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Dürre, Brände, Schädlinge So kaputt ist der deutsche Wald

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Gefundenes Fressen für den Borkenkäfer: der Nationalpark Harz.

(Foto: imago images / Jannis Große)

Längst schlagen nicht mehr nur Umweltschützer Alarm: Zehntausende Hektar Wald sterben wegen der Dürre und ihren Folgen. Der Wald steht vor dem "Kollaps", warnen Forstfachleute. Ist die Lage tatsächlich so schlimm? Und was kann getan werden?

Waldbesitzer und Umweltschützer sprechen von einer "Jahrhundertkatastrophe", von einer Existenzgefährdung "ungeahnten Ausmaßes". In den vergangenen Jahren sind bereits Zehntausende Hektar Wald abgestorben - weshalb Umweltministerin Julia Klöckner für September einen Krisengipfel einberuft. An diesem Donnerstag berät sie sich am Nachmittag schon einmal mit den Forstministern der Union. Doch wie besorgniserregend ist die Situation? Die wichtigsten Fragen und Antworten hier.

Wie schlimm ist die Lage?

"Unser Wald ist in Gefahr aktuell", sagt Klöckner bei n-tv. Gegen Sturmschäden, Dürrekatastrophen und Borkenkäfer sei selbst der resistenteste Wald nicht gewachsen. Laut der Schutzgemeinschaft Deutscher Wald sind bereits 120.000 Hektar Wald tot - von 11,4 Millionen Hektar Wald in ganz Deutschland. Für die Klimabilanz ist dies eine Katastrophe: Schließlich schluckt der Wald jährlich rund 58 Millionen Tonnen CO2. Das sind sechs Prozent der deutschen Emissionen.

Das Sterben trifft dabei Waldbestände bundesweit und es trifft alle wichtigen Baumarten: Kiefern, Buchen, Eichen, Fichten. Wie die Waldzustandsberichte zeigen, nehmen auch die Kronenschäden deutlich zu. Bei Eichen und Buchen liegen diese bei rund 40 Prozent; im Durchschnitt aller Arten hat jeder dritte Baum Probleme.

Der Bund für Umwelt und Naturschutz Deutschland spricht bereits von einem "Waldsterben 2.0". Beim ersten Waldsterben in den 1980er-Jahren hatte vor allem der saure Regen den Wäldern massiv zugesetzt. Dank einer konzertierten Aktion - mit dem Nachrüstungen älterer Fabriken, einer Katalysatorpflicht und großflächigem Verstreuen von Kalk auf die Waldböden - besserte sich allerdings damals die Lage wieder.

Warum ist das Waldsterben diesmal so heftig?

Ein Großteil der Bäume leidet noch immer unter Stickoxiden in der Luft. Besonders wegen des Autoverkehrs nahmen diese in den vergangenen Jahren zu. Viele Probleme rühren allerdings von der extremen Dürre her. Der Bund Deutscher Forstleute spricht gar von einer "Klimakatastrophe", die insgesamt den Waldbestand gefährdet. Im vergangenen und in diesem Sommer fehlten durchschnittlich mehr als 200 Liter Regen pro Quadratmeter im Jahr. Vor allem im Osten vertrocknen die Wälder und sind extrem anfällig für Brände. 2018 brannten rund 2350 Hektar, es war die größte Fläche seit 26 Jahren.

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Allein beim Brand im brandenburgischen Jüterbog standen in der vergangenen Woche 100 Hektar in Flammen. Kommen dann noch schwere Stürme oder starke Schneemengen hinzu, wie in diesem Winter etwa im Allgäu, sind die ausgetrockneten Bäume deutlich anfälliger für Schäden, werden entwurzelt oder brechen.

Die Trockenheit führt aber noch zu anderen Problemen: Für die Bäume bedeutet die Dürre Stress und macht sie anfällig für Schädlinge und Pilze. Besonders der Borkenkäfer, der sich unter der Rinde entwickelt und Gänge in die Bäume frisst, ist für Fichten inzwischen ein gravierendes Problem. Wegen der Dürre können diese weniger Harz produzieren, das normalerweise die Käfer abwehrt. Allein in Sachsen gab es laut dem Umweltministerium die größte Massenvermehrung von Borkenkäfern seit dem Zweiten Weltkrieg. In Nordrhein-Westfalen, Hessen, Bayern und Baden-Württemberg sind die Fichtengebiete ebenfalls stark betroffen.

Auch weitere Schädlinge breiten sich aus: In einigen Gegenden vermehren sich plötzlich massiv die Raupen der Schwammspinner und Eichenprozessionsspinner, die die Laubbäume kahl fressen. Noch vor 30 Jahren spielten diese beiden Arten etwa in Bayern keine Bedeutung in der Forstwirtschaft, wie Olaf Schmidt, Präsident der Bayerischen Landesanstalt für Wald und Forstwirtschaft, feststellt. Das hat sich längst geändert. "Nun haben sich diese Arten so schnell ausgebreitet, wie es noch vor 15 Jahren niemand erwartet hätte." Hinzu kommen etwa Baumkrankheiten wie die Ahorn-Rußrindenkrankheit, die ein wärmeliebender Pilz verursacht - und dessen Sporen beim Menschen Entzündungen auslösen können. "Wir haben bei fast allen Baumarten täglich Hiobsbotschaften über Vitalitätsminderung und Schäden", so Schmidt.

Was muss getan werden?

Die Forstressorts der unionsregierten Länder peilen mittlerweile einen Masterplan gegen das Waldsterben an. "Wir müssen mehrere Millionen Bäume wieder aufforsten, wenn wirklich der Wald so ernst genommen wird, wie es immer heißt", sagt Klöckner bei n-tv. Sie plant ein gigantisches Aufforstungsprogramm, in das rund eine halbe Milliarde Euro aus dem Energie- und Klimafonds fließen soll. Ob das reicht, ist unklar. Hans-Georg von der Marwitz von der Arbeitsgemeinschaft Deutscher Waldbesitzerverbände fordert "kurzfristig ein schnelles, unbürokratisches Bundesprogramm zur Wiederbewaldung und Erstaufforstung". Die Waldbesitzer gehen davon aus, dass bundesweit rund 300 Millionen Bäume nachgepflanzt werden müssen. Geschätzte Kosten: 640 Millionen Euro.

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Doch es muss noch mehr getan werden. Das Bundesumweltministerium setzt sich für eine neue Waldstrategie ein. "Anfällige Fichtenwälder durch anfällige Fichtenwälder zu ersetzen, löst das Problem nicht", sagte Umweltstaatssekretär Jochen Flasbarth dem "Tagesspiegel". Vielmehr müsse es wegen des Klimawandels künftig mehr Mischwälder geben. Diese sind gegenüber Sturm und Schädlingen deutlich widerstandsfähiger als Nadelholz-Monokulturen. Derzeit liegt ihr Anteil lediglich bei rund 40 Prozent. Auch setzt das Umweltministerium künftig mehr auf Urwälder mit naturbelassenen Flächen. "Wir haben uns bislang fünf Prozent als Ziel gesetzt, das ist in etwa eine Verdoppelung im Vergleich zu heute", betonte Flasbarth. Im öffentlichen Wald sollen es zehn Prozent sein.

Die Zeit drängt. Um alleine den Borkenkäfer zu bekämpfen, muss schnell das befallene Schadholz aus den Wäldern geschafft werden. Ansonsten springt dieser weiter auf gesunde Bäume über. Der Dachverband der Waldeigentümer rechnet mit insgesamt 70 Millionen Festmeter Schadholz, dessen Abtransport rund 2,1 Milliarden Euro kosten könnte. Doch auch hier gibt es ein Problem, wie Philipp Bahnmüller, Sprecher der Bayerischen Staatsforsten, kürzlich feststellte: "Die Kapazitäten für den Transport sind nicht vorhanden."

Mehr zu dem Thema auch im n-tv News Spezial "Waldsterben in Deutschland" um 14.30, 16.30 und 17.30 Uhr.

Quelle: n-tv.de, mit dpa

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