Politik

Kernenergie gegen Klimawandel Wäre es klüger, bei Atomkraft zu bleiben?

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Eine von sechs verbliebenen deutschen Anlagen, das AKW Grohnde. Es soll Ende 2021 vom Netz gehen.

(Foto: REUTERS)

Die Zeit drängt. Deutschland hat sich beim Kampf gegen den Klimawandel viel vorgenommen und will den Ausstoß von Kohlendioxid massiv senken. Wäre es da nicht klug, den CO2-armen Strom aus Atomkraftwerken einfach weiter zu nutzen?

Deutschland muss dringend CO2 einsparen - jedenfalls, wenn das Land die Ziele erreichen möchte, die von der Bundesregierung beschlossen wurden. So soll die viertgrößte Volkswirtschaft der Erde in schon knapp neun Jahren, im Jahr 2030, 55 Prozent weniger Treibhausgase als im Jahr 1990 produzieren. Die Stromerzeugung ist in Deutschland der größte Einzelposten auf dieser CO2-Rechnung. Wäre es da nicht klug, eine vorhandene Technologie weiter zu nutzen, die vergleichsweise wenig Treibhausgase freisetzt? Wäre es nicht vernünftig, die deutschen Atomkraftwerke weiterlaufen zu lassen, um die Klimaziele zu erreichen?

Ja, auch Atomkraftwerke produzieren Treibhausgase. Durch den Abbau des Brennstoffs Uran, den Bau der Meiler und die Produktion der Baustoffe fallen bei deutschen Kernkraftwerken rund 31 Gramm CO2 pro Kilowattstunde produzierten Strom an, rechnete das Öko-Institut bereits 2007 vor. Block C des AKW in Grundremmingen, das Ende des kommenden Jahres abgeschaltet werden soll, und rund 11 Milliarden Kilowattstunden Strom bereitstellt, ist demnach für etwa 350.000 Tonnen Kohlendioxid verantwortlich. Doch im Vergleich mit anderen fossilen Energieträgern ist der Ausstoß minimal: Das Braunkohlekraftwerk Neurath am Niederrhein etwa produziert mit 31 Milliarden Kilowattstunden Strom drei Mal so viel Strom - aber verursacht mit rund 32 Millionen Tonnen CO2 in etwa das neunzigfache der Emissionen.

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Außerdem haben die sechs verbliebenen deutschen AKWs ihre ursprünglich geplante Laufzeit von 40 Jahren noch nicht erreicht. Sie sind zwischen 31 und 35 Jahren alt, könnten also theoretisch über das Jahr 2022 hinaus noch weiter betrieben werden. Dann sollen die sechs verbliebenen Meiler eigentlich vom Netz gehen. Knapp 14 Prozent des deutschen Strombedarfs werden derzeit von Kernkraftwerken gedeckt, fast 20 Prozent von Braunkohlekraftwerken. Warum also nicht auf die Schnelle die "schmutzigen" Kohlemeiler abschalten und die "sauberen" Atomkraftwerke zugunsten der CO2-Bilanz weiterlaufen lassen? Rechnerisch könnten die sechs AKWs die Braunkohlekraftwerke Neurath und Niederaußem locker ersetzen - deren Emissionen zusammengerechnet sind vergleichbar mit denen ganzer Staaten wie Bulgarien oder Irland.

Niederlande planen bis zu zehn neue Meiler

Punktuell gibt es in Deutschland immer wieder Forderungen, Atomkraft könne einen Beitrag zu einer CO2-ärmeren Energieerzeugung leisten. Anfang des Jahres tauchte ein Positionspapier der CDU auf, in dem "kleine, modulare Reaktoren" als "mögliche Variante für eine CO2-freie Energieproduktion" geprüft werden sollten. Im Sommer gab es vom Verein Nuklearia organisierte Proteste vor deutschen Kernkraftwerken - für deren Weiterbetrieb. Mit der AfD sitzt eine Partei im Bundestag, die den Atomausstieg komplett rückabwickeln möchte und auch Spitzenpolitiker haben sich für die Technologie ausgesprochen. So sagte Sachsens Ministerpräsident Michael Kretschmer Anfang des Jahres, er halte einen Wiedereinstieg Deutschlands in die Atomkraft für möglich - sie könne gegen den Klimawandel helfen. Für Aufsehen sorgte auch Volkswagen-Chef Herbert Diess im vergangenen Jahr, als er sich öffentlich pro Atomkraft positionierte: "Ich würde erwägen, den Atomausstieg infrage zu stellen, ja, vor allem weil wir noch nicht über ausreichend regenerative Energiequellen verfügen", sagte der VW-Manager damals der "Zeit".

Auch außerhalb der deutschen Grenzen scheint Atomkraft vor dem Hintergrund des Klimawandels wieder eine neue Bedeutung zu bekommen. In den Niederlanden prüft die Regierung von Ministerpräsident Mark Rutte den Wiedereinstieg im großen Stil. Im Gespräch ist der Neubau von drei bis zehn Reaktoren. Polen arbeitet an einer neuen Energiestrategie, in der bis zu sechs Meiler vorgesehen sind. In Finnland, Frankreich und Großbritannien sind neue AKWs im Bau. In China, Indien und Russland sind zum Teil Dutzende neue Kraftwerke geplant. Zudem wird in mehreren Staaten an Reaktoren der sogenannten "vierten Generation" geforscht, deren Abfallprodukte schon nach einigen hundert Jahren ungefährlicher sein sollen als in der Natur vorkommendes Uran-Erz.

In Deutschland jedoch wird die Debatte aus guten Gründen nur punktuell geführt. Die Argumente sowohl gegen eine Laufzeitverlängerung als auch gegen den Wiedereinstieg sind geradezu überwältigend. Und das Warten auf den Wunderreaktor ist möglicherweise vergebens.

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"Ein Ausstieg aus dem Ausstieg ist aus vielen Gründen fast unmöglich", sagt Christoph Podewils von der Denkfabrik Agora Energiewende, "und das betrifft vor allem die langfristige Planung der Energiekonzerne, die sich seit Jahren auf den Ausstieg eingestellt haben." Er glaubt, dass es einen "gigantischen Aufschrei" auslösen würde, wenn die Meiler doch noch länger am Netz bleiben sollten - "und zwar nicht nur von Seiten der Atomkraftgegner, sondern vor allem von den Akteuren, die sich in diesem Markt bewegen."

"Eine Laufzeitverlängerung ist für uns keine Option"

Die Reaktionen der Kraftwerksbetreiber etwa auf die Pro-Atomkraft-Proteste Ende September waren tatsächlich deutlich. Darauf angesprochen sagte etwa Guido Knott, Chef von Preussen Elektra, der Atomsparte von Eon, dem "Handelsblatt": "Wir akzeptieren diese politische Entscheidung, die von einer breiten Mehrheit getragen wurde." Sein Unternehmen bereite sich schon lange auf den Rückbau vor. Zwei Anlagen seien fast vollständig abgerissen, in anderen liefe der Rückbau auf Hochtouren und die drei noch laufenden Kraftwerke würden seit langem auf den Rückbau vorbereitet, ließ er wissen. "Eine Laufzeitverlängerung ist für uns keine Option." Die Stimmung bei den übrigen Betreibern RWE, EnBW und Vattenfall dürfte aus folgenden Gründen ähnlich sein.

Nachdem der Bundestag am 30. Juni 2011 - rund drei Monate nach der Katastrophe von Fukushima - den vorzeitigen Ausstieg aus der Kernkraft mit überwältigender Mehrheit von 513 Ja- gegen 79 Nein-Stimmen beschlossen hatte, wehrten sich die Unternehmen zwar gegen das schnelle Aus. Doch dabei ging es vor allem um eine milliardenschwere Entschädigung, die ihnen letztlich auch zugesprochen wurde. Und es ging um die Frage, wie Rückbau und Endlagerung organisiert werden sollten. Damals entledigten sich die vier Unternehmen einer unangenehmen Aufgabe. Zwar verpflichteten sie sich, 24 Milliarden Euro für den Atomfonds aufzubringen. Damit war das Thema dann jedoch erledigt. Mit der Suche nach einem passenden Endlager und allen damit verbundenen Fragen haben sie nichts mehr zu tun. Warum sollten die vier Konzerne das Risiko eingehen, diese Einigung nach einer möglichen Laufzeitverlängerung neu verhandeln zu müssen?

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Und warum folgt Deutschland nicht dem Ansatz anderer europäischer Staaten und erwägt zumindest den Bau neuer Atomkraftwerke? Weil es schwierig ist, auch dafür rationale Argumente zu finden. "Die Umsetzungszeiträume bei Atomkraftwerken betragen in Europa 10 bis 20 Jahre. Das heißt, ein Kraftwerk, das wir heute beginnen zu planen, wäre 2040 am Netz", sagt Podewils von der Denkfabrik Agora. Der CO2-arme Strom aus diesen Anlagen käme also zu spät, um dem Klimawandel entgegenzuwirken. "Hinzu kommen schwer oder nicht zu beantwortende Fragen: Wer will so ein Kraftwerk in seiner Gemeinde stehen haben? Was machen wir mit dem Atommüll?" Auch im globalen Maßstab hält er das Potenzial einer Atomkraft-Renaissance für begrenzt. "Um die Klimaerhitzung zu verhindern, müssten zudem sehr viele Kraftwerke gebaut werden. Kernenergie macht derzeit einen Anteil von weniger als fünf Prozent am weltweiten Energiemix aus. Um die CO2-Emissionen fossiler Kraftwerke damit zu vermeiden, wären also gigantisch viele Neubauten von Kernkraftwerken notwendig."

Den Optimismus bezüglich der Neubauten in anderen europäischen Staaten teilt er nicht. "Die beiden Kraftwerke, die in Frankreich und Finnland gebaut werden, sind jeweils viele Jahre im Verzug", sagt Podewils. Die Kostenübersteigerung bei beiden Projekten sei deutlich schlimmer als beispielsweise beim Skandal-Flughafen BER. "Wenn die beiden Reaktoren fertig sind, wird man sich dort vermutlich fragen, ob man derartige Projekte noch einmal beginnen soll." In Großbritannien hat sich der Planer des Neubaus in Wales aus dem Projekt zurückgezogen - offiziell mit der Begründung, dass wegen Corona das Investitionsklima zu unsicher geworden sei. "Aber auch beim Bau von Hinkley Point C war es nur mit massivem politischen Anreizen möglich, Unternehmen zu finden, die bauen. Jede Kilowattstunde wird deshalb etwa mit dem Doppelten des gegenwärtigen Marktpreises gefördert. In Europa war es gar nicht möglich, eine Finanzierung zu finden. Deswegen sind die Chinesen mit an Bord." Und damit ist er beim nächsten wichtigen Punkt: den Kosten.

Atomstrom ist nicht billig

Lange galt Atomkraft vor allem als günstig. Betrachtet man nur die Kosten für den Brennstoff und die fixen und variablen Betriebskosten der Kraftwerke, ist das auch richtig. So lassen sich sogenannte Stromgestehungskosten von etwa fünf bis zehn Cent pro Kilowattstunde errechnen. Doch alle Akteure auf dem Energiemarkt dürften sich inzwischen über die gewaltigen Folgekosten nuklearer und fossiler Energieerzeugung im Klaren sein. Die sind bei Kohle hoch und bei Atomkraft gigantisch: Der Rückbau der Kraftwerke, die Entsorgung von strahlendem Material, die Endlagersuche - all das verschlingt Unsummen.Deutsche Behörden und Forschungsinstitute rechnen deswegen bei Atomstrom mit bis zu 34 Cent pro Kilowattstunde - mit Abstand der höchste Preis aller Energieformen.

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"Es ist auch aus Sicht der Energiekonzerne vielversprechender auf Wind- und Solarkraft zu setzen, denn diese Anlagen lassen sich sehr schnell errichten und sie liefern Strom konkurrenzlos günstig", sagt Podewils. Auch in anderen Ländern wachsen die Kapazitäten der Erneuerbaren teilweise rasant. In der chinesischen Provinz Qinghai ist Anfang Oktober ein Solarpark mit einer Leistung von 2,2 Gigawatt ans Netz gegangen. Das entspricht der Leistung von mehr als zwei Atomkraftwerken. Daneben steht ein Energiespeicher mit einer Leistung von rund 200 Megawatt. Die Bauzeit betrug knapp ein Jahr und der Strom wird für umgerechnet ungefähr 4 Cent pro Kilowattstunde verkauft. In Portugal ist ein Solarkraftwerk in Planung, bei dem der Strom nur gut 1 Cent kosten soll. "Mit Erneuerbaren Energien lässt sich klimafreundlicher Strom aber viel schneller bereitstellen und deutlich günstiger erzeugen. Sie sind daher die vielversprechendere Alternative."

Dennoch steht Deutschland hinsichtlich der Energiewende noch vor vielen unbeantworteten Fragen. Die Stahlindustrie etwa, die hierzulande für rund ein Drittel aller industriellen Emissionen verantwortlich ist, rechnet damit, dass eine CO2-neutrale Stahlproduktion bis 2050 "technisch erreicht werden kann" - so steht es in einem Positionspapier der Wirtschaftsvereinigung Stahl aus dem vergangenen Jahr. Für die dafür nötigen rund 130 Terawattstunden Strom, rechnet der Verband vor, müssten in Deutschland etwa 12.000 zusätzliche der großen 5-Megawatt-Windkraftanlagen installiert werden. Das ist noch einmal eine deutliche Steigerung des Bestands von derzeit knapp 30.000 Anlagen.

Ungeklärt ist außerdem weiterhin, wie die Elektrizität aus dem windigen Norden dorthin transportiert werden soll, wo sie benötigt wird. Gleiches gilt für die großen Photovoltaik-Anlagen. Der Ausbau der Stromtrassen stockt seit Jahren. Vor allem in der Industrie gibt es zudem Zweifel, ob die Versorgungssicherheit auch gewährleistet ist, wenn kein Wind weht und die Sonne einmal nicht scheint. Auf diese und viele andere Fragen gibt es bisher keine lückenlosen Antworten. Sicher ist aber, dass Atomkraft in Deutschland nicht dabei helfen wird, das Problem zu lösen.

Quelle: ntv.de