Politik

Krawalle nahe Ramallah "Steinewerfer können gegen Panzer nur verlieren"

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Demonstranten in Ramallah.

(Foto: Sonja Gurris)

Raketen fliegen auf Südisrael und fallen auf den Gazastreifen - und im Westjordanland fliegen Steine. Doch wie ist die Stimmung unter den Palästinensern in Ramallah? n-tv.de hat sich vor Ort umgehört - und erlebt, wie die angespannte Atmosphäre auf die Bewohner wirkt.

Auf dem zentralen Platz in Ramallah steht ein riesiger Weihnachtsbaum. Doch besinnlich geht es hier nicht zu: Mit roten und palästinensischen Fahnen marschieren Hunderte Palästinenser hinter einem Lkw her, skandieren Pro-Palästina-Rufe und ätzen gegen US-Präsident Donald Trump. Es sind junge Männer, Alte, Frauen und Kinder. Auf dem klapprigen Lastwagen, der eine kleine Runde durch die Stadt nimmt, stehen vor allem junge Männer zwischen 15 und 30 Jahren. Der ein oder andere vermummt sich mit seiner rot-weißen Kufiya, dem traditionellen Tuch der Palästinenser. Manche fügen noch eine Sonnenbrille hinzu und sind gar nicht mehr zu erkennen. Die Demonstranten skandieren laut, singen, klatschen. 

Ramallah liegt rund 20 Autominuten von Jerusalem entfernt im Westjordanland. Die Stadt ist Sitz der Palästinensischen Autonomiebehörde, Israelis haben keinen Zutritt zu diesem Ort. Seit Trumps Ankündigung, Jerusalem als Israels Hauptstadt anzuerkennen, gibt es hier Ausschreitungen.

Mitten im Zentrum hat auch Muhammed einen Laden. Er verkauft Schmuck. Seit mehr als 20 Jahren arbeitet er hier, hat das Geschäft von seinem Vater übernommen. In seinem Laden ist nichts los, er raucht in Ruhe seine Zigarette. Von draußen dringt Musik herein.

Auch er macht sich dieser Tage Gedanken über die nächste Eskalation im Nahostkonflikt: "Ich bin sehr enttäuscht von unserem Präsidenten Mahmud Abbas - und natürlich auch von Trump. Aber seit mehr als 25 Jahren versucht man in unserem Konflikt irgendwelche Lösungen zu finden, aber es klappt nicht. Unser Präsident hat versagt", zeigt der Verkäufer sich enttäuscht vom Chef der palästinensischen Autonomiebehörde.

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Muhammed ist enttäuscht.

(Foto: Sonja Gurris)

Die Gewaltausbrüche im Westjordanland kann Muhammed nicht nachvollziehen: "Steinewerfer haben gegen Panzer doch keine Chance und können nur verlieren", sagt er. "Ich werde dafür nicht sterben." Wenn er überhaupt einen Stein werfen würde, dann nur, wenn Präsident Abbas es von ihm verlange. Er nimmt einen Schluck von seinem Kaffee, den er auf der Vitrine mit Goldketten, Ringen und Ohrschmuck abgestellt hat. Auch die Diskussion um die dritte Intifada kann er nicht verstehen. Die Gewalt werde wieder zunehmen, Steine geworfen und Raketen abgefeuert. "Aber für mich ist das keine Intifada wie früher." An der Demonstration draußen vor der Tür will Muhammed nicht teilnehmen.

"Lassen uns das nicht gefallen"

Doch nicht alle lehnen wie Muhammed die Gewalt ab. Nur ein paar Meter entfernt auf der anderen Straßenseite verkauft Ahmed Schuhe. Der 32-Jährige kommt gebürtig aus Nablus. Auch dort kommt es immer wieder zu Ausschreitungen und Zusammenstößen mit israelischen Sicherheitskräften. Ahmed unterstützt die radikalen Kräfte: "Ich finde es richtig, dass wir gewaltsam demonstrieren, denn die Israelis wollen unseren Platz der Al-Aqsa-Moschee rauben und das dürfen wir uns nicht gefallen lassen", sagt er entschlossen. Doch so entschlossen, dass er draußen demonstrieren würde, ist er nicht. Dennoch ist er überzeugt: "Das hier ist die dritte Intifada."

Draußen drängeln mittlerweile immer mehr Menschen, manche Frauen nehmen ihre kleinen Kinder auf den Arm und entfernen sich von der aufgeheizten Menge. Die Vermummten sind auf Betriebstemperatur. Sie ziehen nach den Demo weiter nach Beit El. Dort steht eine israelische Siedlung mit etwa 5600 Einwohnern. Die Palästinenser, die aus dem Zentrum Ramallahs dorthin gelaufen sind, randalieren. Die Polizei reagiert. Es sind Szenen, die sich seit Tagen wiederholen. Intifada oder nicht: Die Gewalt geht weiter.

Quelle: n-tv.de

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