Politik

Chemnitz im Hass "Alle rausschmeißen. Sofort!"

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Ein 35-jähriger war in Chemnitz niedergestochen worden.

(Foto: imago/Michael Trammer)

Die Wut über den Tod von Daniel H. ist zu Hass geworden. Viele Menschen in Chemnitz zeigen ganz unverhohlen Verständnis für die rechten Krawalle in der Stadt. Anderen macht das Angst.

Keine Spur von Krawall an diesem Vormittag. Die Straßenreinigung ist gerade erst mit der Brückenstraße fertiggeworden, wo sich am Vortag Hunderte Demonstranten, Links- und Rechtsradikale, beinahe eine Straßenschlacht geliefert hätten. Einige Straßen weiter, am Chemnitzer Marktplatz, spielt das Glockenspiel die Melodie von "Die Gedanken sind frei". Neben den Marktständen lassen zwei Herren lautstark ihren morgendlichen Gedanken freien Lauf. "Gut finde ich das, dass es noch Anständige gibt, die auf die Straße gehen", sagt der eine. "Und das sollen alle Nazis sein?", fragt der andere. "Dann bin ich auch einer!"

Die beiden sind sich einig: Die inhaftierten Tatverdächtigen, ein Syrer und ein Iraker, sind bald wieder frei. "Oder vielleicht hängen sie sich ja in Leipzig in einer Zelle auf", scherzt einer in Anspielung auf den Terrorverdächtigen Jaber Albakr, der Ende 2016 einen Anschlag auf den Berliner Flughafen geplant haben soll und erhängt in seiner Zelle der JVA Leipzig gefunden wurde.

Ebenfalls in der Brückenstraße liegt der Ort, an dem Daniel H. am frühen Sonntagmorgen erstochen wurde. Hunderte Kerzen stehen auf dem Gehweg, Blumen, ein Foto von dem Mann, der angeblich, das erzählt man sich hier, einen Sohn hinterlässt. Auf einer schwarz-rot-goldenen Trauerschleife steht "Unvergessen! Lieber Daniel". Unter all dem klebt eine große, vertrocknete Lache Blut. 34 Messerstiche sollen es gewesen sein, auch das erzählt man sich hier. Ein Blutbad.

Ein ruhiges Gedenken ist es nicht. Die Luft riecht nach Kerzen, doch gefüllt ist sie mit Diskussionen, Beleidigungen, Vorwürfen, Rechtfertigungen. Die Politik, die Merkel, die Presse, die Polizei, die Linken - alle würden das wirkliche Problem herunterspielen, sind sich die meisten hier sicher. Und das Problem steht für viele Chemnitzer fest: die Ausländer, die Araber, manche nennen sie auch nur "die Arschlöcher", das "Assi-Pack" oder ganz altmodisch "Kanaken".

"Muss alles raus"

"Ich würde sie alle rausschmeißen, sofort", sagt ein älterer Herr, der auf einer Bank nahe des Tatorts sitzt. Chemnitz habe viel zu viele Flüchtlinge aufgenommen. Er hat sein ganzes Leben in der Stadt verbracht. Ende der 1980er, als die DDR viele Vertragsarbeiter aus sogenannten sozialistischen Bruderstaaten aufgenommen hat, habe es auch keine Probleme gegeben. "Die waren aus Vietnam, Mosambik oder was weiß ich woher. Aber es waren nicht so viele." Vor allem gab es damals kaum Kontakte zur einheimischen Bevölkerung. Während der Mann erzählt, kommt ein junges Paar - südländisches Aussehen - und will Blumen ablegen. Ein junger Mann streckt ihnen von hinten den Mittelfinger entgegen.

Manche, die herkommen, weinen. Aber der Zorn überwiegt. Bei dem älteren Herrn, der gerne "alle rausschmeißen" würde, ist es der blanke Hass. Er wisse ganz genau, was er mit den Tätern machen würde. "Gesteinigt" werden müsse der eine und dem anderen solle man einen Strick in die Hand geben. "Dann kann er sich öffentlich selber aufhängen." Im ehemaligen Konzentrationslager Buchenwald seien doch noch Zellen intakt. "Da könnte man das machen." Das wäre ein Signal, das wäre eine "starke deutsche Hand", die es in diesem Land wieder brauche. "Dieses ganze Assi-Pack", schimpft er. Sein Kinn zittert, als er so redet. Allein ist er mit seinem Hass nicht. Immer wieder kommen Passanten vorbei, murmeln im Vorbeigehen "Kanaken-Hurensöhne" oder "Muss alles raus".

Bei den Kerzen und den Blumen entbrennt eine hitzige Diskussion. Nicht zum ersten Mal an diesem Tag. Eine Journalistin gerät ins Kreuzfeuer. "Die Presse schreibt über diese Zustände nicht, es wird alles verheimlicht", wirft ihr ein älterer Herr vor. Seine Frau steht daneben und schaut mit leerem Blick auf das Kerzenmeer und das getrocknete Blut. "Man kann als Frau nicht mehr allein in diese Stadt gehen", darüber berichte niemand. "Oder?" Er blickt zu seiner Frau, die nichts sagt. "Man kann als älterer Mensch überhaupt gar nicht mehr alleine in die Stadt gehen."

"Meine Frau geht nur noch ganz selten allein aus dem Haus", erzählt auch der 44-jährige Christian. "Und ich auch nur, wenn es sein muss." Es seien meistens junge Araber, die in der Stadt "Ärger machen". Zum Teil seien sie "sehr aggressiv". Christian sagt, er sei Nachbar des getöteten Daniel H. gewesen. Er beschreibt ihn als "hilfsbereit und lustig".

"Das macht mir Angst"

Es sind nicht wenige, die erzählen, wie gravierend sich die Sicherheitslage geändert habe. Die "schöne Wiese gegenüber vom Nischel", der gewaltigen Karl-Marx-Büste an der Brückenstraße, da sei es voll von "denen". Sie würden in der Stadt rumlungern, Frauen belästigen, die Männer provozieren, mit Rauschgift handeln. Viele von ihnen seien Islamisten. Diese Aussagen wiederholen sich immer und immer wieder.

Behauptungen, die jüngere Menschen nicht bestätigen wollen. "Ich kann mich hier frei bewegen. Es ist wie in jeder anderen Stadt auch", sagt die 17-jährige Lisa. Dass sich die Sicherheitslage durch Ausländer verändert habe, kann auch die ebenfalls 17-jährige Sophia nicht erkennen. "Das kann genauso gut sein, dass ein Deutscher ein Messer rausholt", sagt sie. Sophia, die dunkelhäutig ist, beschäftigt etwas anderes viel mehr. "Gestern haben die Rechten hier gebrüllt: 'Alles, was nicht deutsch aussieht, bekommt aufs Maul'. Das macht mir Angst." Es sei furchtbar, was passiert sei, der Angriff mit dem Messer. Aber dass deswegen Tausende, teils Rechtsradikale mit Hitlergruß und eindeutigen Parolen durch Chemnitz zögen, ist bedrohlich für sie. Hat es was mit Sachsen zu tun? "Es gibt hier definitiv ein großes Problem mit Rechten", sagt Sophia. Die Gründe? Sie weiß es nicht. Arbeits- und Perspektivlosigkeit? Vielleicht.

Darüber, dass es in dem Bundesland große Schwierigkeiten gebe, weiß der ältere Herr, der die beiden Tatverdächtigen gern ins KZ schicken würde, mehr zu berichten. "Ich wäre nicht gerne nochmal zwanzig", sagt er. "Hier gibt's nichts, keine Arbeit, keine Perspektive." Es sei doch klar, dass die Menschen wegzögen, für den Job in den Westen oder den Süden, wo die Löhne besser seien. Dazu die "vielen Ausländer", die auch Arbeit bräuchten. Das würde eben alles nicht passen. "Wenn ich nochmal jung wäre, würde ich auch rübermachen." Aber ist das nicht auch der Grund, warum so viele Menschen nach Deutschland kommen, weil sie sich eine bessere Perspektive erhoffen? Er zuckt mit den Schultern.

Sehr viele Menschen in Chemnitz, so scheint es, haben viel Wut auf die Ausländer in der Stadt oder zumindest Verständnis dafür. Anderen macht das Angst. Sophia sagt: "Das war purer Extremismus, was hier abging." Sie fürchtet, dass es noch schlimmer werden könnte. "Und diese Leute, die kümmern sich gar nicht um den Tod von dem Mann. Die benutzen das nur." Kurze Zeit später entbrennt wieder ein Wortgefecht bei den Kerzen und Blumen. "Er war Deutscher", ruft eine Frau wutentbrannt, "einen kubanischen Vater hatte er, ja, aber er war Deutscher, wie wir".

Quelle: n-tv.de

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