen will, kann kommen und Seite an Seite mit den Ukrainern gegen die russischen Kriegsverbrecher kämpfen", sagte Selenskyj.

Freiwillige sogar aus Japan

Auch der ukrainische Außenminister Dmytro Kuleba meldete sich dazu. Er lud Menschen auf der ganzen Welt dazu ein. Sie könnten sich an die diplomatischen Vertretungen der Ukraine wenden, so wie Dawson es gemacht hat. "Gemeinsam haben wir Hitler besiegt. Wir werden auch Putin besiegen", schrieb Kuleba auf Twitter. Bereits am Sonntag meldete die ukrainische Verteidigungsministerin Hanna Malyar laut "Kyiv Independent", dass sich Tausende Ausländer dafür beworben hätten, in der Ukraine zu kämpfen.

Denn der Zuspruch ist groß. Drei Tage später, am heutigen Mittwoch, sollen bereits mehr als 1000 Freiwillige aus 16 Ländern in der Ukraine kämpfen, teilte Außenminister Kuleba mit. Mittlerweile hat die "International Legion of Territorial Defense of Ukraine" sogar einen eigenen Wikipedia-Artikel. Darin ist auch eine Übersicht, aus welchen Staaten sich Freiwillige zum Kampf gegen Putin entschlossen haben - von Kanada bis Australien. Mehrere Dutzend Freiwillige haben sich sogar aus dem pazifistischen Japan gemeldet.

Der Leiter der georgischen Nationallegion, Mamuka Mamulashvili, erzählte "Vice", dass sich bei ihm bereits 400 internationale Helfer beworben hätten. Die Freiwilligeneinheit sei 2014 während des Krieges im Donbass entstanden. Seitdem habe er Hunderte westliche Freiwillige angeworben. Nach Selenskyjs Aufruf hätten sich bei ihm 70 Soldaten aus Großbritannien und 50 aus den USA gemeldet.

Bereits am Samstag habe unterdessen die ukrainische Botschaft in Israel angefangen, um freiwillige Soldaten zu werben, hieß es bei "The Times of Israel". Zudem hätte sich darüber hinaus aus den USA eine Gruppe von zehn NATO-Veteranen gemeldet, berichtete "Buzzfeed". Sie seien erfahren, was nahe Gefechte und die Terrorismusbekämpfung angehe.

Diese internationale Legion wird wohl kaum die zahlenmäßige Lücke schließen, die zwischen den Militärstärken Russlands und der Ukraine klafft. Den aktiven 850.000 russischen Soldaten stehen nur rund 200.000 in der Ukraine gegenüber. Auch die NATO-Truppen werden in der Ukraine nicht eingreifen, US-Präsident Joe Biden hat das mehrfach deutlich gemacht. Die militärische Unterstützung des Westens beschränkt sich deshalb auf Waffen und Finanzhilfen.

Auch Bundeswehr-Reservisten überlegen

Dass mit solchen Hilfseinsätzen nicht zu spaßen ist, erklärte Ed Arnold in der "Washington Post". Er forscht für das Royal United Services Institute, einen Thinktank aus London, der sich mit europäischer Sicherheit beschäftigt. Es sei gerade "sehr gefährlich" für Menschen, in die Ukraine zu reisen, sagte Arnold. Ein Kriegseinsatz sei mehr, "als eine Waffe in die Hand zu nehmen und in den Kampf zu ziehen." Er selbst diente laut dem US-Medium in der britischen Armee und betonte, ein derartiger Einsatz sei sicherer für Menschen, die militärisch geschult seien. Denn: "Ohne militärisches Training ist es eine sehr dumme Idee."

Auch in Deutschland beschäftigen sich einige mit Selenskyjs Worten. Der "Business Insider" berichtete darüber, dass mittlerweile auch Hunderte Bundeswehr-Reservisten mit dem Gedanken spielten, sich dieser neuen "Fremdenlegion" anzuschließen. In dem Bericht ist die Rede von einem "vertrauensvollen Netzwerk aus mehreren Hundert ehemaligen Soldaten". Von ihnen verspüre niemand eine "Kriegsfreude", heißt es.

Auch den Bundeswehr-Reservisten ist laut "Business Insider" bewusst, dass der Einsatz eine heikle Angelegenheit werden könnte. "Wer einer Fremdenlegion angehört, unterwirft sich auch einer Befehlskette. Das ist kein Ausflug, bei dem man nach ein paar Tagen sagen kann, das gefällt mir doch nicht, ich gehe mal wieder", wird ein Ex-Soldat zitiert. Ob das für deutsche Soldaten überhaupt möglich ist, werde noch geprüft, hieß es beim Reservisten-Verband. Es gebe noch keine verlässliche juristische Einschätzung.

Dürfen die das überhaupt?

Die Frage nach dem "ob" stellt sich auch in Großbritannien. Darf sich jemand wie der militärisch unerfahrene Dawson der "Fremdenlegion" überhaupt anschließen? Die britische Außenministerin Liz Truss unterstützte die Idee. "Die Ukrainer kämpfen für Freiheit und Demokratie nicht nur in der Ukraine, sondern für ganz Europa." Im BBC-Interview bestärkte die Ministerin ihre Unterstützung für die "Fremdenlegion": "Absolut, wenn es das ist, was die Menschen machen wollen."

Im Vereinigten Königreich ist das juristisch nicht so einfach. Der "Guardian" berichtete, dass das britische Außenministerium vor den juristischen Folgen warnte, wenn Leute in die Ostukraine reisen und dort "kämpften, oder andere in dem Konflikt unterstützen". Der ehemalige britische Staatsanwalt Dominic Grieve verwies dabei auf ein Gesetz aus dem Jahr 1870. Es verbiete britischen Staatsbürgern, in eine Armee einzutreten, die gegen ein Land kämpft, das mit Großbritannien im Frieden steht. Verteidigungsminister Ben Wallace mahnte zudem, dass sowieso nur die militärisch Ausgebildeten die Reise in die Ukraine antreten sollten.

Quelle: ntv.de

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