Politik

Mord an Holocaust-Überlebender Tödlicher Judenhass holte sie doch noch ein

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Trauernde haben ein Foto von Mireille Knoll an ihre noch versiegelte Wohnungstür geheftet. Das Foto entstand im März 2018.

(Foto: REUTERS)

Nur knapp entging Mireille Knoll der Ermordung durch die Nazis. Ihr Mann überlebte Auschwitz. Doch vor zwei Jahren holte sie der tödliche Judenhass ein: Ein Islamist erstach die 85-Jährige in Paris. Ihre Enkelin erzählt ihre Geschichte.

Zweimal ging es für Mireille Knoll um Leben und Tod - weil sie Jüdin war. 1942 entging sie nur knapp der Deportation durch die Nazis. Die Massenverhaftungen in Paris, wo sie damals lebte, und die anschließenden Transporte in Konzentrationslager waren kein spontanes Verbrechen. Es kündigte sich an. Knolls Eltern konnten aber rechtzeitig nach Portugal fliehen. Nach Kriegsende kehrte sie in ihre Heimatstadt zurück. Mehr als 70 Jahre später geriet Knoll wieder in Lebensgefahr. Und wieder kündigte es sich an. Mehrfach ging sie zur Polizei und sagte, dass jemand aus ihrer Straße damit drohe, sie "zu verbrennen". Dieses Mal konnte sie dem Judenhass jedoch nicht entkommen. Am 23. März 2018 wurde die 85-Jährige in ihrer Wohnung gefunden. Ein mutmaßlich radikaler Islamist ermordet sie mit zehn Messerstichen - dann zündete der Täter den Leichnam an.

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Keren Knoll hat zehn Jahre in der israelischen Armee gedient. Inzwischen arbeitet sie für einen IT-Konzern

Es ist still in dem Konferenzraum, in dem Keren Knoll die Geschichte ihrer Großmutter erzählt. Sie schaut in Gesichter, die wie versteinert wirken. Politiker, religiöse Vertreter und Zeitzeugen sind nach Krakau gekommen, um über das Wiedererstarken des Antisemitismus in Europa zu beraten. Anschließend will die Delegation im 50 Kilometer entfernten Auschwitz der Befreiung des Vernichtungslagers gedenken. Engagiert und entschlossen wird an diesem Tag viel über Maßnahmen und Gesetze diskutiert. Doch angesichts der Geschichte von Mireille Knoll versinkt die Delegation in Sprachlosigkeit.

Dass eine Frau, die das größte Menschheitsverbrechen aller Zeiten nur knapp überlebt hat, nicht die Gnade erfahren konnte, bis zu ihrem letzten Atemzug ein friedliches Leben führen zu dürfen, dass sie als wehrlose 85-Jährige in zum Opfer von tödlichem Antisemitismus wurde, ist der unfassbare Beweis dafür, dass es ein Problem gibt in Europa. "Wir denken, dass wir heute in einer besseren Welt leben", sagt Keren Knoll. Doch der Hass "von Menschen, die glauben, dass ihr Blut oder ihre Religion besser ist als die von anderen" sei allgegenwärtig. Sie schließt ihre Rede mit den Worten: "Ich bin hier, um euch zu sagen, dass es nicht vorbei ist."

"Weil die Juden Geld haben"

Weltweit nimmt die antisemitische Gewalt zu. Die Universität Tel Aviv zählte 2018 weltweit 13 Morde an Juden mit antisemitischem Hintergrund. Es ist nach Auskunft der Uni die höchste Zahl im Vergleich zu den Vorjahren. Insgesamt gab es demnach 2018 weltweit 387 Gewalttaten, eine Steigerung von 13 Prozent im Vergleich zum Vorjahr. Mit mehr als 100 seien die meisten Vorfälle in den USA verzeichnet worden. Darauf folgen Großbritannien mit 68 Taten, sowie Deutschland und Frankreich mit jeweils 35.

Wenn man Keren Knoll fragt, was ihre Großmutter für ein Mensch war, lächelt sie. "Sie hat das Leben genossen. Sie war sehr positiv", sagt sie ntv.de nach dem Vortrag. Als der Krieg vorbei war, lernte sie ihren späteren Ehemann kennen. Er wurde im Alter von 14 Jahren ins KZ Auschwitz-Birkenau deportiert, überlebte vier lange Jahre. "Die Nazis mochten ihn", sagt seine Enkelin. "Er war groß, blond, lustig und er konnte arbeiten." Deswegen hätten ihm die Wärter mit Kleinigkeiten geholfen und er überlebte. In den frühen 2000er-Jahren starb Mireilles Ehemann. Danach lebte sie allein in ihrer Wohnung im elften Arrondissement in Paris. Manchmal half ihr ein Junge aus der Nachbarschaft dabei, die Einkäufe zu tragen. Auch Keren Knoll kennt ihn. "Als wir früher zu Besuch waren, haben wir oft zusammen gespielt".

Doch im Laufe der Jahre hat sich der hilfsbereite Junge von damals verändert. "Später war er mal eine Zeit lang im Gefängnis, und wir alle glauben, dass dort etwas mit ihm passiert ist", sagt Keren Knoll. Aktuell sitzt Yacine M. wieder im Gefängnis, in Untersuchungshaft als Hauptverdächtiger in dem Mordfall. Sein Komplize, der bei der Tat anwesend war, sagte bei der Polizei aus, M. sei auf die Idee zu dem Überfall gekommen, "weil die Juden Geld haben". Laut seiner Aussage brüllte M. auch "Allahu Akbar" als er elf Mal auf die an Parkinson erkrankte 85-Jährige einstach, die auf einen Rollstuhl angewiesen war.

Spricht man Keren Knoll auf Yacine M. an, mit dem sie als Kind gespielt hat und der später zum mutmaßlichen Mörder ihrer Großmutter wurde, findet sie nur schwerlich Worte. "Ich weiß nicht, ob es Hass war, was ich gefühlt habe. Ich habe es nicht verstanden. Ich verstehe es bis heute nicht. Woher kommt der Hass, eine wehrlose, 85-jährige Frau zu ermorden? Sie war schwer krank, konnte sich kaum bewegen." Es klinge komisch, sagt sie, aber auf eine eigenartige Weise sei sie auch froh, dass diesem tödlichen Exzess des Hasses keine Kinder zum Opfer gefallen seien, "so wie in Toulouse". In der südfranzösischen Stadt hatte Jahre zuvor ein radikaler Islamist vor einer jüdischen Schule vier Menschen ermordet, drei davon waren Kinder. "Meine Großmutter war 85 und hatte ein tolles Leben hinter sich." Manchmal tröste sie sich damit.

"Es wäre unfair, zu sagen: Migration ist an allem Schuld"

Keren Knoll hat zehn Jahre in der israelischen Armee gedient. Inzwischen arbeitet sie bei einem großen IT-Konzern. Und sie reist um die Welt, um die Geschichte ihrer Großmutter zu erzählen. In ihr Heimatland Frankreich würde sie aber nicht dauerhaft zurückziehen. "Es hat sich sehr stark verändert in den vergangenen Jahren", sagt sie. Viele Juden hätten Angst, vor allem in Paris. "Ich spüre, dass ich dort nicht mehr hingehöre, dass mir etwas passieren könnte."

Es sind brutale Anschläge, etwa wie in Halle, die Jüdinnen und Juden in Europa Angst machen. Das Gefühl, hier nicht hinzugehören, mag aber auch von einer schleichenden Rückkehr von Stereotypen, von strukturellem Antisemitismus, verstärkt werden. Anfang Oktober 2019 - noch vor dem Anschlag in Halle - veröffentlichte der Jüdische Weltkongresses eine repräsentative Studie, die Antisemitismus in Deutschland untersuchte. Demnach hegen 27 Prozent aller Deutschen antisemitische Gedanken. 41 Prozent meinen, Juden redeten zu viel über den Holocaust. Bildung ist dabei kein ausschließender Faktor: In der Gruppe von Hochschulabsolventen mit einem Jahreseinkommen von mindestens 100.000 Euro behaupteten 28 Prozent, Juden hätten zu viel Macht in der Wirtschaft, jeder Vierte attestierte ihnen "zu viel Macht in der Weltpolitik". Jeder neunte Befragte gab an, die Juden hätten kein Recht auf einen eigenen Staat Israel.

Migration aus muslimischen Ländern nach Europa ist nach Ansicht von Keren Knoll eine Ursache für die sich ändernde Stimmung. "Ich bin selbst Einwanderer. Wir sind auch aus Frankreich nach Israel gekommen, weil wir uns dort eine bessere Zukunft erhofften. Also wäre es unfair, zu sagen: Migration ist an allem Schuld", sagt sie. "Aber man muss doch Regeln akzeptieren, die Sprache sprechen." In Europa passiere das nicht mehr. Die Ausmaße der Zuwanderung seien ihr zu groß. "Es ist chaotisch geworden dort."

Quelle: ntv.de