Politik

"Meine Herren und Damen" So erreichten Frauen das Selbstverständliche

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Frauen demonstrieren im Jahr 1919 für die Unabhängige Sozialdemokratische Partei Deutschlands und deren Kandidatin Luise Zietz.

(Foto: dpa)

Vor 100 Jahren erschüttert noch eine Revolution Deutschland: Die Frauen bekommen das Wahlrecht, eigentlich "eine Selbstverständlichkeit", wie einige schon damals monieren. Weitere Selbstverständlichkeiten bleiben ihnen vorenthalten.

Für Kaiser Wilhelm II. war sie die "gefährlichste Hexe des deutschen Reiches": Clara Zetkin. Eines ihrer Vergehen: 1911 rief sie den Frauentag mit ins Leben und kämpfte gemeinsam mit anderen fast vergessenen Frauen für ein Recht, das heute selbstverständlich erscheint - das aktive und passive Wahlrecht der Frauen. Am 12. November vor genau 100 Jahren wurde es beschlossen.

Dass es soweit kam, war keine Selbstverständlichkeit. In der Kaiserzeit bestimmten Ehemänner noch über das Leben ihrer Frauen. Es galt der "Gehorsamkeitsparagraf". In den Kleinanzeigen der damaligen Zeitungen wurde unter anderem eine Kochkiste für die Hausfrau angepriesen - Typ: "Heimchen am Herd".

Die Aktivistin Minna Cauer forderte schon 1902: "Die Frau gehört nicht mehr ins Haus, sie gehört in dieses Haus: den Reichstag." Visionär war auch die Schriftstellerin Hedwig Dohm. Sie machte sich bereits 1873 für das politische Stimmrecht für Frauen stark. Einer ihrer vielzitierten Sätze lautet: "Menschenrechte haben kein Geschlecht."

Mit Vereinen, Zeitschriften, Kundgebungen und Kongressen versuchten Frauen, ihre Anliegen in der patriarchalischen Gesellschaft durchzusetzen. Unter den Parteien unterstützte vor allem die SPD das Anliegen der Frauen. Ab 1891 kämpfte sie für das Stimmrecht der Frauen. Langsam, ganz langsam erreichten die Frauen einige Rechte: Seit 1902 durften sie an politischen Versammlungen teilnehmen, - wenn auch nur in einem abgetrennten Bereich. 1908 schließlich erlaubte ihnen das Reichsvereinsgesetz, Mitglied in Vereinen und Parteien zu werden. Im Oktober 1918 forderten mehr als 50 Frauenorganisationen den Reichskanzler Max von Baden auf, das Wahlrecht durchzusetzen, das ihnen dann schließlich drei Tage nach der Novemberrevolution zugestanden wurde.

Frauen strömen zur Wahl

Bei der Wahl am 19. Januar 1919 machten dann die Frauen hinreichend von ihrem Wahlrecht Gebrauch: 82 Prozent gingen zur Wahl , 37 Frauen zogen in die Nationalversammlung ein. Einen Monat später hielt die Sozialdemokratin Marie Juchacz dort als erste Frau eine Rede und sprach: "Meine Herren und Damen", was zu Gelächter führte. Anstatt sich dankbar zu zeigen, sagte Juchacz selbstbewusst: "Was diese Regierung getan hat, das war eine Selbstverständlichkeit: Sie hat den Frauen gegeben, was ihnen bis dahin zu Unrecht vorenthalten worden ist." Allerdings sei den Frauen klar, dass sie in zivilrechtlicher und wirtschaftlicher Beziehung "noch lange nicht in der Gleichberechtigung sind".

Und nach einem massiven Rückschlag in der Nazizeit mussten die Frauen auch 1945 noch weiter für ihre Rechte kämpfen. Die Sozialdemokratin und Juristin Elisabeth Selbert, eine der vier Mütter des Grundgesetzes, wollte den Satz "Männer und Frauen sind gleichberechtigt" in die Verfassung aufnehmen. Gleich zweimal lehnte die Versammlung ihren Antrag ab, die Mehrheit bevorzugte die Formulierung: "Das Gesetz muss Gleiches gleich, es kann Verschiedens nach seiner Eigenart behandeln." Erst als Selbert eine Kampagne startete und waschkörbeweise Briefe bei Bundespräsident Theodor Heuss landeteten, bekamen die Frauen, was sie wollten.

Doch auch dann wurde die Welt für die deutschen Frauen nicht gleich sozial gerechter. So schrieb das Bürgerliche Gesetzbuch bis 1977 vor, dass Frauen nicht ohne die Zustimmung ihres Mannes arbeiten dürfen. Bis 1958 konnte der Mann den Arbeitsvertrag seiner Frau sogar ohne deren Einwilligung fristlos kündigen.

Und auch 100 Jahre danach ist die Gleichberechtigung noch nicht abgeschlossen, von der Lohnfrage bis zu den Chefetagen. 2017 sank der Anteil der Frauen im Bundestag mit 30,9 Prozent auf das Niveau von 1998. "Es sieht nicht danach aus, dass Frauen und Männer gleichberechtigt sind", sagt die ehemalige Familienministerin Rita Süssmuth im Interview mit n-tv.de. "Auch wenn sich die gesellschaftliche Stellung der Frau gewandelt hat, bleibt vieles immer noch nachgeordnet."

Und noch immer gibt es viele Männerdomänen. Die Lücken fielen sogar Bundeskanzlerin Angela Merkel auf, die sonst in Frauenfragen nicht gerade auf Alice Schwarzers Spuren wandelt. So belehrte die CDU-Chefin die Junge Union wegen des frauenlosen Bundesvorstands: "Schön männlich. Aber 50 Prozent des Volkes fehlen." Viele johlten, als die Kanzlerin noch einen draufsetzte: "Und ich sag' Ihnen: Frauen bereichern das Leben. Nicht nur im Privaten, auch im Politischen. Sie wissen gar nicht, was Ihnen entgeht."

Quelle: n-tv.de, ghö, mit dpa

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