Politik

Götter, Mythen, Hofprotokoll Der Tenno ist ein Kaiser wie kein anderer

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Traditionelle Zeremonie: Kaiser Akihito (l.) wird von einem Shinto-Priester zum Schrein seines Vaters Hirohito begleitet, dem er seine Abdankung verkünden will.

(Foto: REUTERS)

Die japanischen Throninsignien gehören zu den bestgehüteten Geheimnissen der Welt. Dabei spielen sie bei der nun anstehenden Abdankung Akihitos eine große Rolle. Der scheidende Tenno hat den Charakter des Kaiserthrons verändert, der jedoch noch immer von etlichen Mythen umrankt wird.

Wenn der derzeitige japanische Kaiser Akihito zum Monatsende abdankt und sein Sohn Naruhito inthronisiert wird, werden drei Gegenstände eine entscheidende Rolle spielen: ein Schwert, ein Edelstein und ein Handspiegel. Die drei Artefakte, jeweils um die 2000 Jahre alt, sind tief in der japanischen Mythologie verwurzelt, laut Gesetz untrennbar mit dem Thron verbunden - und kaum ein Mensch hat sie je zu Gesicht bekommen.

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Akihito besucht im Zuge seiner Abdankungszeremonien die Schreine seiner Vorfahren, um ihnen den Thronwechsel zu verkünden. Immer mit dabei: zwei der drei Throninsignien.

(Foto: imago images / Kyodo News)

Lediglich die Kaiser selbst sowie Hohepriester der Shinto-Religion haben die Throninsignien gesehen. Über ihre Form und Farbe gibt es allenfalls vage Vermutungen. Auch bei den verschiedenen Zeremonien, die Abdankung und Inthronisierung begleiten, werden die Gegenstände nur gut verpackt präsentiert, geschützt vor den Augen der Öffentlichkeit. Die Throninsignien stehen für die Tugenden des Tenno: Tapferkeit, den Willen zum rechten Handeln und Weisheit. Sie machen den Kaiser aber auch erst zum Kaiser - ähnlich einer Krone, einem Reichsapfel oder einem Zepter in abendländischen Kulturen.

Die Abdankung des 85-jährigen Akihito ist die erste eines japanischen Kaisers seit 200 Jahren. Zwar spielt er politisch kaum eine Rolle, doch für das Land ist es eine besondere Situation, denn der Tenno (etwa: vom Himmel gesandter Herrscher) wird im Volk nach wie vor sehr verehrt. Die Regierung ordnete aus Anlass des Thronwechsels zehntägige Ferien an. Für japanische Verhältnisse ist das so viel, dass sich Arbeitgeber schon beschwerten, sie wüssten gar nicht, was sie mit der freien Zeit anfangen sollten.

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Akihito mit seiner Frau Michiko und der Familie, darunter Thronfolger Naruhito (5.v.r.).

(Foto: REUTERS)

Japan ist das letzte Land, das dem Titel nach einen Kaiser hat. Wie die Throninsignien wird auch deren Herrschaft gern mythisch verklärt. Der Thron gilt als älteste ununterbrochene Erbmonarchie der Welt und besteht nach eigener Darstellung seit mehr als 2500 Jahren, auch wenn die Anfänge durch Kaiser Jimmu - der Legende nach ein Nachfahre der Sonnengöttin, die ihm die Throninsignien übergab - und viele seiner Nachfolger nicht historisch belegt sind. Akihito ist dieser Berechnung zufolge der 125. Kaiser.

Entsagung der Göttlichkeit

Die Überlebensfähigkeit des Kaiserthrons führen Experten darauf zurück, dass die Kaiser über viele Jahrhunderte Marionetten von Regenten oder Militärherrschern waren. Sie dienten als Legitimation etwa für das Shogunat, die Herrschaft der Samurai. Dadurch waren die Tennos nie in Machtkämpfe verstrickt. Es bestand also gar keine Notwendigkeit, sie zu stürzen. Ganz im Gegenteil: Ihr abgeschiedenes Leben nährte vielmehr den Kaiser-Mythos, der im 19. Jahrhundert bewusst bis ins Göttliche ausgebaut wurde.

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1960: Der damalige Kronprinz Akihito (2.v.l.) mit seinem Vater Hirohito (2.v.r.) und dem künftigen Kaiser Naruhito als Baby.

(Foto: imago images / Kyodo News)

Diese zugeschriebene Göttlichkeit endete nach dem Zweiten Weltkrieg. Akihitos Vater, Kaiser Hirohito, der mitverantwortlich war für Japans brutalen Eroberungsfeldzug in Ostasien und das Eingreifen in den Zweiten Weltkrieg, verkündete 1945 nicht nur die Kapitulation des Landes, sondern entsagte auf amerikanischem Druck hin auch seinem Anspruch auf Göttlichkeit. Die Monarchie ganz abschaffen wollte die Besatzungsmacht aber auch wieder nicht, dafür war das Ansehen des Kaisers zu groß.

Allerdings wurde dem einstigen Herrscher nahezu jegliche politische Einflussnahme genommen. Nach der Verfassung von 1946 ist der Tenno "das Symbol des Staates und der Einheit des Volkes". Offiziell ist er damit nicht einmal das Staatsoberhaupt Japans - das Land hat schlicht und ergreifend keines. Dennoch erfüllt er, ähnlich den Bundespräsidenten, repräsentative Aufgaben, empfängt etwa Staatsgäste und Diplomaten, ernennt den Premierminister und verkündet Gesetze. Anders als sein Vater legt Akihito aber durchaus Wert auf politisch aufgeladene symbolische Gesten. Kurz nach seiner Thronbesteigung 1989 reiste er etwa nach China und Südkorea, um dort sein Bedauern für die japanischen Gräueltaten auszudrücken. Auch später gedachte er regelmäßig der Toten des Zweiten Weltkriegs, der eigenen und der, der einstigen Kriegsgegner.

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Zu den Aufgaben des Kaisers gehört auch der Empfang von Staatsgästen, hier mit Kanzlerin Angela Merkel im vergangenen Februar.

(Foto: picture alliance/dpa)

Doch auch die Monarchie selbst konnte Akihito ein stückweit modernisieren. Anders als europäische Herrscherhöfe gilt der Chrysanthementhron als ausgesprochen traditionell. Das Leben des Kaisers und seiner Familie wird durch das konservative Hofamt und das strenge Hofprotokoll bestimmt, das auch etliche religiöse Zeremonien vorsieht wie den Anbau von Reis auf geweihten Feldern im Palastareal. Schließlich ist der Tenno der höchste Priester des Shinto. Den Großteil seines Alltags verbringt er hinter den Palastmauern, im Normalfall zeigt er sich zweimal dem Volk: an seinem Geburtstag und zum japanischen Neujahr. In den Medien taucht er, anders als die britischen Royals, eher selten auf. Das Protokoll ist so streng, dass Akihitos Tochter Sayako die kaiserliche Familie verlassen musste, als sie 2005 einen Bürgerlichen heiratete.

"Frieden überall" und "schöne Harmonie"

Dabei ist Akihito selbst der erste Kaiser, dessen Frau nicht dem Erbadel des Landes entstammt. Michiko, die er 1959 heiratete, ist bürgerlich, stammt aus einer römisch-katholischen Familie. Der derzeitige Tenno bemühte sich aber auch, die komplizierte Palast-sprache zu vereinfachen, damit sie verständlicher wird. Überhaupt hat sich der Umgang mit der Bevölkerung gewandelt. Als Hirohito die japanische Kapitulation verkündete, war er der erste Tenno, dessen Stimme im Radio zu hören war. Später reiste er durch das Land und zeigte sich dem Volk - eine Ungeheuerlichkeit für einen Kaiser, dessen Mythos sich lange aus der Nicht-Sichtbarkeit speiste. An der tiefen Verehrung änderte das freilich nichts.

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Nach Tsunami und Reaktorkatastrophe besuchte das Kaiserpaar Menschen in Notunterkünften.

(Foto: REUTERS)

Doch wo Hirohito, der länger auf dem Thron saß als alle Kaiser vor ihm, seinen abgehobenen Gestus nicht ganz ablegen konnte, gab sich Akihito volksnäher. So bereiste er etwa sämtliche Landesteile, selbst das abgelegene Okinawa. Er war auch der erste Kaiser, der regelmäßig auf Staatsbesuche ins Ausland flog. Nach dem verheerenden Erdbeben von Kobe 1995 besuchte er in einfacher Freizeitkleidung Notunterkünfte. Das tat er auch nach dem Tsunami und der Reaktorkatastrophe von Fukushima 2011 - auf Bildern sah man ihn neben Betroffenen knien, denen er Trost spendete. Bei früheren Kaisern wäre das undenkbar gewesen: der Tenno auf Augenhöhe mit dem Volk. Als erster japanischer Monarch wandte er sich damals auch in einer Fernsehansprache an die Japaner.

Seine zweite Fernsehansprache folgte 2016. Er sprach über die Aufgaben und Pflichten eines Kaisers sowie über seinen Gesundheitszustand. Weil es ihm untersagt ist, sich in politische Angelegenheiten einzumischen, sprach er seine Abdankung nicht direkt an. Doch seine Rede wurde als Wunsch gedeutet, die Kaiserwürde an seinen Sohn abzugeben. Die Regierung verabschiedete schließlich ein entsprechendes Gesetz.

Am 30. April wird Akihito vom Tenno zum Joko, dem ehemaligen Kaiser. Und er wird Heisei-Kaiser genannt werden. Dieser Beiname, übersetzt etwa "Frieden überall", steht nicht nur für das Motto seiner Amtszeit, sondern hat auch eine kalendarische Funktion. Zwar wird in Japan auch der Gregorianische Kalender verwendet, doch vielfach spielt noch die japanische Jahresbezeichnung eine Rolle, die nach dem amtierenden Tenno und dem Jahr seiner Regentschaft benannt wird. 1989, das Jahr von Akihitos Thronbesteigung ist im japanischen Kalender Heisei 1, 2019 entspricht Heisei 31. Auch der Name der neuen Epoche steht bereits fest, er wurde am 1. April verkündet: Naruhitos Amtszeit steht unter der Regierungsdevise Reiwa, "schöne Harmonie".

Und Akihito? Der wird den Palast verlassen und auf einen anderen Besitz der Familie umziehen. Er dürfte sich dort vornehmlich um sein Hobby kümmern, die Wissenschaft der Fische. Zudem gilt er als begeisterter Cellist.

Quelle: n-tv.de

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