Politik

Junge Ukrainer im Kriegsgebiet "Ich sah Menschen, denen Körperteile fehlten"

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Die Zerstörung in Charkiw ist massiv.

(Foto: picture alliance/dpa/Ukrinform)

Von einem Tag auf den anderen ändert der Krieg das Leben der ukrainischen Bevölkerung. Die russische Armee greift Großstädte an und macht auch vor zivilen Zielen nicht Halt. Zwei junge Menschen aus Charkiw und Kiew berichten.

Vor dem Krieg war Glib Englischlehrer und Graffiti-Künstler. Vor dem Krieg - das ist in der Ukraine erst rund eine Woche her. Doch mit der russischen Invasion hat sich im Leben der Ukrainerinnen und Ukrainer schlagartig alles geändert.

Glib wohnt in Charkiw. Die Millionenstadt im Osten des Landes liegt nur etwa 50 Kilometer von der russischen Grenze entfernt und ist seit Ausbruch des Krieges Ziel von Angriffen. Gemeinsam mit seinem Bruder und seiner Freundin lebt der 26-Jährige in einer Wohnung in der Innenstadt, in der es seit Tagen zu schweren Angriffen kommt.

Telefonieren kann Glib über Telegram. Noch. Im Gespräch berichtet er, wie immer wieder kleinere russische Truppen mit gepanzerten Wagen in die Innenstadt kämen. Er vermutet, dass es ihnen in erster Linie darum geht, Unruhe zu stiften. Dazu kommt die stetige Gefahr durch Luftangriffe. "Russland versucht in Charkiw, eine Atmosphäre der Angst zu erschaffen", sagt Glib. Jetzt noch aus der Stadt zu gelangen, sei schwierig: "Die Menschen haben Angst davor, auf ihrem Weg angegriffen zu werden, das kann immer passieren."

Glib selbst bleibt die meiste Zeit im Bunker, wie er sagt. Bei dem Bunker handelt es sich um den Keller seines Wohnhauses, in dem früher eine Kunstschule für Kinder untergebracht gewesen sei. Dort gebe es eine Küche, Sanitäranlagen und Schlafplätze, kurzum, "eine gute Infrastruktur". Wenn es zu Angriffen kommt, fänden er und seine Nachbarn dort Schutz.

Stetige Unsicherheit

Als der Krieg losging, ist Nataliia aus Kiew zu ihren Eltern aufs Land geflüchtet. Ein ruhiges, idyllisches Dorf im Umland der Hauptstadt, inzwischen durch Checkpoints der ukrainischen Armee abgeriegelt. Sicher fühlt sich die 26-Jährige dort nicht: "Das Haus meiner Eltern ist groß und damit eine mögliche Zielscheibe für die russische Armee", sagt sie in einer Sprachnachricht. Zum Telefonieren ist der Empfang zu schlecht. Ihr Freund sei in Kiew zurückgeblieben und habe sich der ukrainischen Armee angeschlossen, um die Stadt zu verteidigen.

Doch auch Nataliia will nicht untätig bleiben. Die ausgebildete Journalistin hat sich mit ihren Freunden zusammengeschlossen und sammelt Videomaterial, um den Krieg zu dokumentieren. Sie will, dass die Welt erfährt, was in der Ukraine passiert, vor allem auch die Russinnen und Russen. "Die Menschen dort sind viel zu lange still gewesen."

Die Bevölkerung der Ukraine rücke im Krieg zusammen, sagt Nataliia im Chat über Telegram. "Menschen mit unterschiedlichen Lebensentwürfen und unterschiedlichen politischen Ansichten sind jetzt vereint." Sie sei stolz auf den Widerstand, den die Ukraine leistet. "Wir werden gewinnen."

Charkiw unter Beschuss

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Die Nachbarn verbarrikadieren die zerstörten Fensterscheiben des Restaurants, um es vor Plünderern zu schützen. Das Bild schickt Glib nach dem Angriff.

(Foto: privat)

Doch Russland verstärkt seine Offensiven. Am Dienstag kam es in Charkiw zu massiven Angriffen. Ein Raketeneinschlag erschütterte ein Verwaltungsgebäude im Zentrum, ukrainischen Angaben zufolge kommt es zu mehreren Toten und Verletzten. Glib berichtet, in der Nacht zuvor sei er "leichtsinnig" gewesen und habe statt im Bunker oben in seiner Wohnung übernachtet.

"Ich bin durch einen lauten Knall aufgewacht, dann hörte ich Glas klirren und sah, wie eines meiner Fenster zerbrochen war." Eine Rakete habe das Restaurant im Erdgeschoss seines Hauses getroffen. "In der Nähe standen Menschen vor einem Supermarkt Schlange. Ein junger Mann wurde von umherfliegenden Bombensplittern erfasst und starb", berichtet Glib.

Nur wenige Stunden später ging der Beschuss weiter. Glib spricht von einem noch schwereren Angriff in seiner Umgebung. "Ein Wohnblock wurde zerstört. Überall war Blut, ich sah Menschen auf der Straße liegen, denen Körperteile gefehlt haben." Die Menschen seien in Panik ausgebrochen. "Sie verstehen nicht, warum sie beschossen werden", sagt er am Telefon. Als plötzlich wieder Einschläge zu hören sind, muss Glib das Gespräch unterbrechen, um in den Bunker zu rennen.

Der 26-Jährige geht davon aus, dass die russische Armee ihre Angriffe auf seine Stadt in den nächsten Tagen noch ausweiten wird: "Sie werden die Infrastruktur angreifen und weiter zivile Objekte beschießen. Sie wollen, dass wir aufgeben."

Quelle: ntv.de

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