Politik

"Wir tragen die Verantwortung" Sri Lanka gibt Versäumnisse zu

Die Zahl der Toten in Sri Lanka steigt immer weiter an. Während der IS die Anschläge für sich reklamiert, gibt die Regierung Fehler zu. Weil Hinweise auf Anschlagspläne nicht weitergegeben wurden, soll es Konsequenzen für die Sicherheitsbehörden geben.

Nach den Anschlägen in Sri Lanka mit inzwischen mehr als 350 Toten will die Regierung die Chefs der Sicherheitsbehörden wegen mangelnder Informationspolitik entlassen. Staatspräsident Maithripala Sirisena kündigte in einer Fernsehansprache an, die Führungen der Polizei und anderer Sicherheitskräfte binnen 24 Stunden umzukrempeln. Vorab vorliegende Hinweise auf Anschlagspläne seien nicht an die Regierung weitergegeben worden.

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Berichtet für RTL und n-tv aus Sri Lanka: Stephan Richter.

(Foto: Twitter.com / @RichterSteph)

Die Terrormiliz Islamischer Staat (IS) hatte die Selbstmordanschläge auf Hotels und christliche Kirchen in Sri Lanka für sich reklamiert. Nach Angaben von Sri Lankas Premierminister Ranil Wickremesinghe waren noch einige Verdächtige auf der Flucht, manche von ihnen seien im Besitz von Sprengstoff. In Colombo wurde am heutigen Mittwoch ein verdächtiges Motorrad kontrolliert gesprengt, sagte n-tv Reporter Stephan Richter. Solche initiierten Detonationen zeigten, dass die Behörden sehr wachsam seien und die Polizei gezielt Fahrzeuge auf Sprengstoff kontrolliert. "Die Einwohner haben Angst, dass ihre Stadt zu einer Art Minenfeld wird", so Richter. Da die Polizei in den vergangenen Tagen häufig fündig wurde, sei die Angst der Bewohner nicht unbegründet. Er gehe davon aus, dass es in den kommenden Tagen und Stunden noch weitere solcher Meldungen geben wird.

Bei erneuten Razzien nahm die Polizei in der Nacht nach eigenen Angaben 18 Verdächtige fest. Damit stieg die Zahl der im Zusammenhang mit den Anschlägen Festgenommenen auf insgesamt 58. Nach Einschätzung der Regierung Sri Lankas waren die Anschläge als Vergeltung für den Anschlag auf Moscheen im neuseeländischen Christchurch im März gedacht, wie Vize-Verteidigungsminister Ruwan Wijewardene erklärte. Ein Sprecher von Neuseelands Premierministerin Jacinda Ardern sagte allerdings, der Regierung des Pazifikstaats seien keine derartigen Geheimdienstinformationen bekannt. Bei dem Anschlag eines mutmaßlichen Einzeltäters - ein Rechtsextremist aus Australien - auf zwei Moscheen am 15. März waren während der Freitagsgebete 50 Menschen getötet und Dutzende verletzt worden.

Attentäter waren gebildet

Bei einer Pressekonferenz sagte Verteidigungsminister Wickremesinghe, dass einer der Selbstmordattentäter in Großbritannien und Australien studiert habe. Auch die anderen Attentäter sollen im Ausland studiert und gelebt haben. "Die Attentäter haben fast alle eine gute Ausbildung und gehören der gehobenen Mittelklasse an und sind daher finanziell unabhängig, was ein besorgniserregender Faktor ist", sagte Wickremesinghe. "Manche von ihnen haben in vielen verschiedenen Ländern studiert, haben Hochschulabschlüsse und sind sehr gebildet."

Das IS-Sprachrohr Amak berichtete am Dienstag in den sozialen Netzwerken, die Angreifer seien IS-Kämpfer gewesen. Es kursierte auch ein Video, das angeblich zeigte, wie die sieben Selbstmordattentäter aus Sri Lanka vor einer IS-Flagge dem IS-Chef Abu Bakr al-Bagdadi einen Treueeid leisteten. Kämpfer des Islamischen Staates hätten "Bürger der Koalition und die christliche Gemeinschaft" attackiert, hieß es. Eine Verbindung zu Christchurch stellte das Sprachrohr nicht her.

Mit "Bürgern der Koalition" bezeichnet der IS Staatsbürger von Ländern, die der internationalen Anti-IS-Koalition angehören, die die Terrormiliz in Syrien und im Irak bekämpft. Sri Lanka gehört der Koalition nicht an. Touristen in den angegriffenen Hotels könnten gemeint sein. Die Echtheit der Bekennernachricht ließ sich zunächst nicht unabhängig überprüfen. Sie wurde über die üblichen Kanäle in den sozialen Netzwerken verbreitet, in denen der IS auch in der Vergangenheit Anschläge für sich reklamiert hatte.

Wickremesinghe sagte bei einer Pressekonferenz am Dienstag, es habe schon zuvor der Verdacht bestanden, dass die Attentäter Verbindungen zum IS gehabt haben könnten. Einige der Angreifer seien im Ausland gewesen, erklärte Wickremesinghe, ohne die Verbindungen zum IS zu bestätigen. Als Täter macht Sri Lanka eine einheimische Islamistengruppe verantwortlich. Über einen Ableger des Islamischen Staates in Sri Lanka ist bisher nichts bekannt.

Ausländische Geheimdienste warnten vor Anschlägen

Sieben sri-lankische Selbstmordattentäter hatten sich am Ostersonntag nahezu zeitgleich in drei Kirchen in mehreren Städten und drei Luxushotels in der Hauptstadt Colombo in die Luft gesprengt. Einige Stunden später gab es zwei weitere Explosionen in einem kleinen Hotel und einer Wohngegend in Vororten Colombos. Die Zahl der Toten lag nach Polizeiangaben vom Mittwoch bei 359 - darunter waren laut Außenministerium 34 Ausländer, 14 wurden noch vermisst. Auch ein Deutsch-Amerikaner wurde getötet, wie das Auswärtige Amt mitteilte.

Laut Unicef kamen auch 45 Kinder ums Leben. Mehr als 500 Verletzte wurden nach Angaben der Polizei noch in Krankenhäusern behandelt. 60 Menschen sind laut Polizei in Gewahrsam - alle seien Sri Lanker. Dass auch ein syrischer Staatsbürger darunter war, wie die Polizei zunächst bestätigt hatte, dementierte Wickremesinghe. Er bestätigte aber einen Bericht, wonach es einen Anschlagsversuch auf ein weiteres Fünf-Sterne-Hotel gegeben hatte, der fehlschlug.

Es hatte vor den Attacken Hinweise auf Anschlagspläne der Gruppen gegeben, wie Kabinettssprecher Rajitha Senaratne erklärte. Ausländische Geheimdienste hätten bereits am 4. April über mögliche Selbstmordanschläge auf Kirchen und Touristenziele in Sri Lanka informiert- die Informationen stammten aus Indien, wie Wickremesinghe bekannt gab. "Wir tragen die Verantwortung, es tut uns sehr leid", sagte Senaratne im Namen der Regierung.

Führten politische Spannungen zu Versäumnissen?

Mehrere Minister hatten kritisiert, Wickremesinghe sei zuletzt nicht zu Sitzungen des Sicherheitsrates der Regierung eingeladen worden. Hintergrund sind Spannungen zwischen den in einer Koalition regierenden Parteien von Wickremesinghe und Staatspräsident Sirisena, dem als Verteidigungsminister die Sicherheitskräfte unterstehen. Sirisena hatte Wickremesinghe Ende vergangenen Jahres überraschend entlassen und ersetzt. Wickremesinghe gewann aber den Machtkampf und blieb als Premierminister im Amt. Bis Ende dieses Jahres steht eine Präsidentenwahl in Sri Lanka an.

Am Dienstag waren Notstandsbestimmungen in Kraft getreten, die den Sicherheitskräften nach Angaben von Sirisenas Büro weitreichende Befugnisse einräumen. Solche Bestimmungen waren während des Bürgerkriegs in Sri Lanka von 1983 bis 2009 fast dauerhaft in Kraft - und auch darüber hinaus noch bis 2011.

Quelle: n-tv.de, vck/dpa

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