Politik

In der Stadt der roten Hunde Urlaub in der Heimat, Urlaub im Krieg

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Ausstellung von Kriegsgerät auf einem Schulhof in Krywyj Rih

(Foto: mbr)

Viele Ukrainer fahren jetzt zurück ins Kriegsgebiet. Warum machen sie das, was ist mit denen los? Ich habe es auch gemacht und kann diese Frage beantworten.

Ich komme aus Krywyj Rih, einer Stadt mit Schwerindustrie, vor allem Eisenerz, die auch die Heimat des ukrainischen Präsidenten Wolodymyr Selenskyj ist. In der Ukraine wird Krywyj Rih auch "Stadt der roten Hunde" genannt, denn der rötliche Staub des Eisenerz' sorgt dafür, dass bei uns nach einem Regen überall rote Hunde herumlaufen.

Als die Russen mein Land überfielen, bin ich nach Deutschland geflohen. Jetzt war ich für zwei Wochen in Krywyj Rih. Seit Februar hat die Stadt sich stark verändert und die Menschen auch. Wer fliehen wollte, ist bereits weg. Die Daheimgebliebenen führen auf den ersten Blick ein normales Leben - fast das, nach dem ich Heimweh hatte. Sie besuchen Cafés und Restaurants. Krankenhäuser, Supermärkte und andere Einrichtungen sind weiterhin vorhanden.

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Eine Tankstelle in Krywyj Rih verkauft patriotische Würstchen: Die Mayonnaise erinnert an die Frisuren der Kosaken.

(Foto: mbr)

Ich bin froh, zuhause zu sein, aber wirklich normal ist das Leben nicht. Gepanzerte Militärfahrzeuge fahren durch die Straßen. Die Front ist von hier aus keine 50 Kilometer entfernt. Es gibt eine nächtliche Ausgangssperre von 22.00 bis 6.00 Uhr. Dann ist die Atmosphäre noch bedrückender, denn in dieser Zeit muss das Licht ausgeschaltet werden.

Und dann regnet es auch noch die Hälfte der Zeit - und die Hunde werden wieder rot. Auf dem Schulhof einer Schule, an der ich vor ein paar Jahren mal an einer Deutscholympiade teilgenommen habe, stehen zerbombte russische Panzer und anderes Militärgerät, dazu folgender Hinweis: "Muster der militärischen Ausrüstung des Besatzers, die von den ukrainischen Streitkräften 2022 auf ukrainischem Gebiet zerstört wurde". Die Panzer wurden aus benachbarten Dörfern gebracht, aus denen die ukrainischen Streitkräfte die Besatzer vertrieben hatten. Die lokalen Behörden wollen mit dem erbeuteten Schaustück die Moral der Einwohner heben.

Man kann jederzeit von einer russischen Rakete getötet werden

Überall gelten jetzt neue Regeln. Ist man beispielsweise im Kino und eine Sirene ertönt, muss das Gebäude sofort verlassen werden. Wenn der Film noch nicht zu Ende ist und der Luftalarm länger als 20 Minuten dauert, erhält man kein Geld zurück. Auch Busse müssen stoppen, wenn die Sirenen heulen. All diese Alarme und auch die Vorschriften wirken sich auf die Lebensqualität aus, denn es ist schwer, etwas zu planen. Vor allem sorgt es natürlich für Stress, dass man in wenigen Sekunden von einer russischen Rakete getötet werden könnte. Solche Bilder gehen vielen Menschen in Krywyj Rih durch den Kopf. Sie versuchen trotzdem, zu leben und nicht so viel an den Krieg zu denken. So entsteht der Eindruck von Normalität: Die Leute gehen shoppen, sie gehen essen und machen sogar Urlaub auf dem Land.

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Abschied aus der Ukraine: Nach zwei Wochen fährt unsere Autorin über Kiew zurück nach Berlin.

(Foto: mbr)

Auch ich bin für zwei Tage aufs Land gefahren, mit meinem Freund in das Dorf seiner Eltern. Dort sitzt man nachts im Hof und hört Explosionen. Manchmal sieht man auch Raketen. Ob es russische Raketen sind oder die ukrainische Flugabwehr, das weiß man nicht.

Wie mein Vater und mein Cousin darf mein Freund das Land nicht verlassen: Männer zwischen 18 und 60 Jahren müssen damit rechnen, zur Armee oder zur Territorialverteidigung eingezogen zu werden. Viele Jungs in meinem Alter, Jungs, die ich kannte, sind schon tot. Sie haben für unsere Freiheit gekämpft. Auf dem zentralen Friedhof hängen Schleifen an den Gräbern der Gefallenen. Es werden immer mehr. Wut darüber empfinde ich schon lange nicht mehr, nur noch Hass. Man soll nicht alle Russen über einen Kamm scheren, höre ich in Deutschland. In meinen Ohren klingt das wie Hohn.

Quelle: ntv.de

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