Politik

Maduros Tanz ums Pulverfass Venezuela will Parlament Strom abdrehen

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Venezuelas Präsident Nicolás Maduro erlebt unruhige Zeiten.

(Foto: REUTERS)

Fast alles in Venezuela hängt an Öl und Energie. Ein Stausee-Kraftwerk liefert normalerweise 70 Prozent des nationalen Strombedarfs. Jeden Tag könnten die Turbinen stoppen. Präsident Maduro ist von Krisen eingekreist.

Nicolás Maduro will sogar dem Parlament den Strom kappen. Eine kleine Gemeinheit, weil Venezuelas Opposition den Präsidenten per Referendum stürzen will? Der Staatschef des Landes mit den größten Ölreserven der Welt wirkt zunehmend rat- und hilflos. Nun ist sogar an der Uhr gedreht worden, um Strom zu sparen. Eine halbe Stunde vor, um mehr natürliches Tageslicht zu nutzen. Der drohende Zusammenbruch der Stromversorgung ist nicht die einzige Not.

Venezuela gleicht einem Pulverfass. Medikamente und Lebensmittel fehlen, lange Schlangen, immer wieder Plünderungen. Stundenlange Stromabschaltungen führten in einigen Städten zu Gewaltausbrüchen. Schulen blieben zuletzt freitags geschlossen, Staatsbedienstete mussten vergangene Woche nur an zwei Tagen arbeiten. Einkaufszentren müssen mit Spar- oder keiner Beleuchtung auskommen, viele Fabriken produzieren kaum noch. Das Problem heißt El Guri.

Das Kraftwerk in dem riesigen Stausee hat normalerweise 10.000 Megawatt Leistung, das entspricht sieben Atomkraftwerken, aber es steht vor einem weitgehenden Produktionsstopp. Es versorgt das Land zu fast 70 Prozent mit Energie. Die Abhängigkeit rächt sich mit einer der schlimmsten Energiekrisen. Hinzu kommen die höchste Inflation der Welt und eine tiefe Rezession.

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"Produktives Venezuela" - die Rolltore dieses Büros sind geschlossen.

(Foto: REUTERS)

Von 2014 bis 2015 seien die Jahreseinnahmen aus dem Ölgeschäft von 37,9 auf 12,6 Milliarden US-Dollar abgestürzt, heißt es - darin sieht Maduro die Gründe für Krise und enorme Mangelwirtschaft im schwachen Ölpreis. Trotzdem hält er an üppigen Sozial- und Wohnungsbauprogrammen fest. Doch die Stromkrise könnte der berühmte Tropfen zu viel sein. In der Hafenstadt Maracaibo wurden Straßenbarrikaden errichtet, um gegen das Leben ohne Strom zu protestieren. Der Chef der Nationalgarde, Néstor Reverol, schickte 3500 Soldaten, um der brenzligen Lage Herr zu werden.

El Niño als Schuldiger

Maduro schiebt alle Schuld auf das Klimaphänomen El Niño - hohe Temperaturen ließen den Pegel im Guri-See stark sinken. Die Opposition wettert hingegen gegen lange Misswirtschaft, gegen nicht getätigte Investitionen in neue, moderne Kraftwerke. Und trotz viel Sonne fristen erneuerbare Energien hier ein ziemliches Schattendasein. Der Ingenieur Jesús Augusto Gómez vom Experten-Netzwerk Grupo Orinoco beobachtet täglich den Pegel, sein aktueller Befund ist dramatisch: 241,41 Meter. "Das ist nur noch 1,41 Meter über der kritischen Grenze von 240 Metern." Dann ist für die meisten Turbinen Feierabend. Luft ströme ein, es bestehe die Gefahr schwerer Schäden. Ende der Woche könnte der kritische Pegel erreicht sein. "Dann müssen bis zu acht Turbinen mit einer Leistung von 5000 Megawatt die Arbeit einstellen."

Und was bringt die Zeitumstellung, auf nur noch sechs Stunden hinter der Mitteleuropäischen Zeit? "Der Effekt ist äußerst gering", meint Gómez. Vielleicht könne das den Bedarf an Leistung zu einigen Tageszeiten um 300 Megawatt drücken. "Die ganzen Maßnahmen kommen sehr spät, um nachhaltige Effekte zu haben." Dazu gehört auch, dass Frauen auf Geheiß Maduros doch bitteschön vom Föhnen Abstand nehmen sollen.

Es kriselt an allen Ecken. Polar, mit 80 Prozent Marktanteil größte Brauerei, musste gerade die Bierproduktion einstellen, wegen der Devisenpolitik der Regierung könne man keine Gerste mehr einführen. In wenigen Tagen könnte es daher vielerorts kein Bier mehr geben. Und in der Uniklinik in Caracas demonstrierten die Beschäftigten auf den Balkonen gegen fehlende Medikamente und ausbleibende Bezahlung. Für Maduro hat längst das politische Endspiel begonnen.

Im Dezember hatte die Opposition bei der Parlamentswahl triumphiert, sie will das unter Hugo Chávez (gestorben 2013) begonnene Projekt eines Sozialismus des 21. Jahrhunderts beenden. Chávez hatte 2007 die jetzt kassierte Zeitzone von 6,5 Stunden hinter der Mitteleuropäischen Sommerzeit eingeführt, Spötter sagen, damit Venezuela nicht mehr in der gleichen Zeitzone wie Teile der von ihm verachteten USA liege. 1,5 Millionen Unterschriften sammelte die Opposition letzte Woche, damit wird ein Referendum über Maduros Abwahl noch 2016 immer wahrscheinlicher. Käme es jetzt auch noch zu einem großen Blackout, dürfte das Maduros Chancen auf einen Amtsverbleib nicht erhöhen.

Quelle: ntv.de, Georg Ismar, dpa