Politik
In einem Propaganda-Video der Al-Chansaa-Brigade zeigen sich die Dschihadistinnen mit Kalaschnikow und Burka.
In einem Propaganda-Video der Al-Chansaa-Brigade zeigen sich die Dschihadistinnen mit Kalaschnikow und Burka.(Foto: picture alliance / dpa)
Donnerstag, 19. November 2015

Frauen als Attentäter: Terror kennt kein Geschlecht

Im Pariser Vorort Saint-Denis sprengt sich eine Frau in die Luft. Ihr Ziel: möglichst viele Polizisten mit in den Tod reißen. Die Öffentlichkeit reagiert entsetzt, doch Terrorexperten glauben schon lange nicht mehr an die Mär von der friedliebenden weiblichen Seele.

Update: Der Französischen Staatsanwaltschaft zufolge wurde die Leiche von Hasna Aitboulahcen im Inneren der Wohnung gefunden und anhand von Fingerabdrücken identifziert. Ob die Person, die die Sprengweste zündete, eine Frau oder ein Mann war, konnten die Ermittler noch nicht endgültig sagen.

Mit der Tat von Hasna Aitboulahcen rückt ein Phänomen in den Fokus, das Terrorismusforscher seit längerem beobachten: Immer mehr Frauen zieht die Faszination des Terrors in ihren Bann. Die Gründe dafür sind ebenso vielschichtig wie schwer verständlich.

Im Juli gelangte ein Text an die Öffentlichkeit, der Aufschluss darüber gibt, welche Rolle den Frauen in den Reihen des IS zugedacht ist. Das Manifest der Khanssaa-Brigade, einer rein weiblichen Einheit der Terrororganisation IS, beschreibt den Alltag und die Rolle der Frauen im selbst ernannten Kalifat. Die deutsche Übersetzung erschien als kommentierte Ausgabe im Herder-Verlag unter dem Titel: "Frauen für den Dschihad: Das Manifest der IS-Kämpferinnen". Demnach sollen Mädchen nur das "Nötigste" lernen, ein wenig religiöser Unterricht und Handarbeiten reichen im Prinzip. Neun Jahre sind dem Papier zufolge "das angemessene rechtliche Alter, in dem das Mädchen zu einer Frau wird und heiraten kann." Ihr restliches Leben soll die Frau dann im Gehorsam gegenüber dem Ehemann verbringen und das Haus möglichst nicht mehr verlassen.

Die Paderborner Islamwissenschaftlerin Hamideh Mohagheghi, die den Text auch übersetzte, fasste ihre Einschätzung in der "Süddeutschen Zeitung" so zusammen: Die Frauen seien beim IS "Bettfutter und Kanonenfutter". In dieses Muster könnte auch Hasna Aitboulahcen passen. Die Cousine des mutmaßlichen Drahtziehers der Anschläge von Paris, Abdelhamid Abaaoud, sprengte sich, von der Polizei eingekesselt, in die Luft.

Einfache "Wahrheiten"

Gerade dieses rückwärtsgewandte Frauenbild von der dienenden, sich aufopfernden Frau scheint sich in Westeuropa als besonders anziehend zu erweisen. In Gesellschaften, in denen Frauen ökonomisch selbständig, beruflich erfolgreich, gute Mütter, Ehe- und Hausfrauen sein sollen, erscheint eine klar begrenzte Geschlechterrolle offenbar verlockend.

Getrieben von der romantischen Vorstellung vom Leben in einer islamischen Gemeinschaft brechen auch von Deutschland aus immer mehr junge Frauen nach Syrien auf. Oft haben sie innerfamiliäre Probleme und Liebesbeziehungen zu bereits radikalisierten Männern. Viele springen aber auch auf die IS-Propaganda an, wie sie unter anderem Denis Cuspert alias Deso Dogg verbreitete.

Über Facebook und Tumblr tauschen sich IS-Kämpfer und weibliche Groupies aus. In die ersten romantischen Schwärmereien mischt sich die IS-Propaganda. Eine heikle Mischung mitten in der pubertären Selbstfindung. Einfache "Wahrheiten" ersetzen die Auseinandersetzung mit der komplexen Wirklichkeit.

Jung und verblendet

Konvertitinnen, wie die 26-Jährige Karolina R., die im Juni wegen Unterstützung einer terroristischen Vereinigung zu drei Jahren und neun Monaten Gefängnis verurteilt wurden, sind allerdings zunehmend bereit, sich am bewaffneten Kampf zu beteiligen. Die deutsche Polizei und die Nachrichtendienste gehen inzwischen von etwa 100 Frauen aus, die in den Dschihad gezogen sind. Die Hälfte von ihnen ist noch unter 25 Jahren, einige sogar noch minderjährig.

Bisher hatte es immer geheißen, Frauen dürften beim IS nicht zu den Waffen greifen. Doch inzwischen gibt es Propaganda-Videos, die zeigen, wie sich auch Frauen auf den bewaffneten Kampf vorbereiten. Noch sind Selbstmordattentäterinnen seltener als Selbstmordattentäter. Doch in Afghanistan, Irak, Libanon, Nigeria, Sri Lanka, Indien und der Türkei haben Frauen bereits seit den 1980er Jahren Selbstmordattentate verübt. Selbstmordattentäterinnen aus Tschetschenien und dem Nordkaukasus kamen so häufig zum Einsatz, dass es für sie sogar einen eigenen Namen gibt: "Schwarze Witwen". Terrorexperten glauben schon lange nicht mehr an die Mär von der friedliebenden weiblichen Seele.

Quelle: n-tv.de