Politik

Linnemann im Interview "Sprache ist der Schlüssel zur Integration"

86237110.jpg

Carsten Linnemann

(Foto: picture alliance / dpa)

Kinder, die nicht richtig Deutsch sprechen, sollen in Vorschulklassen fit für die Schule gemacht werden, fordert CDU-Mittelstandspolitiker Carsten Linnemann. Das sorgt für eine hitzige Debatte. Die Vorwürfe lauten: Er wolle Migrantenkinder ausschließen, am rechten Rand fischen, die Gesellschaft teilen. Sogar sein Rücktritt wird gefordert. Im Interview mit n-tv.de verteidigt Linnemann seine Äußerung und sagt, er sei sogar froh, dass die Debatte nun geführt werde.

n-tv.de: Deutschland ist mitten im politischen Sommerloch und Sie sagen in einem Interview: "Ein Kind, das kaum Deutsch spricht und versteht, hat auf einer Grundschule noch nichts zu suchen." Hatten Sie das Beben, das darauf folgte, einkalkuliert?

Carsten Linnemann: Überhaupt nicht. Es war ein langes Sommerinterview mit der "Rheinischen Post", und ich habe an einer Stelle die Regierung dafür kritisiert, dass ein Plan für Deutschlands Zukunft fehlt. Eigentlich hatte ich damit gerechnet, dass sich daran eine Debatte über die Zukunftsfähigkeit Deutschlands entzünden könnte. Was ich zu Deutschkenntnissen gesagt habe, ist für mich eine Selbstverständlichkeit. Kinder, die in die Schule kommen, sollten über ausreichende Deutschkenntnisse verfügen. Nur so können sie überhaupt dem Unterricht folgen.

Hatten Sie denn spezielle Gruppen von Kindern vor Augen?

Nein, ich habe alle Kinder gemeint. Zugewanderte Kinder haben natürlich mehr Probleme mit der deutschen Sprache, wie Sprachstanderhebungen zeigen. Aber es gibt auch viele hier geborene Kinder, die diese Schwierigkeiten haben. Ich bin der Meinung, dass wir gerade im Vorschulalter etwas machen müssen. Sonst fällt uns das irgendwann vor die Füße.

Sie sind eigentlich kein Bildungspolitiker, ihr Fachgebiet ist der Mittelstand. Fürchten Sie, dass mangelnde Integration aufgrund fehlender Sprachkenntnisse langfristig wirtschaftlich negative Effekte haben könnte?

Integration ist ein großes Thema im Mittelstand. Viele Unternehmen sind bereit, Flüchtlinge als Arbeitskräfte oder als Auszubildende einzustellen. Aber sehr oft hapert es dann an der deutschen Sprache. Deswegen ist es auch so wichtig, dass wir nicht nur nachbessern, sondern so früh wie möglich darauf achten, dass Kinder Deutsch lernen. Das Beherrschen der deutschen Sprache ist das A und O, um auf dem Arbeitsmarkt und in unserer Gesellschaft Fuß fassen zu können.

Wenn wir über Kinder von Flüchtlingen sprechen, gibt es in Schleswig-Holstein oder Berlin das Modell der Willkommensklassen. Ihre Parteikollegin Karin Prien, Bildungsministerin in Kiel, sagt: "Bei uns funktioniert das." Haben Sie andere Erfahrungen oder würden Sie sagen: Das ist ein Modell, das man deutschlandweit einführen könnte?

Solche Förderkurse gibt es in mehreren Bundesländern. Aber noch mal: Mir geht es nicht nur um Flüchtlinge, sondern um alle Kinder. Daher habe ich auch große Sympathie für das Modell aus Hamburg. Dort müssen alle Kinder mit viereinhalb Jahren einen Sprachtest machen. Und die Kinder, bei denen es signifikante Defizite gibt, müssen verpflichtend in die Vorschule. Das funktioniert deutlich besser als beispielsweise in Berlin, wo es auch Sprachtests für Kinder gibt, die nicht zur Kita gehen. Aber zwei Drittel dieser Kinder nehmen nicht an den Tests teil. Und drei Viertel derer, die den Test gemacht haben, haben wiederum nicht bestanden. Diese Kinder müssten eigentlich verpflichtend in die Kita. Das findet in Berlin zum großen Teil nicht statt.

Sie haben aus Ihrer eigenen Partei viel Kritik bekommen, teilweise aber auch Lob. Sind Sie letztlich froh, dass Sie die Diskussion angestoßen haben?

Absolut. Und ich hoffe, dass nach der Debatte auch Konsequenzen gezogen werden. Ich freue mich darüber, dass jetzt Zahlen veröffentlicht werden, die zeigen, dass beispielsweise in Berlin das System überhaupt nicht funktioniert.

Ist das denn eine Debatte um Sprachkenntnisse von Schulkindern oder geht es um etwas Größeres, um Integration grundsätzlich?

Im Interview war der Aufhänger ganz klar das Thema Integration und dass wir da besser werden müssen. Denn Sprache ist der Schlüssel zur Integration. Aber noch mal: Ich habe etwas Selbstverständliches gesagt, finde ich. Natürlich gibt es vor allem in ländlichen Räumen Schulklassen, in denen vielleicht ein oder zwei Kinder sitzen, die kaum Deutsch können. Diese Fälle lassen sich oftmals gut auffangen. Aber es gibt halt auch Stadtteile, in denen jeder dritte Grundschüler kaum Deutsch spricht. Darüber müssen wir reden und dafür müssen wir Lösungen finden.

In dem Interview mit der "Rheinischen Post", aus dem die Äußerung stammt, haben sie im gleichen Atemzug von mangelnden Deutschkenntnissen und von den Morden in Frankfurt und Stuttgart gesprochen. Wollten Sie diese Assoziation bewusst herstellen?

Nein, überhaupt nicht. Ich sehe, dass dieses Land durch verschiedene Vorfälle aufgerieben wurde. Die Politik wird stärker gefordert, über den Tellerrand hinaus zu denken. Das Thema Integration ist eines der wichtigsten in Deutschland. Und wenn man mir unterstellt, mit solchen Aussagen Ressentiments zu schüren, finde ich das schon irgendwie bösartig. Wenn wir die gesellschaftliche Mitte noch zu Wort kommen lassen wollen, dürfen wir nicht jede Debatte gleich im Keim ersticken und damit den extremen Parteien das Feld überlassen.

Es gibt also keine Verbindung?

Nein.

Es gab massive Kritik an ihren Aussagen, bis hin zu Rücktrittsforderungen. Sie selbst haben jetzt schon mehrfach gesagt, dass Sie Ihre Forderung für eine Selbstverständlichkeit halten. Was haben Sie über den politischen Diskurs in Deutschland gelernt?

Dass die Debatte zu unsachlich geführt wird. Dass ich zum Teil bewusst falsch verstanden wurde und man mir vorwirft, Migranten von der Grundschule ausschließen zu wollen. So kann keine sachliche Debatte zustande kommen. Die brauchen wir aber, und dafür brauchen wir unterschiedliche Meinungen und Argumente.

Den Begriff "Grundschulverbot" hat ihnen die Deutsche Presseagentur in den Mund gelegt. Er kam in dem Interview gar nicht vor. Eine Korrektur folgte erst Stunden später. Machen Sie den Kollegen einen Vorwurf?

Fehler passieren. Die dpa hat sich bei mir entschuldigt und ich nehme die Entschuldigung an. Aber es war natürlich überhaupt nicht förderlich für die Debatte, weil stundenlang diese Falschmeldung in der Öffentlichkeit kursierte. Ich möchte niemanden ausschließen. Im Gegenteil: Ich will junge Menschen fördern, nicht mehr und nicht weniger.

Mit Carsten Linnemann sprach Benjamin Konietzny

Quelle: n-tv.de

Mehr zum Thema