Politik

US-Truppenabzug aus Deutschland Vom Panzerfeld zur Pferdeweide

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Wenn die Truppe geht, kommt die Fahne mit.

(Foto: picture-alliance/ dpa)

Die US-Armee muss sparen: Bis 2014 will das Pentagon zwei schwere Brigaden aus Europa abziehen - Tausende Soldaten müssen Deutschland deshalb wahrscheinlich verlassen. Mit den GIs verschwinden aus den betroffenen Städten viele Arbeitsplätze. Doch mit Einfallsreichtum kann aus leeren Kasernen Erstaunliches werden.

Zottelig, wild und gefräßig sind die Nachfolger der US-Soldaten, die auf dem ehemaligen Übungsgelände der US-Truppen namens "Campo Pond" in Hanau ihren Dienst tun. Sie tragen einen außergewöhnlichen Namen, würden mit ihren vier Beinen aber auch so aus jeder modernen militärischen Ordnung fallen: Seit September 2009 grast auf den Feldern, wo einst US-Soldaten und Panzer den Krieg gegen den Warschauer Pakt übten, eine friedliche Gruppe von Przewalski-Pferden. Die Stuten und Hengste aus Hanau gelten seit 1970 in freier Wildbahn als ausgestorben - der Tierpark Hellabrunn in München versucht, die Wildpferde mit dem Naturschutzprojekt in der US-Kaserne wieder in freier Natur zu etablieren.

27729399.jpgDass auf dem Militärgelände einmal Pferde grasen würden, war vor wenigen Jahren noch undenkbar. Hanau war einer der größten Stützpunkte der US-Armee in Deutschland: Bis zu 45.000 Mann waren hier stationiert, um sich den Panzern des Ostblocks entgegenzustellen, die im Falle eines Krieges durch die Tiefebene zwischen Spessart und Vogelsberg – die sogenannte Lücke von Fulda– auf das Finanzzentrum Frankfurt vorgestoßen wären.

Nach dem Ende des Kalten Krieges hatten die letzten US-Truppen die hessische Stadt östlich von Frankfurt am Main im Frühjahr 2008 verlassen. Geblieben sind aus dieser Zeit sieben Kasernenanlagen, Truppenunterkünfte und 340 Hektar an Militärflächen, für die die Stadt seitdem gemeinsam mit der Bundesanstalt für Immobilienaufgaben (Bima) neue Verwendungsmöglichkeiten sucht.

Sparkurs für das US-Militär

Aschaffenburg, Babenhausen, Darmstadt, Kitzingen – die Mammutaufgabe, die Hanau bewältigen musste, steht immer mehr deutschen Städten bevor. Denn genau wie ihre haarigen Nachfolger in Hanau gehören auch die US-Truppen in Deutschland zu einer aussterbenden Art. US-Präsident Obama hat dem Militär einen harten Sparkurs verordnet: Erstmals seit über zehn Jahren soll der Verteidigungshaushalt 2013 zurückgehen, mindestens 90.000 Soldaten fallen weg. Das US-Militärbudget soll in den  kommenden zehn Jahren wegen der hohen Staatsverschuldung um 450 Milliarden Dollar (351 Milliarden Euro) schrumpfen.

Das Pentagon fährt die Truppenpräsenz in Europa deshalb weiter herunter: US-Verteidigungsminister Leon Panetta hatte zuletzt bekannt gegeben, dass zwei der vier in Europa stationierten Brigaden abgezogen werden sollen. Die erste der beiden Kampfbrigaden soll schon 2013 "aufgelöst" werden, die zweite 2014, bestätigte der Stabschef der US-Bodentruppen, Ray Odierno. Welche Standorte genau betroffen sind, ist noch nicht offiziell. Die US-Armee hat in Europa jedoch nur im bayerischen Grafenwöhr (172. Infanteriebrigade) und im rheinland-pfälzischen Baumholder (170. Infanteriebrigade) solche Einheiten stationiert. Ihnen gehören nach Angaben eines Armeesprechers jeweils rund 3800 Soldaten an.

Großer Verlust für das kleine Grafenwöhr

Wildpferde wie in Hanau werden in der bayerischen Kleinstadt Grafenwöhr sobald nicht grasen. Aber dennoch wiegt der geplante Abzug der US-Truppen schwer: "Wir bedauern sehr, dass wir die Brigade verlieren werden, aber wir sind zuversichtlich, dass die US-Armee das Areal weiter zum Üben benutzen wird", sagt Bürgermeister Helmuth Wächter (SPD) gegenüber n-tv.de. Mit 223 Quadratkilometern Fläche ist Grafenwöhr einer der größten Truppenübungsplätze in Europa, nicht nur US-Einheiten, sondern auch die Bundeswehr und viele andere Nato-Partner nutzen das schon 1910 angelegte Trainingsgelände. Erst vor wenigen Jahren wurde Grafenwöhr durch den Umzug der 172. Infanteriebrigade der US-Armee zur Garnisonsstadt.

So schnell wie die US-Truppen kamen, werden sie nun wahrscheinlich wieder verschwunden sein. Für die Gemeinde mit rund 6000 Einwohnern ist das ein herber Verlust: Rund 4000 US-Soldaten wohnen in Grafenwöhr, allein 2000 gehören zur 172. Infanteriebrigade, von der ein Großteil gerade in Afghanistan dient. Wenn sie zusammen mit ihren Familienangehörigen Grafenwöhr verlassen müssten, würde der Kleinstadt so auf einen Schlag ein Großteil seiner Bewohner verloren gehen – und ein wichtiger Wirtschaftsfaktor.

Wieviele Arbeitsplätze auf dem Spiel stehen, mag Bürgermeister Wächter noch nicht sagen. Doch die US-Truppen haben für die Kleinstadt enorme Bedeutung. 2500 Zivilangestellte arbeiten auf der US-Basis, jährlich gibt das US-Militär rund 300 Millionen Dollar aus, um den Stützpunkt zu betreiben, unterhält damit Schulen, Bussysteme und Gebäude. Hinzu kommt der Sold der stationierten Truppen. Gut 50 Millionen Dollar Militärausgaben fließen direkt oder indirekt in die Wirtschaft von Grafenwöhr und Umgebung, hat die US-Armee ausgerechnet. Rund 1 Milliarde Dollar haben die Militärs in den Ausbau des Stützpunkts gesteckt, Wohnungen, Unterstände und ein Einkaufszentrum mit 20.000 Quadratmeter Verkaufsfläche gebaut, alles mithilfe von Firmen aus der Umgebung. Diese Investitionen kommen nun möglicherweise anderen Nutzern zugute. Denn wenn die US-Truppen abziehen, könnten wie in Hanau Soldatenunterkünfte zu Wohnungen werden – und für Grafenwöhr eine neue Zeit beginnen.

Quelle: ntv.de