Studie zeigt neue, alte HärteTrumps Migrations-Rhetorik ist ein Jahrhundert-Rückfall
Lukas Wessling
US-Präsident Trump erinnert an düstere Zeiten. Zumindest, wenn er über Einwanderer spricht. Eine Studie zeigt: Schon in seiner ersten Amtszeit klang Trump so, wie fast ein Jahrhundert lang kein Präsident mehr geklungen hatte.
Er werde die Einwanderung "aus allen Ländern der Dritten Welt" dauerhaft aussetzen. Das verkündete US-Präsident Donald Trump am Donnerstag auf Truth Social. Er wolle alle Ausländer abschieben, die "nicht mit der westlichen Zivilisation kompatibel sind" und die Zahl "illegaler und störender" Menschen senken. Zum Ende seines Beitrags wünschte Trump ein fröhliches Thanksgiving - "nur nicht denen, die hassen, stehlen, morden und alles zerstören, wofür Amerika steht". Er drohte: "Ihr werdet nicht mehr lange hier sein!"
Damit setzt Trump fort, was er schon in seiner ersten Amtszeit begann. Da sprach er über Eingewanderte, wie das US-Präsidenten knapp ein Jahrhundert lang nicht mehr getan hatten, wie eine Datenanalyse von Forschenden aus Stanford, Princeton und Cambridge von 2022 zeigt. Demnach war Trump der erste Präsident seit Franklin D. Roosevelt, der Einwanderung öfter als Problem darstellte, denn als Chance. Trumps Amtsantritt 2017 war also ein tiefer Einschnitt.
Jahrzehntelang hatten US-Präsidenten überwiegend positiv von Eingewanderten gesprochen, nicht so Trump: Er feierte den Bau von Grenzanlagen, sprach von einer "Invasion", vom Chaos und der Kriminalität, die über die Grenze kämen. Roosevelt sagte 1936, die US-amerikanische Zivilisation gründe sich auf einen "ständigen Zustrom menschlicher Ressourcen, den die Alte Welt an unsere Strände spülte". Der Republikaner Ronald Reagan betonte 1984 "die Würde und den Stolz" lateinamerikanischer Zugewanderter. Trumps Vorgänger Barack Obama nannte die USA immer wieder ein "Land der Einwanderer". Ein Land, das von Einwanderern bereichert und gestärkt werde. Das gut daran tue, sie willkommen zu heißen. Trump brach mit dieser Linie.
Trump läutete 2017 rhetorisch eine "militärische Operation" gegen Menschen ohne Aufenthaltserlaubnis ein, denen er Kriminalität und Gewalt zuschrieb. Damit griff er auf Vokabular zurück, wie es zuletzt in den 1930er-Jahren Herbert Hoover gebraucht hatte. Der warnte damals vor migrantischer "Überflutung" und forderte härtere Abschiebegesetze.
Dass Trumps Ton in dessen erster Amtszeit mit dem Hoovers auf einer Linie lag - das haben die Forschenden mithilfe einer umfangreichen Datensammlung sichtbar gemacht. Sie ließen dafür ein Team aus Fachleuten politische Aussagen einschätzen, in denen es um Einwanderung ging: War eine Äußerung relevant? Wenn ja, war sie eher positiv, neutral oder eher negativ? Mit den Tausenden so gewonnenen Einschätzungen trainierten die Forschenden ein Sprachmodell, das in der Folge half, Wortbeiträge aus den Jahren 1880 bis 2021 zu untersuchen: Rund 200.000 Reden im Kongress und 5000 präsidentielle Aussagen wurden so als relevant erkannt und auf ihren Tonfall hin kategorisiert.
In seiner zweiten Amtszeit geht Trump darüber weit hinaus. Schon im Wahlkampf 2024 sagte er, Migranten seien keine Menschen, sondern Tiere - als "bösartige Schlangen" bezeichnete Trump sie. Seine Regierung übersetzt diese Worte in Taten: Sie verspricht Massenabschiebungen und investiert dafür 45 Milliarden Dollar in den Bau neuer Haftanstalten für Eingewanderte. Die Razzien der Einwanderungsbehörde ICE sorgen für Angst und Schrecken, lösen Proteste und Widerspruch der Demokraten aus. https://www.themarshallproject.org/2024/10/21/fact-check-12000-trump-statements-immigrants#snake
Dabei waren die USA schon immer ein Land der Einwanderer - nur woher die Menschen einreisten, änderte sich über die Zeit. Bis 1890 kamen 14,3 Millionen, vorwiegend aus Mittel und Westeuropa:
ein Drittel aus Deutschland
je ein Fünftel aus Irland und Großbritannien
Bis 1919 folgte die zweite Welle: 18,2 Millionen Menschen, vor allem aus Süd- und Osteuropa:
je rund ein Fünftel aus Italien und Österreich-Ungarn
ein Sechstel aus Russland und Polen
Um 1890 und 1910 war deshalb jeder siebte US-Einwohner im Ausland geboren. Danach wuchs die Bevölkerung, der Anteil der Zuwanderer sank wieder: 1970 war es nur noch jeder Zwanzigste außerhalb der USA geboren. Erst ein neues Einwanderungsgesetz stoppte diese Entwicklung.
Die Neuregelung von 1968 stellte das System auf den Kopf. Es beurteilte potenzielle Einwanderer nicht mehr nach deren Herkunftsland, sondern nach ihren familiären Beziehungen in die USA und ihrem Nutzen für den US-Arbeitsmarkt. Obwohl die Gesetzgeber keine radikalen Veränderungen erwarteten, führte die Reform zu einer dramatischen Verschiebung: Immer mehr Menschen aus Asien, der Karibik und Lateinamerika immigrierten.
Die dritte Einwanderungswelle hatte begonnen. 72 Millionen Menschen kamen in den vergangenen 60 Jahren in die USA:
je ein Viertel aus Mexiko, aus dem Rest Lateinamerikas und aus Asien
nur noch ein Achtel aus Europa
Die Studie der Forschenden aus Stanford, Princeton und Cambridge zeigt: Im vergangenen Jahrhundert änderte sich nicht nur, woher Menschen in die USA einwanderten. Auch wie im Kongress über sie geredet wurde, hat sich seitdem gewandelt. Zwischen dem Zweiten Weltkrieg und der Neuregelung der Einwanderung von 1968 wurde die Rhetorik wohlwollender. Beide Parteien betonten die positiven Seiten von Migration.
Seit den späten 1970ern drifteten Demokraten und Republikaner immer weiter auseinander. Sprachen Demokraten wie Republikaner um das Jahr 1900 herum ähnlich oft über Verbrechen, die Eingewanderte begingen, teilen sich beide Partien heute die Themenpalette klar auf: Die Republikaner nutzen in Migrationsdebatten viel öfter Begriffe wie Bedrohung, Legalität oder Kriminalität. Die Demokraten sprechen lieber über wirtschaftlichen Nutzen, die Familien der Eingewanderten oder deren Benachteiligung.
Die Republikaner klingen der Studie zufolge aktuell so abweisend wie das US-Parlament vor einem Jahrhundert, als strenge Einwanderungsquoten galten. In den 1920er Jahren mussten vor allem Menschen aus China als Feindbilder herhalten. Heute sind es Menschen aus Mexiko. Eine "verblüffende Ähnlichkeit" erkennen die Forschenden darin, wie über beide Gruppen gesprochen wird und wurde. Ging es im US-Kongress früher um Menschen aus China und heute um Menschen aus Mexiko, werden und wurden die Zuwanderer zu "bedrohlichen Außenseitern" zu Tieren oder zu "billigen Arbeitskräften".
Bei aller Beständigkeit: Frühe Befürworter (1880-1934) priesen Zuwanderer primär wegen ihres "Fleißes" und ihres "Nutzens für das Land". In der Übergangsphase nach dem Holocaust rückten verstärkt "humanitäre Belange" in den Vordergrund. Heute feiern Befürworter mit "Stolz" das Erbe und die Beiträge von einst verunglimpften Gemeinschaften wie den Iren oder Italienern.
Frühe Einwanderungsgegner (1880-1934) konzentrierten sich auf die "Bedrohung" und "Gefahr", die "unerwünschte" Eindringlinge darstellten. Sie sprachen von deren "Verstößen" und der Notwendigkeit des "Ausschlusses". Seit der zunehmenden Polarisierung ab den späten 1970er Jahren hat sich der Fokus verschoben: "Legalität" und "Kriminalität" dominieren. Eingewanderte werden verstärkt als "Illegale", "Kriminelle" oder "Terroristen" bezeichnet.
In den vergangenen Jahren hatte Trump daran großen Anteil. Am Tag seines zweiten Amtsantritts im Januar unterzeichnete er eine Flut an Verordnungen. Eine davon trug den Titel "Schutz des amerikanischen Volkes vor Invasion". Im ersten Satz wirft er der Vorgängerregierung vor, eine "beispiellose Flut illegaler Einwanderer in die Vereinigten Staaten eingeladen" zu haben. Damit sei nun Schluss.