Politik

Vorkämpfer der Rechtspopulisten Steve Bannon - eine Gefahr für Europa?

imago88242279h.jpg

(Foto: imago/Kyodo News)

RTL-Korrespondent Carsten Mierke hat eine Reportage über Steve Bannon gedreht. Das Ziel, eine europäische "Bewegung" aufzubauen, habe Bannon nicht erreicht, sagt Mierke. Dennoch hätten Europas Rechtspopulisten viel von ihm gelernt.

n-tv.de: Steve Bannon stellt sich gern als Mastermind dar. Welche Ziele verfolgt er?

Carsten Mierke: Bannon hat zwei Stoßrichtungen. Sein zentrales Thema ist die Verteufelung des Islam, den er für eine Bedrohung des westlichen Abendlandes hält. Zugleich kämpft er für einen sehr konservativen Katholizismus und für ein Zurückdrehen der liberalen Gesellschaft.

Welche Rolle spielte er bei Trumps Wahlsieg?

Bannon hat immer nach Wegen gesucht, seine Überzeugungen unters Volk zu bringen. Ein Mittel dafür war seine rechte Webseite Breitbart News, die er vor seiner Zeit als Trump-Berater leitete. Als Breitbart-Chef förderte er Politiker, von denen er glaubte, sie würden seine Agenda umsetzen. Dabei stieß er auf Donald Trump. Als Trump 88 Tage vor der Präsidentschaftswahl seinen Wahlkampfmanager verlor, heuerte er Bannon an. Neben der inhaltlichen Ausrichtung prägte Bannon die letzte Phase von Trumps Wahlkampf vor allem strategisch.

Was für eine Strategie war das?

Es ging dabei in erster Linie um den Einsatz sozialer Medien, vor allem von Facebook. In seiner Art der Kommunikation setzt Bannon stark auf Emotionen. Die stärkste Emotion, die Wähler mitreißt und für einen Kandidaten begeistert, ist Angst. Damit schaffte Bannon es, Trumps Wahlsieg zu organisieren.

Nachdem Trump ihn rausgeworfen hatte, wollte Bannon in Europa eine Anti-EU-Bewegung aufbauen, "The Movement". Existiert dieses "Movement" überhaupt?

Ja, das gibt es, ich habe mit dem Chef der Bewegung gesprochen, Mischael Modrikamen, ein belgischer Rechtspopulist. Aber "The Movement" ist nicht das geworden, was Bannon eigentlich wollte - das räumt er bei uns im Interview auch ein. Er habe eigentlich einen "war room" einrichten wollen, eine Schaltzentrale für die europäischen Rechtspopulisten. Daraus ist nichts geworden. Bannon sagt, das liege an der europäischen Gesetzgebung, die ausländische Einmischung in Wahlen verbiete. Das ist sicher richtig, aber die Rechtspopulisten in Europa sind zumindest nach außen auch auf Distanz zu Bannon gegangen.

Woran liegt das?

Wahrscheinlich ist ein Grund, dass es in diesen Parteien einen gewissen Antiamerikanismus gibt, sodass es den Anhängern schwer zu vermitteln wäre, wenn ein Amerikaner ihnen sagen würde, wo es langgeht. Auf jeden Fall haben die rechtspopulistischen Parteien Europas Bannons Wahlkampfstrategie übernommen.

Das heißt konkret?

Zuspitzung bis hin zur Lüge, vor allem in den sozialen Medien. Bannon war schon 2014 - ein Jahr vor Trumps Ankündigung, als Präsidentschaftskandidat anzutreten - an der Gründung der Firma Cambridge Analytica beteiligt. Auf legale und illegale Weise hat Cambridge Analytica es nach eigenen Angaben geschafft, von jedem US-Wähler 60.000 Dateneinheiten zu bekommen - ob jemand Golf spielt, welches Auto er fährt und vieles mehr. So konnte Trumps Wahlkampfteam, vor allem über Facebook, zielgruppengenau Wähler ansprechen. Dieselbe Strategie wurde beim Brexit-Referendum angewendet.

Cambridge Analytica gibt es nicht mehr.

Und in Europa ist es auch nicht möglich, so detaillierte Datensätze von Wählern zu bekommen. Aber weiterhin ist es möglich, auch in Europa, Anzeigen auf Facebook so zu schalten, dass nur Nutzer sie sehen, die beispielsweise den Brexit gut finden oder die Gelbwesten unterstützen. Mittlerweile muss Facebook öffentlich machen, wer welche Anzeige schaltet. Die Frage ist nur, ob das am Ende wirklich etwas ändert.

Wie muss man sich Bannons Rolle im Europawahlkampf vorstellen?

Beim Brexit war er einer der Strippenzieher, in Trumps Wahlkampf hat er maßgeblich zu dessen Erfolg beigetragen. Bei der Europawahl ist er eher jemand, an dem die rechtspopulistischen Parteien sich orientieren. AfD-Spitzenkandidat Jörg Meuthen sagt beispielsweise, er habe nichts dagegen, sich mit Bannon zu treffen. Er habe auch nichts gegen Bannons Thinktank, den könne man nutzen. Aber ihren Wahlkampf wolle die AfD selbst führen.

Bannon wollte ursprünglich dafür sorgen, dass das Europaparlament nach der Europawahl zu einem Drittel aus Rechtspopulisten besteht.

Das war eine sehr optimistische Einschätzung, aber völlig unrealistisch ist es nicht. Der Erfolg der Rechtspopulisten wird zu einem großen Teil von der Wahlbeteiligung abhängen. Wenn die es schaffen, ihre Anhänger zu motivieren und zu mobilisieren, dann kann auch eine Minderheit ein beachtliches Ergebnis erzielen.

Ist Bannon tatsächlich gläubiger Katholik oder ist die Religion für ihn nur ein Feigenblatt, um seinem Kulturkampf einen abendländischen Anstrich zu verpassen?

Generell ist Bannon Überzeugungstäter. Er kommt aus einer streng katholischen Arbeiterfamilie. Das wird auch sein nächstes Thema werden: die katholische Kirche. Er hat in Italien ein ehemaliges Kloster angemietet, das Kloster Trisulti, zwei Stunden von Rom entfernt. Dort will er die europäischen Rechtspopulisten schulen. Der Mann, der diese Kaderschmiede für ihn führt, ist zugleich Chef eines sehr konservativen katholischen Thinktanks, der von sich sagt, er wolle die katholische Kirche von der "Verseuchung" durch linkes Gedankengut befreien. Das wird nach der Europawahl Bannons nächstes Projekt sein. Den derzeitigen Papst hält er für eine jener Personen, die aus der Kirche entfernt werden müssten.

Nach seinem Bruch mit Bannon hat Trump ihn als "schlampigen Steve" bezeichnet. Wie haben Sie ihn erlebt?

Man sieht ihn tatsächlich selten im Anzug, er sieht immer so aus, als habe er nächtelang Barolo getrunken. Dem ist aber nicht so - angeblich trinkt er gar keinen Alkohol, nur Red Bull und Kaffee. Ein Schauspieler würde sich auch die Zähne reparieren lassen, aber bei Bannon gehört das zum Image. Er sagt über sich, er sei einer aus dem Volk, kämpfe gegen das Establishment und die "Abzocker" der großen Banken - was interessant ist, wenn man bedenkt, dass er an der Harvard Business School studiert hat, Investmentbanker war und Millionär ist.

Ihre Reportage trägt den Titel "Steve Bannon - eine Gefahr für Europa?" Ist er das, eine Gefahr?

Seine Art, Wahlkampf zu machen und Gesellschaften zu spalten, ist sicher eine Gefahr für Europa, letztlich für die ganze Welt. Man sieht an den USA, wohin dieses Wahlkampfprinzip führt: Dieses Land war noch nie so gespalten wie nach dem Wahlsieg von Donald Trump. Das ist es, was Europa droht - eine Spaltung zwischen Anhängern der europäischen Integration auf der einen und Nationalisten und Populisten auf der anderen Seite.

Mit Carsten Mierke sprach Hubertus Volmer

Quelle: n-tv.de

Mehr zum Thema