Politik

Sexualisierte Gewalt bei MiosgaCollien Fernandes: "Es wurde eine Vergewaltigungsgeschichte von mir verschickt"

30.03.2026, 01:05 Uhr
imageVon David Bedürftig
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Schauspielerin und Moderatorin Collien Fernandes war zu Gast in der ARD-Sendung "Caren Miosga". (Foto: picture alliance/dpa/NDR)

"Schäbig" und "ganz schrecklich": Bundeskanzler Merz bekommt bei "Caren Miosga" für seinen fehlenden Rückhalt für Frauen harsche Kritik ab. Die Sendung um digitale sexualisierte Gewalt sorgt schon vor der Ausstrahlung für Zoff - und Collien Fernandes schildert neue Details.

Diese Sendung erhitzt die Gemüter bereits vor den ersten Begrüßungsworten der Talkmasterin. "Caren Miosga" thematisiert am Abend in der ARD digitale Gewalt gegen Frauen, die daraus resultierenden Schutzlücken im deutschen Recht - und den aktuellen Fall der Schauspielerin und Moderatorin Collien Fernandes.

Das brachte Christian Schertz auf die Palme, den Anwalt von Christian Ulmen, Fernandes' Ex-Ehemann. Gegenüber der "Frankfurter Allgemeinen Zeitung" (FAZ) kritisierte Schertz vor der Talkshow: "Das Fernsehgericht tagt mit der höchsten Vertreterin der Justiz in Deutschland und der Anzeigenerstatterin." Der NDR schoss prompt zurück und erklärte, man wolle mittels des Falls Fernandes Deutschlands Mängel in der Prävention und im Strafrecht beleuchten.

Ob auch aufgrund dieser Kritik das Gäste-Panel kurzfristig geändert wurde? Am Nachmittag teilte die Sendung mit, dass kurzfristig auch Theresia Crone, Aktivistin und Betroffene von digitaler Gewalt, teilnehmen und eine Perspektive in die Sendung einbringen werde, "die über den öffentlich bekannten Fall hinausgeht".

"Immer wieder wird beschrieben, dass ich weine"

Fernandes hatte Anzeige gegen Ulmen erstattet und wirft dem Schauspieler unter anderem vor, über Jahre hinweg im Internet unter ihrem Namen Fakeprofile erstellt und darüber hinaus pornografische Darstellungen, die offenbar den Eindruck erwecken sollten, dass Fernandes darauf zu sehen sei, verbreitet zu haben. Ulmen hat über seinen Anwalt einige der Vorwürfe bestritten. Für ihn gilt die Unschuldsvermutung. Inzwischen beschäftigt der Fall auch wieder die deutschen Behörden.

Dann beginnt die Sendung mit einem Einzelinterview, in dem Fernandes berichtet, dass sie und ihr Management von verschiedenen Männern kontaktiert wurden, die von Fakeprofilen Sexvideos und Nacktbilder über soziale Medien geschickt bekommen hätten. "Die Männer waren sich unsicher, ob wir gerade eine Online-Affäre miteinander haben", so die 44-Jährige.

In diesem Rahmen hätte der Täter falsche E-Mail-Adressen angelegt und etwa "eine erotische Geschichte verschickt, in der ich vergewaltigt werde, in der ich ganz klar sage, dass ich das nicht möchte, dass ich Schmerzen habe", erzählt Fernandes. "Immer wieder wird in dieser Geschichte beschrieben, dass ich weine."

Fernandes rechnete mit dem "Hass"

Da es sich bei den Fotos und Videos weder um Deepfakes noch heimlich gemachte Aufnahmen gehandelt habe, sondern mutmaßlich um echte pornografische Inhalte, verschickt über ihre falschen Profile, sei ihr Fall einer, "der bisher noch nicht erfasst ist", sagt die Schauspielerin. Da müsse im deutschen Gesetz unbedingt "nachgeschärft", damit auch in solchen Fällen Täter zukünftig "härter bestraft werden". Moderatorin Caren Miosga weist an dieser Stelle darauf hin, dass Ulmens Anwälte mitgeteilt haben, dass ihr Mandant keine KI-generierten Fotos oder Videos verschickt hat.

Von der großen Resonanz auf ihre Geschichte zeigt sich Fernandes überrascht. "Dass das so eine Bewegung auslöst, damit habe ich im Leben nicht gerechnet." Ihre Gründe für die Veröffentlichung erläutert sie auch: "Es kann nichts passieren, wenn wir den Mund nicht aufmachen." Dass sie aber auch viel Negatives würde aushalten müssen - wegen Morddrohungen trat sie unter der Woche bei einer Demonstration in Hamburg mit schusssicherer Weste auf -, verwundert sie nicht: "Ich habe mit sehr viel Hass gerechnet."

Fernandes' Kritik, dass die Polizei Anzeigen von Frauen wegen digitaler sexualisierter Gewalt oft nicht ernst nehme, unterstützt auch Theresia Crone. In der anschließenden Gesprächsrunde, an der Fernandes nicht mehr teilnimmt, berichtet sie von ihrem Fall, der als bislang einzig bekannter in Deutschland gilt, bei dem es im Kontext der Verbreitung von sexualisierten Deepfakes überhaupt zu einem Strafurteil gekommen ist.

"Ich habe viele Horrorgeschichten"

"Ich war ohnmächtig und überfordert", erzählt Crone von dem Moment, als sie erstmals die Fake-Bilder von sich selbst sah. Der Täter bekam lediglich eine Geldstrafe aufgebrummt. "Das ist keine Erfolgsgeschichte, sondern ein Zufallstreffer", sagt sie, denn sie habe schon mehrere erfolglose Strafanzeigen gestellt.

Die Justiz müsse digitale Gewalt ernster nehmen, fordert Crone, aber es fehle dort an Wissen. "Ich habe viele Horrorgeschichten", sagt sie und erzählt, wie ein Gericht ihr bei einer Stalking-Anzeige mitgeteilt habe, sie müsse das aushalten, weil sie sich selbst in die Öffentlichkeit gestellt habe. "Da gibt es ein größeres strukturelles Problem", urteilt sie.

"Wir haben Strafbarkeitslücken und Schwierigkeiten in der Durchsetzung", gibt auch Stefanie Hubig zu, die sich zum Fall Fernandes aber nicht äußern möchte. Die SPD-Bundesministerin für Justiz hatte mit den Planungen für das neue Gesetz, dessen Entwurf nun in die Ressortabstimmung gegeben wurde, zum Schutz gegen digitale Gewalt schon 2025 begonnen. Man werde künftig unterscheiden zwischen pornografischen Deepfakes und anderen Deepfakes, erklärt Hubig. Bei pornografischen soll allein schon das Herstellen strafbar werden.

Ronen Steinke, Jurist und Redakteur bei der "Süddeutschen Zeitung", findet das richtig. "Die sexuelle Selbstbestimmung wird verletzt", sagt er, und es sei legitim, "da eine Grenze zu ziehen". Er kritisiert bei dem Thema digitale sexualisierte Gewalt die Justiz als "unzureichend" geschult und vorbereitet. Das Problem beginne bereits bei der Ausbildung der Juristen in der Uni: "Auf dem Lehrplan steht null Sexualstrafrecht." Gleichzeitig sei es heutzutage sogar in Schulen trauriger Alltag, dass Schüler ihre Ex-Freundinnen mit Nacktbildern in Klassenchats niedermachen oder erpressen.

Giftpfeile gegen Friedrich Merz

Als es generell um das Thema Gewalt gegen Frauen und häusliche Gewalt geht, sind sich die drei Diskutanten einig, dass vor allem die Gesellschaft für das Thema stärker sensibilisiert werden muss. "Auch wenn die Gesetze verschärft werden, wird das auf die Häufigkeit von Gewalt geringe Auswirkungen haben", meint Steinke von der "SZ". "Das soziale Umfeld ist viel wichtiger bei Prävention und das betrifft uns Männer." Justizministerin Hubig identifiziert das "Schamthema" als "ein ganz großes", denn den meisten Frauen falle es weiterhin unglaublich schwer, überhaupt eine Anzeige zu erstatten und vor Gericht zu ziehen. "Wir müssen Frauen signalisieren: Ihr seid nicht schuld", sagt sie. "Das müssen wir in der Gesellschaft leben."

Einer, der dies aus Sicht von Aktivistin Crone nicht lebt, ist der mächtigste Mann in Deutschland. "Ich muss noch einmal auf Friedrich Merz zurückkommen", sagt sie. Nachdem in der vergangenen Woche Tausende Frauen und auch viele Männer in deutschen Städten gegen Gewalt an Frauen auf die Straßen gegangen sein, "schafft es der Bundeskanzler nicht mal zu sagen: Ich bin bei euch, ich stehe hinter euch, ich sehe euch, sondern zeigt auf Zuwanderer", kritisiert Crone. "Ich fand es ganz schrecklich." Auch Steinke findet das Verhalten des Kanzlers "wirklich schäbig". Man müsse in Deutschland endlich eine ehrliche Diskussion über die Rolle von Männern und die Gewalt gegen Frauen führen.

Quelle: ntv.de

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