Politik

Weinende Mütter, eroberte Panzer Die mächtigen Bilder der ukrainischen Gegenoffensive

314931431.jpg

Ein ukrainischer Soldat hat eine Flagge auf einem russischen Panzerfahrzeug angebracht, das die russischen Truppen in der Region Charkiw zurückgelassen haben.

(Foto: picture alliance / Vudi Xhymshiti/VX)

Tausende Fotos und Videos in den Sozialen Medien zeugen von der ukrainischen Gegenoffensive in Charkiw. Sie wirken authentisch, was in Zeiten des Krieges nicht selbstverständlich ist. Zudem stützen Zahlen über erbeutetes Kriegsgerät den Anschein über das Ausmaß der russischen Niederlage.

Der Start der ukrainischen Gegenoffensive in der nordöstlichen Region Charkiw ist eine Woche alt. Anfängliche Skepsis über Erfolgsmeldungen in sozialen Medien weicht immer mehr der Einsicht, dass den ukrainischen Truppen militärisch wirklich Großes gelingt. Binnen einer Woche wird ein Gebiet von mehreren Tausend Quadratkilometern Fläche von den russischen Truppen zurückerobert. Ein Gebiet, das diese zuvor in Monaten der Ukraine abgetrotzt hatten. Vor allem wichtige Städte wie Isjum oder Kupjansk gehen den Russen verloren. Diese sind wegen ihrer Eisenbahnverbindungen für den russischen Nachschub im Donbass überlebenswichtig. Die Tatsache, dass die Städte nicht zu halten sind, führt in der russischen Militärführung wohl zur Erkenntnis, dass größere Gebiete preisgegeben werden müssen. Die russischen Truppen verlassen teils panikartig ihre Stellungen in der Region Charkiw und ziehen sich in den Donbass oder auf russisches Staatsgebiet zurück.

Seither sind in sozialen Medien massenhaft Fotos und Videos der Gegenoffensive und von deren Ergebnis zu finden: zerstörte russische Panzer, festgenommene Soldaten, die nicht mehr rechtzeitig haben fliehen können, teils randvoll gefüllte russische Munitionsdepots, deren Inhalt nun den Besitzer wechselt. Dazu kommen Videos stolzer ukrainischer Soldaten, die ihre Landesflaggen in befreiten Ortschaften hissen und von der Zivilbevölkerung, die den Befreiern um den Hals fällt, weint, Essen anbietet, ihr Glück offenbar gar nicht recht fassen kann.

Ukrainische Politiker, aber auch Blogger, Journalisten und viele Zivilisten stellen seit Beginn der russischen Invasion unter Beweis, dass sie es verstehen, Bilder des Krieges gut in Szene zu setzen. Geschickt und ergreifend inszenieren sie den heroischen Kampf der eigenen Truppen einerseits und die Gräuel der Besatzer auf der anderen Seite. Oft sieht es so aus, als erzielen die Russen gar keine militärischen Erfolge. Auch wenn sicherlich vieles nicht nach Plan des Kremls läuft, stimmt das eben nicht. Die Geländegewinne sind klein, aber es gibt sie. Nur selten werden eigene Verluste der Ukrainer benannt und gezeigt. Trotzdem steht es lange nicht gut um die Ukraine, scheint Russland am Ende eben doch zu mächtig, als dass der Abwehrkampf gewonnen werden kann.

Die aktuellen Fotos und Videos der Gegenoffensive zeigen sehr ähnliche Bilder wie in der Vergangenheit, machen aber einen deutlich authentischeren, ungestellten Eindruck. Die älteren Frauen, die ihre Befreier begrüßen, scheinen ernsthaft überwältigt vom militärischen Erfolg ihrer Soldaten. Vor allem, weil er so urplötzlich kommt. Auch die große Zahl gefangener russischer Kämpfer scheint angesichts der überfallartigen Taktik der ukrainischen Truppen und völligen Überraschung der Kreml-Soldaten darüber, nicht inszeniert.

Die Tatsache, dass ein Großteil der in Charkiw verbliebenen Panzer und gepanzerter Fahrzeuge nicht durch ukrainische Truppen zerstört wurde, sondern erobert werden konnte, spricht ebenso dafür, dass die russischen Truppen im Eiltempo flohen und ihr Kriegsgerät einfach dem Gegner überließen. Das Blog Oryx der Militärgerät-Experten Stijn Mitzer und Jakub Jankovsky trug etwa zusammen, dass die ukrainischen Truppen allein am 11. September 102 russische Kriegsgeräte neutralisieren konnten. Nach ihren Angaben wurden 95 dieser 102 Kriegsgeräte erobert, darunter befinden sich mehr als 20 Kampfpanzer. Dazu kommen auch Aufklärungsdrohnen, Minenräumfahrzeuge oder Artillerie-Geschütze. Die ukrainischen Soldaten übermalen hundertfach den Buchstaben Z an den russischen Militärfahrzeugen. Der Buchstabe ist mittlerweile zum Symbol für den russischen Angriffskrieg und dessen Unterstützung geworden.

In der von den beiden Experten seit Kriegsbeginn geführten Liste der gesamten russischen Verluste an Kriegsgerät, stiegen die Zahlen auf russischer Seite zuletzt deutlich, was auf einen Erfolg der ukrainischen Gegenoffensiven - eine erste startete ja vor einiger Zeit in der Region Cherson - hindeutet. Allein bei den Kampfpanzern müssen die russischen Truppen mittlerweile den Verlust von deutlich mehr als 1000 Fahrzeugen konstatieren. Ein Großteil der tatsächlichen Verluste der letzten sieben Tage wird sicher erst in den nächsten Tagen ersichtlich werden, wenn das große Aufräumen in den befreiten Ortschaften Charkiws startet.

(Dieser Artikel wurde am Montag, 12. September 2022 erstmals veröffentlicht.)

Quelle: ntv.de, als

ntv.de Dienste
Software
Social Networks
Newsletter
Ich möchte gerne Nachrichten und redaktionelle Artikel von der n-tv Nachrichtenfernsehen GmbH per E-Mail erhalten.
Nicht mehr anzeigen