Wie wählbar ist Graham Platner?Sexting-Skandal bricht Siegeslaune bei US-Demokraten

Trump ist unbeliebt, die Republikaner im Kongress bangen bei den Wahlen im November um ihre Mandate. Die Demokraten schielen sogar auf eine Mehrheit im Senat. Nun holt die Vergangenheit einen ihrer progressiven Hoffnungsträger ein.
Einfacher kann eine Rechnung kaum sein. Gewinnen die Demokraten im November im Bundesstaat Maine einen Senatssitz, könnten sie in der Kongresskammer sogar die Mehrheit von den Republikanern erobern. Das Repräsentantenhaus glauben sie ohnehin praktisch sicher zu haben. Der Effekt wäre weitreichend: Die Demokraten könnten Donald Trump in dessen restlicher Amtszeit blockieren, sogar attackieren. Der US-Präsident wiederum müsste gegen einen geschlossenen, oppositionellen Kongress regieren.
Möglich machen soll das Graham Platner, der 41-jährige Austernfarmer und Veteran, der zum progressiven Flügel der Demokraten gehört und von dort eine "Revolution der Arbeiterschicht" fordert. In Umfragen für November liegt er vorn. "Jedem ist klar, dass es ohne Maine unmöglich ist, die Mehrheit im Senat zurückzugewinnen", wird ein Senatsmitarbeiter der Demokraten von "Politico" zitiert. Graham ist ein Verbündeter des linken Senators Bernie Sanders, fordert unter anderem eine öffentliche Krankenversicherung, Wahlfinanzierungsgrenzen und eine Minimalsteuer für Superreiche.
Doch der Mann, der so mit den Demokraten Maine und den Kongress erobern soll, sieht sich weitreichenden Vorwürfen gegenüber: ein Sexting-Skandal, ein Nazi-Tattoo und mehr erschüttern die Siegessicherheit. Die einfache Rechnung hat eine unberechenbare Variable bekommen, die Partei ringt mit ihrem Selbstverständnis. Was ist ihr wichtiger? Die mögliche Mehrheit im Senat, oder den moralisch-ethischen Ansprüchen aller zu entsprechen?
SS-Totenkopf und Sexnachrichten
Als Platner beim Militär war, ließen er und Kameraden sich im kroatischen Split einen Totenschädel mit Knochen tätowieren. Dumm nur, dass es der SS-Totenkopf war. Platner bestreitet, dies gewusst zu haben. Er ließ ihn mit einem neuen Tattoo überdecken. Lindsey Fifield, eine seiner Ex-Freundinnen von vor mehr als zehn Jahren behauptet jedoch, Platner sei sich sehr wohl im Klaren gewesen, was er bedeute. Die Soldaten hätten sich das Tattoo stechen lassen, da sie sich als Todesschwadron ähnlich der SS sahen. "Er nannte ihn 'my Totenkopf'", so Fifield.
Die Äußerungen der Ex-Freundin haben allerdings einen Beigeschmack: Fifield ist eine aktive Republikanerin, war für mehrere Wahlkampforganisationen in Washington sowie die Trump-nahe Heritage Foundation und aktuell bei der konservativen Denkfabrik "Independent Women's Forum" tätig. Sie bestritt im Gespräch mit der "New York Times", sich aus politischen Motiven über ihre frühere Beziehung mit Platner zu äußern. Der warf Fifield eben dies später vor.
Platners Umgang mit Frauen wird als Risiko für dessen Wählbarkeit gesehen. Zunächst wurde am 30. Mai bekannt, dass der Demokrat nach seiner Heirat im November 2023 weiterhin Sex-Nachrichten mit mehreren Frauen ausgetauscht hatte. Seine Frau wusste davon, die beiden gingen deshalb zu einer Paartherapie. Das Wahlkampfteam war informiert, bewertete es aber als Privatangelegenheit und damit als kalkulierbares Risiko.
Ex-Partnerinnen uneins
Auch Online-Beiträge aus Platners Vergangenheit wurden hervorgeholt. In einem von 2013 schrieb er beim Thema Vergewaltigungen, die Leute sollten einfach nicht so viel trinken, sodass sie "am Ende mit jemandem Sex haben, den sie eigentlich gar nicht wollten". Fifield sagte dazu, dies hätte sie "daran erinnert, wie sehr er Frauen hasst". Eine weitere Frau meinte, sie "erkenne eine Seite von ihm, mit der ich Erfahrungen gemacht habe". Platner entschuldigte sich mehrfach für seine Postings.
Damit nicht genug. Die "New York Times" veröffentlichte am Donnerstag eine weitere Recherche, bei der die Journalisten mit einer ganzen Reihe ehemaliger Partnerinnen gesprochen hatten. Drei der Frauen beschrieben dem US-Medium instabile und "toxische" Beziehungen mit Platner, mit hohem Alkoholkonsum und Untreue von seiner Seite. Fifield berichtete, der Veteran sei körperlich grob mit ihr umgegangen. Eine ganze Reihe anderer Frauen zeichnete jedoch ein ganz anderes Bild. Platner sei lustig, fürsorglich und nie gewalttätig gewesen, sie hätten sich bei ihm sicher gefühlt. Manche sind weiterhin mit ihm befreundet.
Die Aussagen ergeben also kein einheitliches Bild - und eben darüber wird nun diskutiert. Unter Progressiven hat Platner die Hoffnungen geweckt, er sei der Typ einer neuen Generation demokratischer Politiker, die den Republikanern männliche weiße Arbeiter abspenstig machen könnte. Die anderen, darunter auch der starke Mann im Senat, Chuck Schumer, sahen ihn wegen seiner Vergangenheit als Risiko. Mit ihr ist Platner bislang transparent umgegangen.
Platner gibt sich als geläutert
Der Kandidat hat über seine Alkoholprobleme gesprochen, über die sinnlosen Kriege, aus denen er mit posttraumatischem Stresssyndrom zurückgekehrt sei, über seine folgenden, jahrelangen Depressionen und gescheiterten Beziehungen. Nach dem Ende seines Militärdienstes im Jahr 2012 sei er "ein menschliches Wrack" gewesen und "emotional sehr distanziert". 2016 zog Platner in seinen Heimatort in Maine zurück und ließ sich behandeln. Seit 2021 etwa hat er sich als geheilt und geläutert gezeigt: Sein Verhalten in der Vergangenheit steht demnach seinen Überzeugungen in der Gegenwart entgegen.
Für die Demokraten steht viel auf dem Spiel, gewählt wird schon am 9. Juni. Dann will er als bislang populärster Bewerber um die Kandidatur auch offiziell als Herausforderer der Republikanerin Susan Collins bestätigt werden. Collins sitzt seit 30 Jahren für Maine im Senat; ihre Niederlage wäre eine Zeitenwende für den Bundesstaat an der Ostküste, der sich bereits bei der Präsidentschaftswahl 2024 mehrheitlich für die Demokratin Kamala Harris, nicht für Donald Trump, entschieden hatte. In Maine gingen auch mehr Frauen als Männer zur Wahl, was Platners Vergangenheit potenziell noch explosiver macht.
Angesichts der guten Umfragewerte Platners und fehlenden Geldes hatte sich seine Hauptvorwahlkonkurrentin, die Gouverneurin Janet Mills, im April zurückgezogen. Kurz nach Bekanntwerden des Sextings brachte sie sich wieder ins Spiel: "Ich mache nur keinen aktiven Wahlkampf mehr. Mein Name steht noch auf dem Wahlzettel", meinte sie.