Politik

Unangenehme Pandemie-Fragen Sollen alle für Ungeimpfte zahlen?

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Gesundheitsversorgung ist ein Grundrecht, unabhängig davon, was dazu führte, krank zu werden.

(Foto: picture alliance / BARBARA GINDL / APA / picturedesk.com)

Das Coronavirus bringt Menschen ins Krankenhaus, um Existenzen und viel Geld. Das führt zu schwierigen Debatten, die am Stammtisch oder dem Internet-Pendant Twitter geführt werden. Warum soll eigentlich die Allgemeinheit für die Behandlung der Ungeimpften zahlen? Und was bedeutet das für die Impfpflicht?

In der Pandemie geht es um Leben und Tod - genau das ist der Grund, warum nicht nur in Deutschland das Möglichste getan wird, um zu verhindern, dass Menschen an Covid-19 sterben. Insbesondere geht es darum, eine Überlastung des Gesundheitssystems zu verhindern. Damit alle Erkrankten die bestmögliche Behandlung bekommen und niemand das Leben verliert, obwohl man es hätte retten können. Darüber herrscht ein Grundkonsens in Deutschland. Doch in der vierten Welle wird der auf die Probe gestellt: Während sich gut zwei Drittel der Bevölkerung oder rund 80 Prozent der Erwachsenen impfen ließen, gibt es eine Minderheit, die das verweigert. Und die das Gros derjenigen stellt, die nun auf Intensivstationen liegen.

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Professor Mark Schweda lehrt und forscht an der Uni Oldenburg zur Ethik in der Medizin.

(Foto: Mirian Merkel / Uni Oldenburg)

Darüber sind viele Pflegekräfte frustriert, denn sie schuften, um jene zu retten, die sich nicht schützen wollten. Aber nicht nur die ärgern sich. Auch sonst sind viele genervt davon, dass nun wieder über einen Lockdown geredet wird, obwohl man doch eigentlich dachte, die Impfung mache all das überflüssig. Das Problem wird umso kleiner, je mehr Menschen sich impfen lassen. Wie aber kann man die Skeptischen und Zögernden motivieren? Kostenlose Bratwürste und Gratiskaffee hatten nur begrenzten Erfolg. Das wäre das altbekannte Zuckerbrot aus dem Sprichwort. Und da drängt sich die Frage auf: Was ist mit der Peitsche?

Manche fordern das nun, beispielsweise die Kassenärztliche Vereinigung Berlin: Dass jene, die ungeimpft und Covid-erkrankt auf der Intensivstation landen, selbst ihre Behandlungskosten übernehmen sollen. Die Aussicht darauf, viele Tausend Euro aus eigener Tasche bezahlen zu müssen, sollte Motivation genug sein, sich die Spritze geben zu lassen. Was manchem intuitiv eine gute Idee erscheinen mag, wäre allerdings ein schwerwiegender Schritt, wie der Oldenburger Professor und Medizinethiker Mark Schweda im Gespräch mit ntv.de meint. Denn wo führt das hin? Mit einer Kostenbeteiligung wäre es nicht unbedingt getan. "Es wird ja mitunter sogar gefordert, freiwillig Ungeimpfte sollten zurückgestellt werden, falls sie infolge einer Covid-19-Erkrankung einen Beatmungsplatz brauchen. Damit würde man ihnen den Zugang zu lebensrettender medizinischer Versorgung erschweren. Das halte ich für inakzeptabel."

Es geht um ein Grundrecht

Die Frage sei, wo man anfängt und wo man aufhört. Denn wenn man einmal damit anfängt, die medizinische Behandlung vom vorangegangenen Verhalten abhängig zu machen, stellen sich noch weitere Fragen. "Was ist mit den Rauchern und den Übergewichtigen? Was ist mit den rücksichtslosen Autofahrern oder den Anhängern von Risiko-Sportarten?", fragt Schweda. "Ich halte es für schwierig, diese Diskussion aufzumachen und zu sagen: Euer Zugang zu Gesundheitsversorgung oder die Höhe eurer Kosten hängen davon ab, wie ihr euch verhalten habt und wie sehr ihr selbst beigetragen habt zu eurem Gesundheitszustand."

Es ist zwar andererseits auch nicht so, dass Krankenkassen jede medizinische Behandlung bezahlten. Das gelte für Folgekosten bestimmter ästhetischer Maßnahmen oder wenn sich ein Bauchnabel-Piercing entzünde. An der Stelle hat die Solidarität der Versicherten eine Grenze. Solidarität sei aber nicht der einzige Faktor, so Schweda. "Der Anspruch darauf, unterstützt zu werden beim Erhalt und der Wiederherstellung der eigenen Gesundheit, ist noch fundamentaler. Das können wir nicht einfach nur von einer Solidarität abhängig machen, die mal stärker, mal schwächer ausgeprägt sein mag, sondern das ist, würde ich sagen, ein Grundrecht eines jeden und einer jeden auf eine angemessene Gesundheitsversorgung. Unabhängig davon, ob wir uns jetzt solidarisch mit den Personen fühlen - oder diese sich mit uns."

Wenn Gesundheit aber ein Grundrecht ist, dann sind die Erkrankten bestmöglich zu behandeln - Punkt. Dann spielt es keine Rolle, ob man vorher seinerseits solidarisch war oder nicht. So vermeidet man auch die kaum zu lösende Frage, was denn ein angemessenes Verhalten gewesen wäre, bevor man erkrankt ist. Bei der Frage "Impfung - ja oder nein" mag das noch einfach aussehen. Aber ab wie vielen Zigaretten, wie vielen Bier und wie vielen Steaks ist man unsolidarisch? Es müsste ja eine Art Tribunal über den eigenen Lebenswandel stattfinden, das über eine Behandlung entschiede. Wollte man sich dem aussetzen? Es gibt ja immer noch die Freiheit, so zu leben wie man möchte, auch wenn es nicht immer mit bester Gesundheit endet.

Moralische Verantwortung zur Impfung

Nichtsdestotrotz sieht auch Schweda eine moralische Verpflichtung, sich impfen zu lassen. "Es geht nicht nur darum, ob man klug genug ist, sich selbst zu schützen. Es geht auch darum, andere vor einer Ansteckung zu bewahren. Es geht letztlich auch um das Gemeinwohl, zum Beispiel darum, so weitreichende Einschränkungen des öffentlichen Lebens, wie sie jetzt im Winter wieder notwendig werden könnten, zu vermeiden. Deshalb gehe ich davon aus, dass es eine moralische Verantwortung gibt, sich impfen zu lassen."

Eine allgemeine Impfpflicht befürwortet Schweda aber nicht: "Aus einer moralischen Verantwortung folgt nicht automatisch eine gesetzliche Verpflichtung. Wir leben in einem freiheitlichen-demokratischen Rechtsstaat und der erlegt uns zum Glück nicht auf, ständig moralisch zu handeln." Zudem befürchtet er, dass die Impfpflicht eher dazu führt, dass sich die Fronten weiter verhärten und die Impfbereitschaft eher noch sinkt. Er glaubt auch, es könne noch viel stärker für die Impfungen geworben werden - so wie in den 80er und 90er Jahren, als überall Plakate zur AIDS-Aufklärung hingen und TV- und Radiospots dazu liefen. Und: "Erst mal wäre doch für geeignete Infrastrukturen zu sorgen, damit die - übrigens doch sehr große - Mehrheit derer, die sich impfen lassen wollen, sich auch impfen lassen können."

Quelle: ntv.de

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