Politik

Sorge über Infektionszahlen Spahn: "Pandemie ist ein Charaktertest"

Mit Blick auf den Herbst mahnt Gesundheitsminister Spahn einmal mehr zur Vorsicht - und er wendet sich vor allem an die Jungen. Ihr Umgang mit dem Virus sei "teilweise ignorant", kritisiert er. Denn um die Lage unter Kontrolle zu halten, müssten alle "80 Millionen mitmachen". Das sei eine Frage des Charakters.

Die immer schneller steigenden Corona-Infektionszahlen in Deutschland führen zunehmend zu Besorgnis in der Bundesregierung. Gesundheitsminister Jens Spahn sagte mit Blick auf den jüngsten Anstieg auf mehr als 4000 Fälle binnen eines Tages, die Pandemie sei "ein Charaktertest für unsere Gesellschaft". "Und ich möchte, dass wir diesen Test bestehen." Er beobachte insbesondere bei jüngeren Menschen einen "sorglosen und teilweise ignoranten Umgang" mit dem Virus.

Es gelte zu verhindern, dass die Zahlen insgesamt wieder exponentiell steigen und es zu einem Moment komme, "wo wir die Kontrolle verlieren", sagte der Minister. "Da sind wir noch nicht." Auch der Chef des Robert-Koch-Instituts (RKI), Lothar Wieler, zeigte sich beunruhigt und warnte davor, dass sich das Virus wieder unkontrolliert ausbreiten könnte. Dann seien mehr als 10.000 Fälle pro Tag möglich. Er appellierte an die Bevölkerung, die Hygiene- und Abstandsregeln einzuhalten und Masken auch im Freien zu tragen, sofern das Abstandhalten nicht umsetzbar ist.

Wieler warb außerdem noch einmal für die Nutzung der Corona-Warnapp. Über die App seien inzwischen mehr als 8000 positive Testergebnisse geteilt worden. Zwei Drittel der infizierten Nutzer haben somit ihre Kontakte gewarnt. Nichtsdestotrotz könnten die Infektionszahlen laut Spahn nur dann unter Kontrolle gehalten werden, wenn alle "80 Millionen mitmachen". Gerade die Jüngeren hielten sich oft für unverletzlich. "Das sind sie aber nicht", betonte Spahn. Bei Covid-19 handele es sich weiterhin um eine ernsthafte Erkrankung. Einen neuen Lockdown schloss er weitestgehend aus.

Schärfere Regeln, dort wo sie nötig sind

Stattdessen sprach sich der Minister dafür aus, schärfere Regeln auf bestimmte Bereiche zu konzentrieren - etwa auf private Feiern, Hochzeiten oder Gottesdienste. Das Infektionsrisiko steige vor allem dort, wo sich die Menschen in geschlossenen Räumen nicht mehr an die Abstands- und Hygieneregeln hielten. "Im öffentlichen Nahverkehr, beim Frisör oder beim Einkaufen haben wir keine größeren Ausbrüche gesehen", so Spahn. Dort seien zusätzliche Maßnahmen demzufolge auch nicht notwendig.

*Datenschutz

Die Zahl der Todesfälle und Intensivpatienten sei zwar derzeit vergleichsweise niedrig - laut RKI-Chef Wieler gibt es derzeit 470 Hospitalisierungen. Allerdings habe sich dieser Wert in den vergangenen vier Wochen verdoppelt. Hinzu komme, dass auch wieder mehr ältere Menschen erkranken. Wieler plädierte dafür, bei der Bewertung der Infektionslage nicht mehr allein die aktuellen Infektionszahlen zu betrachten, sondern auch weitere Faktoren - wie die Schwere der Erkrankungen und die Belastung des Gesundheitssystems - einzubeziehen. Zu Letzterem zähle auch die Auslastung der Gesundheitsämter.

In diesem Zusammenhang erklärte die Leiterin der Abteilung Infektiologie des Uniklinikums Gießen, Susanne Herold, sie beobachte in den vergangenen Wochen einen langsamen Anstieg an Covid-19-Patienten. Sollten die Zahlen weiter ansteigen, müsse man sich auf eine "neue Welle schwer Erkrankter" vorbereiten und entsprechende Räume schaffen. Das könne auch bedeuten, dass andere Patienten "nicht so gut behandelt werden" können, warnte Herold.

Cortison und Remdesivir sind "Standard"

Zwar habe man, was die Behandlung der Krankheit angeht, seit Beginn der Pandemie viel gelernt. Es handele sich aber weiterhin um eine schwere Erkrankung, die nicht nur ältere Menschen treffe. "Das Risiko schwerer Verläufe steigt schon ab 60 Jahren", so die Infektiologin. In Deutschland gehöre aktuell die Behandlung mit Cortison und dem Ebola-Medikament Remdesivir "zum Therapiestandard" - eine zusätzliche Gabe von neutralisierenden Antikörpern, wie sie etwa der US-Präsident Donald Trump erhalten hat, sei hierzulande jedoch noch nicht erlaubt.

Für Mitte Herbst hatte Spahn bereits das Ziel ausgegeben, die Pflegeeinrichtungen und Krankenhäuser mit Corona-Schnelltests auszustatten. Sie sollen künftig die normalen PCR-Tests ergänzen und Infektionen bei Beschäftigten, Patienten und Bewohnern frühzeitig erkennen helfen. Neun Millionen solcher Tests seien laut Spahn bereits gesichert, und man bemühe sich, die Zahl weiter zu erhöhen. Aber: "Die Schnelltests ersetzen nicht die Aha-Regeln", mahnte der Minister.

Quelle: ntv.de, jug/dpa/rts