Politik

Deutschland gibt Widerstand auf USA schieben Nazi-Kollaborateur ab

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Bereits im November 2017 demonstrierten jüdisch-orthodoxe Schüler vor dem New Yorker Haus von Jakiw Palij.

(Foto: AP)

Jahrelang versuchen die USA, einen Hilfsarbeiter des nationalsozialistischen Massenmords loszuwerden. Doch Deutschland weigert sich, den Mann zu übernehmen. Der neue US-Botschafter in Berlin bewirkt offenbar eine Meinungsänderung.

Die USA haben einen 95-Jährigen nach Deutschland überstellt, der im Zweiten Weltkrieg als Wachmann in einem deutschen Vernichtungslager im besetzten Polen gearbeitet hat. Beamte der Einwanderungs- und Grenzschutzbehörde ICE holten Jakiw Palij am Montag in seinem Reihenhaus im New Yorker Stadtteil Queens ab und brachten ihn zu einem Flughafen in New Jersey. Am Dienstagmorgen traf er auf dem Flughafen Düsseldorf ein.

Amerikanischen Medien zufolge gehen die US-Behörden davon aus, dass Palij der letzte Nazi-Kollaborateur ist, der in den Vereinigten Staaten gelebt hatte. US-Präsident Donald Trump habe die Ausweisung selbst angeordnet, wie der Sender ABC schreibt. Das Weiße Haus teilte mit, man habe einen Abschiebebeschluss aus dem Jahr 2004 umgesetzt.

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Dieses Foto von 1957 zeigt Jakiw Palij.

(Foto: AP)

Palij war 1949 in die USA gekommen, wo er sich als einfacher Bauer ausgab. 1957 wurde er US-Bürger. Bereits vor 15 Jahren entzog ihm ein Bundesgericht in New York die amerikanische Staatsbürgerschaft, weil er bei seiner Einwanderung falsche Angaben gemacht hatte. Ein Jahr später, 2004, entschied ein Richter, Palij müsse nach Deutschland, Polen oder in die Ukraine ausgeliefert werden - oder in ein anderes Land, das ihn aufnehmen würde.

Doch keines der drei Länder erklärte sich bereit, Palij aufzunehmen. Nach Informationen der "Washington Post" sagten Vertreter der Bundesregierung, Deutschland werde nur Ex-Nazis aufnehmen, die deutsche Staatsbürger gewesen oder jetzt in Deutschland angeklagt seien. Palij kam 1923 in Pjadyky zur Welt, einem Dorf in Galizien, das damals zu Polen und heute zur Ukraine gehört.

US-Ermittler warfen Deutschland "Verlogenheit" vor

Die Auffassung, Deutschland müsse Palij zurücknehmen, wird in den USA von Republikanern und Demokraten gleichermaßen geteilt. "Das Außenministerium und die gesamte Trump-Regierung müssen diesen Fall mit der Aufmerksamkeit behandeln, die ihm gebührt. Sie müssen alle ihnen zur Verfügung stehenden Maßnahmen nutzen, um das Urteil umzusetzen und diesen ehemaligen Nazi-Wachmann aus unserem Land zu schaffen", sagte der Chef der Demokraten im US-Senat, Charles E. Schumer, im vergangenen Jahr.

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Mit der Unterschrift unter diesem Dokument konnte Palij 1957 US-Staatsbürger werden.

(Foto: AP)

Der "Washington Post" zufolge haben die USA jahrelang mit Vertretern der deutschen Bundesregierung über den Fall verhandelt. Auf amerikanischer Seite führte das offenbar zu einiger Frustration. "Deutschland hat die Verpflichtung, Leute zurückzunehmen, die im Namen der deutschen Regierung Dienst geleistet haben", sagte Staatsanwalt Neal Sher. Er warf der Bundesregierung "Verlogenheit" vor. "Immer wieder kamen sie mit lächerlichen Argumenten, warum sie Leute nicht zurücknehmen könnten, die im Namen des deutschen Volkes Verbrechen begangen hatten." Noch Ende 2017 erklärte die deutsche Regierung in einer Mail an die "Post", Deutschland könne Palij nicht aufnehmen, weil er kein Deutscher sei und es keine rechtliche Grundlage für seinen Aufenthalt in der Bundesrepublik gebe.

In einem Interview mit der "New York Times" bestritt Palij vor 15 Jahren, ein Kollaborateur gewesen zu sein. Er sei zusammen mit vielen anderen jungen Männern aus Pjadyky von den Nazis gezwungen worden, als Wachmann zu arbeiten. "Sie kamen und holten mich, als ich 18 war", sagte er. "Wir wussten, dass sie mich und meine Familie töten würden, wenn ich mich geweigert hätte. Ich tat es, um ihre Leben zu retten, und ich habe nicht mal eine Nazi-Uniform getragen. Sie zwangen uns, graue Wach-Uniformen zu tragen, und ließen uns Brücken und Flüsse bewachen." Palij sagte damals, er habe nie auch nur einen Fuß in ein KZ gesetzt, geschweige denn an Ermordungen oder anderen Kriegsverbrechen teilgenommen.

"Wichtiger Teil der Vernichtungsmaschinerie"

Nach Ansicht der US-Behörden hat Palij zwar nicht selbst gemordet, aber nach einer Ausbildung im Zwangsarbeitslager Trawniki als Wachmann im Vernichtungslager Treblinka dafür gesorgt, dass die Morde stattfinden konnten. In Treblinka im heutigen Ost-Polen wurden vermutlich mehr als eine Million Menschen ermordet, darunter Hunderttausende Juden.

Die "Trawniki", wie die Wachmänner genannt wurden, gelten als "Handlanger der SS". Einige von ihnen flohen nach dem Krieg in die USA - bekannt wurde etwa der Fall von John beziehungsweise Iwan Demjanjuk, der 2009 nach Deutschland ausgeliefert und 2011 wegen Beihilfe zu tausendfachem Mord zu fünf Jahren Haft verurteilt wurde, die er nach zwei Jahren in Untersuchungshaft allerdings nicht verbüßen musste. Unter den Trawniki seien auch Freiwillige gewesen, sagte die Historikerin Angelika Benz vor ein paar Jahren im Interview mit n-tv.de.

"Es gibt starke Anzeichen dafür, dass die Trawniki mehr als nur unter Zwang eingesetzte Menschen waren", sagte Benz damals. "Man hätte sonst beispielweise kaum Trawniki bei der Partisanenbekämpfung eingesetzt, weil die Gefahr des Überlaufens ja viel zu groß gewesen wäre. Aber sie wurden zu allen Zeiten unter Bewachung eingesetzt. Andererseits wurden Trawniki auch mit allen militärischen Ehren beigesetzt. Das ist schon etwas, was dafür spricht, dass sie zum Teil sehr weit integriert waren."

Den US-Ermittlungsbehörden zufolge war Palij "ein wichtiger Teil in der Vernichtungsmaschinerie" der Nationalsozialisten. "Er war sehr loyal und tüchtig und leistete seinen Dienst bis zum April 1945, bis zu den letzten Wochen des Krieges, während andere Soldaten längst desertierten", sagte Eli Rosenbaum, Leiter einer mit dem Fall Palij beauftragten Ermittlergruppe des Justizministeriums, vor 15 Jahren der "New York Times".

Dem Sender ABC zufolge hatte Trump den US-Botschafter in Berlin, Richard Grenell, angewiesen, dem Thema "höchste Priorität" zu geben. Im Mai twitterte die Botschaft, Grenell habe mit hochrangigen Vertretern der Bundesregierung über Palij gesprochen. In der Mitteilung des Weißen Hauses zu Palijs Ausweisung heißt es, Trump habe die Anstrengungen der Einwanderungs- und Grenzschutzbehörde ICE gelobt. "Obwohl ein Gericht im Jahr 2004 die Ausweisung angeordnet hatte, haben frühere Administrationen es nicht geschafft, Palij außer Landes zu bringen." Trump und seinem Team dagegen sei dies durch intensive Verhandlungen gelungen. Auch die Demokraten zeigten sich zufrieden. Senator Schumer sagte ABC, er sei froh, dass Palij endlich zurückgeschickt worden sei. "Er ist ein Kriegsverbrecher und verdient es nicht, in den USA zu leben."

Quelle: ntv.de, hvo