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Rita Süssmuth im Interview "Und dann noch Frau und klein"

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Rita Süssmuth und Bundeskanzler Helmut Kohl im November 1997. Die CDU-Politikerin war Professorin für Erziehungswissenschaft, von 1985 bis 1988 Familienministerin und anschließend Präsidentin des Deutschen Bundestages.

picture-alliance / dpa

Vor 100 Jahren wurde das Frauenwahlrecht in Deutschland eingeführt. Doch noch gebe es viel zu tun, sagt die ehemalige Familienministerin und Bundestagspräsidentin Rita Süssmuth im Interview mit n-tv.de. Die CDU-Politikerin fordert eine gesetzliche Frauenquote für Parteien von mindestens 40 Prozent. Und sie will noch mehr.

n-tv.de: Vor genau 100 Jahren wurde das Frauenwahlrecht beschlossen. Haben Sie das Jubiläum gefeiert?

Rita Süssmuth: Es gab eine Feier mit der Kanzlerin und der Familienministerin. Der 12. November 1918 war mehr als ein besonderer Tag, es war ein demokratischer Durchbruch. Allerdings können uns die Ergebnisse, die wir erreicht haben, nur zum Teil zufriedenstellen.

Warum?

Das Naziregime brachte einen brutalen Rückfall für die Frauenbewegung. Reproduktion sollte die wichtigste Aufgabe für Frauen sein, auch wenn sie im Krieg überall gebraucht wurden: in der Rüstungsindustrie, in den Betrieben, in den Kommunen. Auch nach dem Weltkrieg dauerte die Ungleichheit der Geschlechter fort. Frauen durften kein eigenes Konto haben und es hat bis in die 70er-Jahre gedauert, bis sie ohne Erlaubnis ihres Ehemannes arbeiten durften.

Aber immerhin stand im Grundgesetz, Artikel 3: "Männer und Frauen sind gleichberechtigt."

Dies kam aber erst auf massiven Druck von Frauen zustande. Als Elisabeth Selbert, eine der vier Mütter des Grundgesetzes, merkte, dass sie im Parlamentarischen Rat keine Mehrheit für den Satz fand, hat sie eine große Kampagne gestartet. Waschkörbeweise wurden Briefe an Bundespräsident Theodor Heuss geschickt, was diesen massiv ärgerte. Ähnlich war es 1961, als die erste Ministerin Elisabeth Schwarzhaupt in die Bundesregierung eintrat. Das hatten acht Frauen bewirkt, die ins Kanzleramt kamen mit der Bitte, Konrad Adenauer zu sprechen. Den ganzen Tag versuchte man, sie da wieder hinauszukomplimentieren. Doch sie blieben und rangen in der Nacht dem Kanzler die Ministerin ab.

Jetzt haben wir zwar eine Kanzlerin und viele Ministerinnen, allerdings ist der Frauenanteil im Bundestag so niedrig wie zuletzt vor knapp 20 Jahren. Im Innenministerium sitzen nur männliche Staatssekretäre. Kann man da von einem wirklichen Fortschritt sprechen?

Im Bundestag sitzen inzwischen nur noch 30 statt 36 Prozent Frauen wie noch 2013. Für die CDU/CSU-Fraktion sind es sogar nur noch 20 Prozent. Es sieht nicht danach aus, dass Frauen und Männer gleichberechtigt sind. Auch wenn sich die gesellschaftliche Stellung der Frau gewandelt hat, bleibt vieles immer noch nachgeordnet. Die Vereinbarkeit von Familie und Beruf hat sich nur mosaikhaft verbessert - und das betrifft vor allem die Frau.

Brauchen wir eine Quote?

Früher war ich sehr zögerlich in Bezug auf eine Quote. Sie war für mich wie ein Krückstock für etwas, was selbstverständlich sein muss. Aber jetzt sehe ich: Wir brauchen eine gesetzliche Quote wie in Frankreich. Bei Frauen in Führungspositionen kommen wir nur auf die 18 Prozent, weil es ein gewerkschaftliches Mitbestimmungsrecht gibt. Sonst lägen wir da auch bei höchstens 6 Prozent. Eine Quote in der Partei hat nur sanfte Verbindlichkeit. Viele Frauen stehen dann auf den letzten Plätzen der Listen, oft werden noch nicht einmal 30 Prozent aufgestellt - und trotzdem nehmen die Parteien die Listen an.

Wie hoch soll denn die Quote für Parteien liegen?

Das Ziel muss Parität sein. Bis dahin brauchen wir eine Quote von 40 Prozent - mindestens. Und der erste Schritt muss in dieser Wahlperiode erfolgen. Damit wir herauskommen aus dieser Quotendiskussion, aus dieser ständigen Frage: An wem liegt es, dass die Frauen eine geringere Vertretung haben? Wobei dann mitschwingt: "Die Frauen wollen ja gar nicht."

Das sagen aber auch viele Frauen.

Wer sagt, die Frauen haben keine Lust, dem muss ich entgegenhalten:  Frauen erfahren von vorneherein, dass sie sowieso keine Chance haben, da die Männer an ihren Posten festhalten. Und wer Führungspositionen einnimmt, weiß auch, wie genau Frauen beobachtet werden. Wie jedes Fehlerchen schon ein dicker Fehler ist und wie schnell sie fallengelassen werden. "Die kann es nicht", ist dann so ein beliebter Satz. Da wirkt noch das alte Vorurteil unserer großen Philosophen nach, dass wenn Frauen in die Politik kommen, Chaos eintritt. Weil sie mehr Gefühl als Intellekt hätten und so weiter. Diese ganze alte Leier.

Haben Sie solche Erfahrungen als Familienministerin und Bundestagspräsidentin auch gemacht?

Ich hatte das Problem, dass ich aus der Wissenschaft kam und es hieß: "Die ist sowieso nicht zu gebrauchen in der Politik. Und dann noch Frau und klein. Welche Durchsetzungskraft hat die eigentlich?" Ich hatte ganz schlechte Prognosen. Nach einem halben Jahr ist sie wieder weg, hieß es. Das hat mich durchaus ehrgeizig gemacht nach dem Motto "Das wollen wir doch mal sehen", und ich habe ganz hart gearbeitet.

Müssen Frauen immer noch doppelt so gut sein wie Männer?

Ja, Frauen müssen viel besser sein, an Frauen werden strengere Maßstäbe angelegt als an Männer. Fehler sind viel gravierender. Als Angela Merkel als mögliche Kandidatin für die Kanzlerschaft genannt wurde, hieß es: "Das Mädchen kann das nicht." Wie kommt man eigentlich darauf? Und all ihre Erfolge werden nun ganz schnell vergessen. All die Jahre, in denen sie Großes geleistet hat, gelten plötzlich nicht mehr, sondern man sagt: "Die brauchen wir nicht mehr, die wollen wir nicht mehr."

Hat die Kritik an Merkel denn etwas damit zu tun, dass sie eine Frau ist?

Ja, das hängt zusammen. Auch das, was ihr mit CSU-Chef Horst Seehofer passiert ist. Ich habe immer noch das Bild vom CSU-Parteitag 2015 vor Augen, als er am Podium stand und sie sich auf der Bühne anhören musste, wie er sie wirklich abkanzelte. Damals habe ich gedacht: Muss man sich das gefallen lassen? Sie hätte ja sagen können: "So nicht, Herr Kollege."

Merkel tritt im Dezember nicht mehr als CDU-Chefin an. Braucht die CDU wieder eine Frau an der Spitze?

Soweit würde ich nicht gehen. Aber Angela Merkel hat nun wirklich gezeigt, dass Frauen es können. Sie hat mit wenig Eitelkeit, Ichbezug und Herrschaftssucht regiert. Und ja, sie hat für Macht gesorgt. Wir Frauen müssen noch viel mehr lernen, dass es nicht ohne Macht geht, wir müssen machtbewusster werden. Denn wenn wir ständig sagen "Mit Macht möchte ich nichts zu tun haben, ich möchte mir die Hände nicht schmutzig machen", dann machen wir uns die Hände trotzdem schmutzig - indem wir nicht Einfluss nehmen auf das, was nicht so bleiben kann, wie es ist. Wenn Demokratie Mitgestaltung heißt, dann gilt das für Frauen wie Männer.

Sehen Sie einen Unterschied in der Art und Weise, wie Männer und Frauen Politik gestalten? Merkels Politikstil unterscheidet sich ja doch sehr von dem ihrer Vorgänger.

Nicht generell. Es gibt auch Frauen, die wie Männer regieren, und es gibt Männer, die gut regieren. Aber Frauen sind auch geprägt durch ihre Familienerfahrungen. Mein Vater forderte von mir Selbstdisziplin, ich musste mich unter Kontrolle halten. Dabei habe ich mir Contenance angeeignet - wie viele Frauen auch. Wir können nicht mal eben wie am Firmentisch kurzum Konflikte besprechen, Entscheidungen treffen und beschließen: So wird es jetzt gemacht! Frauen sind häufig flexibler, sie lernen, wann und wie sie etwas aussprechen. Und sie lernen sich zurückzuhalten, aber auf den Augenblick zu achten, wo sie sich ins Spiel bringen.

Mit Rita Süssmuth sprach Gudula Hörr

Quelle: n-tv.de

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