Politik

Nur Rechte? Alles überfremdet? "So ist Chemnitz nicht"

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An der Berichterstattung über Chemnitz gibt es Kritik. Nur Extreme würden gezeigt, heißt es.

(Foto: imago/Michael Trammer)

Ist Chemnitz eine Neonazi-Hochburg? Oder haben kriminelle Ausländer es zu einer No-Go-Area gemacht? Über ein Gespräch mit zwei Chemnitzern, die finden, dass derzeit ein völlig falsches Bild der Stadt gezeigt werde.

"Mauer um Sachsen, AfD rein, Dach drüber, Napalm und Tür zu." Das ist ein Vorschlag, der im Netz zu lesen war. "Sachsen abfackeln", lautet ein anderer. Chemnitz sei ein "dreckiges Nazinest", sagt jemand im Internet. Heidenau, Freital, Chemnitz: "Dunkeldeutschland", Deutschlands ungeliebtes Eckchen, nicht nur auf der Landkarte ganz weit rechts? Seit mutmaßlich ein Syrer und ein Iraker einen Deutschen erstochen haben und anschließend Rechtsextreme durch die Straßen zogen, spricht ganz Deutschland über Chemnitz in Sachsen. Wieder einmal Sachsen. Wie fühlt sich das an für Menschen, die in dieser Stadt leben?

Elisabeth und Thomas haben ihr ganzes Leben in Chemnitz verbracht. Sie lieben die Stadt, sagen sie. Und sie haben viele Berichte gelesen, die, ihrer Meinung nach, nicht die Realität abbilden - auch auf n-tv.de. In einer Mail an die Redaktion schrieb Elisabeth, dass sie die Berichterstattung "traurig und betroffen" mache. Wir haben uns entschlossen, die beiden zu Wort kommen zu lassen. Sie wollten uns gerne davon erzählen, dass Chemnitz nicht auf diese Darstellung reduziert werden dürfe. Wir treffen die beiden in einem Biergarten auf dem Schloßberg. Villen stehen hier und Einfamilienhäuser, es ist grün. Die Plattenbauten, die vielerorts das Stadtbild prägen, scheinen weit weg zu sein. Ihre echten Namen wollen Elisabeth und Thomas nicht preisgeben. Die Stimmung sei so aufgeladen, dass sie fürchten, ihre Aussagen könnten von der einen oder anderen Seite missbraucht werden. Irgendwelche offiziellen Funktionen haben die beiden nicht, sie sprechen für keinen Verband, gehören keiner Partei an. Sie beschreiben sich selbst als "ganz normale Bürger".

"Das war einfach nicht korrekt, nicht fair", sagt Elisabeth über das Bild, das die Medien von Chemnitz gezeichnet hätten. Sie, ihre Kinder und ihr Mann seien fassungslos gewesen. "Dieser Syrer und der Iraker, die das gemacht haben sollen, reißen alle ihre Landsleute mit rein, die hier friedlich leben", sie würden jetzt alle pauschalisiert. "Und genauso werden alle pauschalisiert, die gegen Gewalt auf die Straße gehen. Das sollen alles Nazis sein?" Viele Menschen, die am Montagabend an dem Demonstrationszug teilgenommen haben, hätten das tatsächlich nicht aus politischen Gründen getan. "Die Anteilnahme am Tod von diesem jungen Mann war groß, viele Menschen hat das wirklich bewegt", sagt sie. Chemnitz mit seinen rund 240.000 Einwohnern sei auf dem Papier zwar eine Großstadt, in anderer Hinsicht aber wie ein Dorf. "Irgendwie kennt hier jeder Jeden."

Ein "gefundenes Fressen" für die Rechten

Und nun gebe es nur noch Extreme. Entweder, man wolle ein Zeichen gegen Gewalt setzen, dann werde man als "Rechter" denunziert. Und wenn man sich jenen entgegenstelle, die den Tod von Daniel H. für sich instrumentalisieren, werde man von eben diesen als einer dargestellt, der mit den Linksradikalen sympathisiert. "Es ist nur noch Schwarz und Weiß. Es gibt gar keinen Diskurs der Mitte mehr." Man spürt, dass es die Frau auf eine hilflose Weise zornig macht.

Elisabeth und ihr Mann sind aufgewachsen in Karl-Marx-Stadt, wie Chemnitz vor der Wende hieß. Sie haben erlebt, wie sich in Sachsen Widerstand gegen das kommunistische Regime entwickelte und wie eines Tages die DDR verschwand. Sie können sich gut an die schwierigen Jahre danach erinnern, als vielerorts Hoffnung und Freude zu Ernüchterung und Perspektivlosigkeit wurden. Die wirtschaftlichen Erwartungen an die Wende waren in der DDR groß - "blühende Landschaften". Manche haben sich spät, andere bis heute nicht erfüllt. "Es war sehr schwierig", sagt Thomas über diese Zeit. Der Wechsel von einem System, in dem der Staat für alles sorgt, oder eben alles kontrolliert - je nach Sichtweise - sei vielen Menschen schwer gefallen. "Viele waren überfordert". Arbeitslosigkeit, schmale Renten, einige hätten damals Chemnitz und das Umland verlassen, erzählt er.

War die Perspektivlosigkeit der Nährboden für eine florierende rechtsextreme Szene? Und hat Sachsen überhaupt ein Nazi-Problem? Thomas sagt, dass die Neonazi-Szene in Sachsen schon extrem gut organisiert und stark sei. Er findet, das Problem sei viel zu lange verharmlost worden. Auf höchster Ebene habe das nie wirklich jemanden interessiert. Die Namen der ehemaligen Ministerpräsidenten Kurt Biedenkopf und Stanislaw Tillich fallen in dem Zusammenhang. Haben die wirtschaftlichen Schwierigkeiten, die das Bundesland nach der Wende hatte, die rechtsextreme Szene möglicherweise als das kleinere Übel erscheinen lassen? "Gut möglich." Eine Szene, die nach Ansicht der beiden, den Tod von Daniel H. nun instrumentalisiert. Ein "gefundenes Fressen für die", sagt Elisabeth. "Schamlos ausgeschlachtet haben die das", benennt es Thomas.

Ja, es gibt Probleme mit Ausländern

Das Ende der DDR war für die Menschen in Chemnitz, in der ganzen Region, zweifelsohne der tiefste Einschnitt der vergangenen Jahrzehnte. Inzwischen aber, das betonen beide, habe sich vieles gewandelt. "Der Stadt, der Region geht es viel besser als damals", sagt Elisabeth. Inzwischen würden viele Menschen wieder in die Gegend ziehen, es gebe Jobs. Von den neuen Bundesländern steht Sachsen wirtschaftlich inzwischen am besten da.

Doch auch 2015 und in den Jahren danach sei etwas passiert, das viele Menschen in der Region überfordere. "Hunderttausende wurden mehr oder weniger unkontrolliert ins Land gelassen, viele davon sind auch nach Sachsen gekommen." Gleichzeitig sei das Personal in der öffentlichen Verwaltung, die sich um die Menschen kümmern müsse, weiter abgebaut worden, sagt Thomas, der selbst im öffentlichen Dienst arbeitet. Alle Seiten seien mit der Situation überfordert gewesen: Behörden, soziale Einrichtungen, die Migranten selbst. "Die Politik hat die Leute einfach im Regen stehen lassen."

Doch auch viele Bürger habe die Ankunft so vieler Menschen überfordert. Vor allem in der Generation der Älteren, der 60- bis 70-Jährigen, habe der Zuzug für viel Verständnislosigkeit gesorgt. Migration und Zuwanderung gab es in der DDR praktisch nicht. Ein paar Gastarbeiter aus den "Bruderstaaten" Vietnam, Mosambik oder Kuba sind in den 80er-Jahren mal gekommen. Viele waren es nicht. "Vielleicht sehen es die Leute in den alten Bundesländern ja deswegen gelassener", sagt Thomas, "weil man dort Migration schon so lange kennt". Vor allem bei den Älteren in Chemnitz sei das gänzlich anders. "Da ist die Intoleranz schon sehr hoch."

Hat sich Chemnitz durch die Ausländer verändert? Und ist es wirklich krimineller geworden, wie viele behaupten? Kann man nicht mehr alleine durch die Innenstadt gehen, ohne von gefährlichen Migranten bedroht zu werden - oder Schlimmeres? Offenbar existieren Probleme. Es gebe "gelangweilte Zugezogene", die sich dort abends aufhielten, es werde Alkohol konsumiert, die Stimmung sei manchmal aggressiv, schildert Thomas. "Da kommt es schon zu Auseinandersetzungen zwischen Deutschen und Ausländern." Dass Menschen, die aus anderen Ländern nach Deutschland kommen straffällig werden, gehe nicht. "Wer herkommt, muss sich benehmen, das ist doch klar", sagt Elisabeth. Dass einer der beiden Tatverdächtigen der aktuellen Gewalttat fünffach vorbestraft und ausreisepflichtig war und doch noch nicht abgeschoben wurde, ist für die beiden nicht nachvollziehbar.

Meistens bleibt es friedlich - darüber berichtet niemand

Die erschreckenden Aussagen vieler Älterer, man könne in Chemnitz "nicht mehr vor die Tür gehen" wegen der ganzen Migranten, will Elisabeth aber nicht gelten lassen. "Natürlich lasse ich meine Kinder alleine in die Stadt und spät abends nehme ich mir ein Taxi." In jeder anderen deutschen Großstadt würde sie es vermutlich genauso machen, sagt sie. Im Großen und Ganzen sei die Stadt so sicher oder unsicher wie andere Städte eben auch.

Die beiden sind sich einig, dass es nicht verharmlost werden dürfe, wenn kriminelle Ausländer Probleme machen. Ihr Mann, der gelegentlich mit Polizeibehörden zu tun habe, sagt, dass in diesen Kreisen definitiv darüber gesprochen werde, dass sehr viele Straftaten von Menschen begangen würden, die noch nicht lange in Deutschland sind. Darüber müsse man offen reden dürfen, ohne dass politische Motive unterstellt würden. "Wenn die Leute ständig in die rechte Ecke gestellt werden, dann sind sie irgendwann beleidigt und sagen, 'gut, dann sind wir halt rechts'", sagt er. Nicht wenige Menschen hätten der CDU bei der vergangenen Landtagswahl nur noch ihre Stimme gegeben, damit die AfD nicht dazugewinne. Es klingt, als könne sich das auch ändern.

Aber die Zuwanderung nach Chemnitz habe eben auch viele schöne Seiten, erzählt Elisabeth. Die Stadt sei "bunter" geworden. Sie erzählt von einer Freundin, die einen Algerier geheiratet hat, von einer Flüchtlingsfamilie, die friedlich nebenan wohnte, von einem jungen Syrer, den Freunde aufgenommen hätten. "Das sind alles ganz tolle Leute." Genauso, wie es in der Innenstadt, am Roten Turm, manchmal problematisch sei, gebe es viele Plätze in Chemnitz, "wo Deutsche und Ausländer friedlich miteinander sind, wo es keine Probleme gibt." Sie ist stolz auf die vielen Studenten aus dem Ausland an der Uni in Chemnitz und die vielen internationalen Kollegen in dem Unternehmen, in dem sie arbeitet. Aber davon erzähle im Moment niemand. Das, was derzeit gezeigt werde, sei ein extremes, überzeichnetes Bild der Stadt. "So ist Chemnitz aber nicht", sagt Elisabeth.

Quelle: n-tv.de

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