Politik

Alles halb so wild? So gefährlich sind die Corona-Leugner

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Demonstranten bei der "Hygienedemo" in Berlin am 18. April.

(Foto: REUTERS)

Die Corona-Pandemie befeuert Verschwörungstheorien aller Art. Viele davon sind bizarr. Eine jedoch wird immer salonfähiger und findet inzwischen ihren Weg auch in die etablierte Politik.

Was verbindet alte Linke, die das Andenken an Rosa Luxemburg hochhalten wollen und "Nie wieder Faschismus" rufen, mit AfD-Anhängern, Impfgegnern, Trump-Fans, dem Holocaustleugner und selbsterklärten "Volkslehrer" Nikolai Nerling sowie Christen mit Jute-Säcken am Leib? Sie alle waren am vergangenen Samstag bei der sogenannten Hygienedemo vor der Berliner Volksbühne. Gemein haben sie ihre Ablehnung für die Corona-Maßnahmen der Bundesregierung. Einigkeit besteht auch darüber, dass die von Medien und Politik "verbreitete", "offizielle" Version nicht richtig ist. Sind das schon Verschwörungstheoretiker oder einfach "besorgte Bürger"?

Hinter der "Hygienedemo" steckt die "Kommunikationsstelle Demokratischer Widerstand" des Schriftstellers und Journalisten Anselm Lenz. Im Interview mit dem Online-Magazin "Rubikon", in dessen Beiträgen in der Vergangenheit bereits darüber spekuliert wurde, ob Aids wirklich vom HI-Virus verursacht wird, beschreibt Lenz seine Motivation. Das Coronavirus verursache eine "vergleichsweise milde Infektwelle", die keinesfalls ein "de-facto-diktatorisches Notstandsregime" und die "maßlose Faschisierung des zivilen Lebens" rechtfertige. Lenz glaubt, hinter den Maßnahmen stecke ein "Komplott globaler Konzerne".

Er beschreibt sich selbst als "links". Tatsächlich hat er in der Vergangenheit für Tageszeitungen wie die "Taz" oder "Junge Welt" geschrieben. Dass aber auf seinen Demos auch Neonazis und Rechtsextreme mitlaufen, scheint vor der Größe des gemeinsamen Gegners zweitrangig zu sein. Stattdessen hat sich eine wilde Querfront von Außenseitern aus dem linken, rechten, esoterischen und religiösen Spektrum zusammengefunden.

Die Auffassung, die reale Bedrohung durch Covid-19 stehe in keinem Verhältnis zu den gigantischen Kosten für die Eindämmung eben jener, ist gar nicht so exotisch. Nach einigem Hin und Her scheint sich etwa in der größten deutschen Oppositionspartei AfD diese Sprachregelung durchgesetzt zu haben. Nach der jüngsten Regierungserklärung der Bundeskanzlerin sagte AfD-Fraktionschef Alexander Gauland, die Menschen in Deutschland hätten die Gefahr im Griff, der Staat sei bei der Bekämpfung der Pandemie "weitgehend überflüssig".

Die AfD ist bekannt dafür, gegen eindeutige Erkenntnisse der Wissenschaft - etwa beim Klimawandel - zu argumentieren. Doch das Spektrum all jener, die abstreiten, dass die Pandemie tatsächlich so gefährlich ist, reicht viel weiter. Auch Teile der FDP halten die Maßnahmen der Bundesregierung für überzogen, über die "Werte-Union" reicht die Auffassung bis in die CDU hinein. Einzelne Exekutiv-Politiker der Union erkennen den Sinn der Maßnahmen zwar an. Dennoch preschen sie bei der Lockerung vor. Es ist ein Aufwiegen von Menschenleben und wirtschaftlichen Einbußen.

Was "Klimaskeptiker" und "Corona-Skeptiker" verbindet

Virologen und Epidemiologen warnen derzeit eindringlich davor, die Lebensverhältnisse zu früh zu normalisieren. Das Virus könnte sich dann gleichförmig in der Bevölkerung verteilen und bei einem erneuten Ausbruch zu deutlich höheren Opferzahlen führen.

Auffällig ist auch, dass es bei den eben Genannten beinahe um die gleichen politischen Gruppen handelt, die auch Zweifel an eindeutigen Erkenntnissen zum Klimawandel haben oder zumindest in Abrede stellen, dass drastische Mittel angemessen sind, um ihn zu bekämpfen. Die AfD leugnet einen Zusammenhang zwischen Mensch und Klimaveränderung grundsätzlich. Ex-FDP-Generalsekretärin Nicola Beer sagte noch vor rund einem Jahr, der Klimawandel sei überschätzt. FDP-Chef Christian Lindner wehrt sich immer wieder und leidenschaftlich dagegen, dass Klimaschutz auch Verzicht eines jeden Einzelnen bedeuten könne. Und auch in der Union gibt es teils erheblichen Widerstand gegen Maßnahmen, die den Ausstoß von CO2 reduzieren sollen - etwa die Abschaltung von Kohlekraftwerken.

Die Argumentation der "Klimaskeptiker", die weltweit dokumentierten, teils rasanten Veränderungen seien mehr oder weniger ein Zyklus der Natur, findet sich in abgewandelter Form auch bei den "Corona-Leugnern" wieder: Die Natur werde das schon regeln, gegen gewisse Gefahren sei der Mensch nun mal nicht gewappnet, Herden-Immunität werde den Erreger austrocknen und man dürfe diese Krise eben keinesfalls mit übertrieben hohen Mitteln bekämpfen.

Unter den Skeptikern gibt es deutliche Anleihen zu handfesten Verschwörungstheorien. Meist dann, wenn die Pandemie, die von sich aus nicht zwischen Reich oder Arm, zwischen "Mächtigen" und "einfachen Leuten" unterscheidet, zu einer festen Dichotomie hochstilisiert wird: Auf der einen Seite stehen die Verschwörer, die hinter dem Vorwand, eine Seuche zu bekämpfen, das Staatswesen verändern wollen - auf der anderen steht das einfache Volk, die Opfer der Verschwörung.

Auch die AfD warnt vor Bill Gates

Die wirklich bizarren Einschätzungen finden sich allerdings eher bei Menschen oder Gruppierungen, die durchaus glauben, dass der Erreger gefährlich ist. Denn daraus nährt sich ihr Narrativ, die Pandemie sei ein bewusst gesteuertes Ereignis mit erheblichem Drohpotenzial. Eine Verschwörungstheorie dieser Art hält sich schon sehr lange und rankt sich um den Microsoft-Gründer und US-Milliardär Bill Gates. Seit Jahren warnt er vor dem Ausbruch einer Pandemie. Mehrfach hat er auch versucht, die Bundeskanzlerin zu mehr Engagement im Bereich der Vorsorge zu bewegen, die Stiftung von ihm und seiner Frau gibt ein Vermögen für den Ausbau globaler Gesundheitssysteme und die Suche nach Impfstoffen aus.

Dieses Engagement wollen verschiedene Gruppen nun als perfiden Plan enttarnt haben. Mal heißt es, Gates habe längst einen Impfstoff, den er bald der Welt präsentieren wird, um so Profit aus der Not der Menschen zu schlagen. Mal wird ihm unterstellt, er wolle die Menschen "digital zertifzieren", um mit der dann möglichen Überwachung seinen Einfluss in der Welt zu stärken. In den USA verbreiten rechte Aktivisten und Medien diese Theorien. In Deutschland hat die AfD davor gewarnt, Gates wolle mit der "digitalen Zertifizierung" die totale Überwachung an sich reißen.

Auch andere Theorien sind bereits in der Frühphase der Pandemie entstanden. Die offizielle Version - Sars-CoV-2 sei auf einem Tiermarkt in Wuhan auf den Menschen übergesprungen - wurde bereits damals angezweifelt. Naheliegend erschien nicht wenigen, dass die Pandemie von einem anderen Ort in der Millionenstadt ausging: dem Wuhan Institute of Virology. Richtig ist, dass in dem Labor der höchsten Schutzstufe seit Jahren Coronaviren an Fledermäusen untersucht werden. Ebenso kursieren Theorien, das Virus sei das Ergebnis eines Biowaffenprogramms - wahlweise Chinas oder der USA. Wie bei Theorien zu Weltverschwörungen leider üblich, bekommt auch der Staat Israel viel Platz eingeräumt. Mehrere Theorien ranken sich darum, wie Juden den Erreger in Umlauf gebracht haben. All diesen Behauptungen fehlt die faktenbasierte Grundlage. Das schließt allerdings die Aussage Pekings, der Erreger sei auf dem Tiermarkt entstanden, mit ein.

Wussten es die "Simpsons"? Hilft Kokain?

Andere glauben, der neue Mobilfunkstandard 5G habe den Erreger "aktiviert" und steuere ihn. In mehreren Ländern haben aufgebrachte Bürger, vermutlich aus diesem Grund, Mobilfunkmasten zerstört. Auch sind zahlreiche Theorien im Umlauf, das Virus sei "prophezeit" worden - sie drehen sich um den Buchautor Dean R. Koontz, die Hellseherin Sylvia Brown oder die Comicserie "Simpsons". Radikale Christen und Islamisten sprechen von einer "Strafe Gottes".

Auch was Behandlung und Vorsorge angeht, ist die Zahl der Theorien schier unendlich: Wahlweise soll der Konsum von Alkohol, Kokain, das Trinken von Flächendesinfektionsmitteln, das Essen von Zwiebeln, Vitamin C oder das Schwimmen in Chlorwasser helfen. All das wurde inzwischen widerlegt. Die Flut an Falschinformationen ist so groß, dass die Vereinten Nationen schon im März vor einer "Fake-News-Epidemie" gewarnt haben. Die Bundesregierung sah sich offenbar gezwungen, eine eigene Internetseite mit Faktenchecks zu veröffentlichen.

Die Corona-Verschwörungstheoretiker glauben teilweise an durchaus krude und bizarre Hintergründe zur Pandemie. Einiges davon erscheint nicht weniger absurd als Theorien, wonach die Erde flach ist, hohl oder eigentlich von Reptilien regiert wird. Die meisten dieser Menschen scheinen jedoch anzuerkennen, dass von dem Virus eine Gefahr ausgeht. Es ist also nicht abwegig, dass sie sich - auch aus Eigenschutz - an die Infektionsschutzregeln halten. Die erste Gruppe - die Corona-Leugner - streiten jedoch ab, dass der Erreger tatsächlich so gefährlich ist. Daher ist es naheliegend, dass sie auch Maßnahmen zur Nichtverbreitung weniger ernst nehmen. Zudem haben all jene, die behaupten, die Kosten stünden bei der Pandemie-Bekämpfung in keiner Relation zur eigentlichen Gefahr, eine wachsende Unterstützerzahl bis hinein in die großen Volksparteien. Das macht diese Gruppe letztlich gefährlicher für alle.

Quelle: ntv.de