Politik
(Foto: picture alliance / dpa)
Dienstag, 26. Dezember 2017

Gegen Judenhass in Deutschland: Über Menschen, die meine Geister vertreiben

Von Samira Lazarovic

Nach einer Reihe Vorfälle wird der Ruf nach einem Antisemitismusbeauftragten laut. Dabei kenne alleine ich Dutzende Menschen, die sich klar und deutlich gegen Judenhass aussprechen. Sie vertreiben böse Geister.

"Geh doch weg von hier. Du hast keine Heimat. Euch lieben wir nicht. Niemand schützt Euch. Könnt alle wieder zurück in eure blöden Gaskammern." Ein Facebook-Video, in dem ein jüdischer Restaurantbesitzer in Berlin beschimpft wird.

Wenn ich gefragt werde, ob ich schon mal Antisemitismus erlebt habe, muss ich kleinere und größere Vorkommnisse in meinem Kopf erst hervorholen und auf Antisemitismus prüfen. Dafür gibt es einen ganz einfachen Grund: Ich bin privilegiert. Ich werde in meinem Umfeld akzeptiert und unterstützt.

Ich habe Freunde, die dem Burschen einer schlagenden Verbindung, der sich einst mir gegenüber zu oft und zu lange über das Thema "Nasen" ausgelassen hatte, verbal eines auf sein eigenes Exemplar gaben.

Die mich auf unzähligen Partys aus Ecken zogen, in die ich gedrängt wurde, um dort der neuen Generation Deutschen die Holocaust-Absolution zu erteilen und im Gegenzug die Schuld für den Nahost-Konflikt auf mich zu nehmen.

Die mich zu den KZ-Gedenkstätten begleiteten und vor Fürsorge vergaßen, dass auch sie ein Recht auf Trauer an diesen Orten haben. Die stundenlang auf einem polnischen Ghettofriedhof mit mir Gräber suchten, bis ich akzeptierte, dass ich diese Lücken in der Familienbiografie nicht schließen kann.  

Demonstrationen in Berlin. Selbstgebastelte Flaggen mit Davidstern werden verbrannt, Dolmetscher lauschen angestrengt, ob nur "Kindermörder Israel" auf arabisch skandiert wird, oder auch "Tod den Juden".

Ich habe Kollegen, mit denen ich über die israelische Regierung diskutieren kann, ohne etwas verteidigen zu müssen, was ich auch nicht verstehe. Die wissen, dass Tel Aviv und nicht Jerusalem meine Herzensstadt ist.

Die elterngleich meine Kette in meinen Kragen stopfen, wenn ich doch mal auf die Idee komme, den Davidstern, den ich in seiner Form so gelungen finde, zu tragen. Die auch schon mal die eine oder andere Leserzuschrift vor mir versteckt haben.

"Ich würde mir von einem Antisemitismusbeauftragten erwarten, dass er das bündelt, dass es besser koordiniert wird, dass wir einfach auch mehr Erfolge in der Bekämpfung des Antisemitismus in Deutschland haben." (Bundesjustizminister Heiko Maas)

Freunde und Kollegen, alle gemeinsam standen mir bei, als ein Israel-kritisches BDS-Mitglied dachte, palästinensischen Flüchtlingskindern in Jordanien zu helfen, indem er im Streit meinen damals 86-jährigen Vater, einen Holocaust-Überlebenden, zu Boden stieß und so für Monate ins Krankenhaus brachte.

Sie alle ermahnen mich im selben Ton, wie sie wohl ihre Kinder vor dunklen Parkhäusern warnen, den Rundumblick aufzusetzen, wenn ich zu öffentlichen jüdischen Veranstaltungen gehe. Oder kommen zur Sicherheit gleich mit.

Wenn Berichte über diesen speziellen Hass mir die Welt verdüstern, muss ich nur an meine persönlichen Beauftragten denken. Dann bin ich voller Hoffnung, dass dieser Hass nicht noch einmal gewinnen kann.

Antisemitismus ist alt. Dunkel. Zäh. Beängstigend. Aber ich kann von außen auf diesen Abgrund blicken.

Danke.

 

Quelle: n-tv.de