Politik

Rasantes Tempo Warum Israel beim Impfen so weit vorn liegt

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Bis Ende Januar erwartet Israel weitere vier Millionen Dosen des Biontech-Impstoffes.

(Foto: AP)

Als Impfweltmeister zeigt Israel der Welt, wie der Weg aus der Corona-Pandemie aussehen kann. Die ehrgeizige Immunisierungsmaßnahme will Premier Netanjahu auch im anstehenden Wahlkampf für sich nutzen.

Israel befindet sich auf dem besten Wege, weltweit eines der ersten Länder zu werden, in dem die Mehrheit der Bevölkerung gegen Corona geimpft ist. Mehr als 14 Prozent der über neun Millionen Einwohner hat bereits die erste Dosis gegen das Virus erhalten. Das Ziel von 150.000 Impfungen pro Tag hat Israel seit Beginn der Impfkampagne am 20. Dezember mehrfach übertroffen. Auch wenn in den Gesamtzahlen China und die USA führen, so steht der jüdische Staat mit 19,55 Dosen je 100 Einwohner klar an der Spitze des Staatenvergleichs, vor Bahrain und Großbritannien. Angesichts des rasanten Tempos wird Israel seine Hochrisikopopulation - Menschen über 60 sowie jüngere mit Grunderkrankungen - voraussichtlich bis Ende Januar immunisieren.

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Für seine frühen und vielen Impfdosen hat Israel einen doppelt so hohen Preis bezahlt wie die EU. Hier Impfkandidaten auf dem Rabin-Platz in Tel Aviv.

(Foto: Tal Leder)

"Natürlich bin ich glücklich, mich gegen die Pandemie zu impfen, denn während der Holocaust meine Jugend gestohlen hat, stiehlt Covid-19 meine letzten Lebensjahre", klagt der 90-jährige Schlomo Dietesheimer im Impfzelt am Rabin-Platz in Tel Aviv, wo der gebürtige Nürnberger den Biontech/Pfizer-Impfstoff verabreicht bekommen hat. "Traurig, dass ich ein Jahr verloren habe", sagt der Witwer mit schneeweißem Haar. Für ihn gleicht diese Extremsituation einem Krieg. "Aber unser Land ist darauf besser vorbereitet als viele westliche Industrieländer."

Doch auch in Israel übersteigt das bisherige Tempo langsam die Impfstoffversorgung, und bei täglich über 5000 Neuinfizierten befindet sich das Land im dritten Lockdown. Während Gesundheitsminister Yuli Edelstein wiederholt versprach, dass für alle, die schon die erste Immunisierung erhalten haben, auch eine zweite vorhanden sei, möchte die zuständige Behörde kein Risiko eingehen. Neue Impftermine sollen erst wieder vergeben werden, wenn neue Impfstoffe eintreffen.

Für Pharmafirmen ist das Land attraktiv

Ministerpräsident Benjamin Netanjahu bemüht sich unterdessen, die Pharmakonzerne davon zu überzeugen, Israel mit den nächsten Lieferungen zu versorgen. Tatsächlich sollen bis Ende Januar weitere vier Millionen Pfizer-Impfungen eintreffen. Gleichzeitig erklärte das Gesundheitsministerium, in den nächsten zwei Wochen sechs Millionen Dosen des US-Unternehmens Moderna zu erhalten und bis März weitere vier Millionen. Ohne die Altersgruppe der unter 16-Jährigen werden 12 Millionen Dosen benötigt, um fast zwei Drittel der Bevölkerung vollständig zu impfen.

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Bis Ende Januar will Israel seine Bevölkerung über 60 oder mit Vorerkrankungen immunisiert haben.

(Foto: Tal Leder)

"Es ist unglaublich, wie diese hochkomplexe Kampagne bisher verlief", freut sich Professor Ran Balicer, der Vorsitzende des medizinischen Beraterteams der israelischen Regierung. Doch er warnt vor zu schneller Euphorie: "Das Ausmaß der indirekten Schutzwirkung hängt nicht nur davon ab, wie viele, sondern auch wer geimpft wird. Eine Immunisierung bei sozial isolierten Erwachsenen hat weniger Auswirkungen als die Impfung von jungen Menschen, die im Zentrum des sozialen Lebens stehen."

Dass Israels Impfkampagne so gut läuft, hat mehrere Gründe. Auch wenn sich Netanjahu oft als Sonnenkönig geriert, muss man anerkennen, dass er den Kampf gegen die Pandemie zur Chefsache gemacht hat und hartnäckig seine Kontakte bei der Beschaffung der Impfstoffe spielen ließ. Sein risikofreudiges Management - kostspieliger Importe, die doppelt so teuer waren wie die der EU - dürfte sich langfristig auszahlen, weil der wirtschaftliche Schaden so früher begrenzt wird.

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Der zweite Grund: "Israel ist zwar klein, hat aber ein stark digitalisiertes, gemeindebasiertes Gesundheitssystem", so Balicer. "Alle seine neun Millionen Bürger sind laut Gesetz bei einer der vier Krankenversicherungen registriert, und jeder besitzt eine persönliche Krankenakte der letzten 25 Jahre. Für eine vertiefte Auswertung der Impfungen können die Hersteller deshalb auf eine im internationalen Vergleich seltene Datenbasis zurückgreifen, um die Effekte der Schnellimpfung zu analysieren."

Diese Eigenschaften machen das Land wiederum für verschiedene Pharmaunternehmen attraktiv. "Pfizer betrachtet Israel als Testfall", sagt der Gesundheitsexperte. "Ein Beweis für die Wirksamkeit des Impfstoffs in einem kleinen Land kann andere Staaten ebenfalls dazu ermutigen."

"Wenn das Impfprogramm ein Erfolg wird, ist Netanjahu kaum zu schlagen"

Das Impfprogramm hat natürlich auch eine politische Komponente. Während die Immunisierungsmaßnahmen laufen, bereitet sich Israel auf seine vierten Parlamentswahlen in zwei Jahren vor, am 23. März sollen sie stattfinden. Netanjahu, der unter anderem wegen Bestechung vor Gericht steht, hat die Impfkampagne zu einer persönlichen Mission gemacht, um seine Popularität zu stärken. "Sein Management der Covid-19-Pandemie und das Impfprogramm kann entweder als Erfolg gewertet werden, wenn man Netanjahu unterstützt, oder als Misserfolg, wenn man gegen ihn ist", sagt Assaf Shapira, Leiter der politischen Abteilung am Israel Democracy Institute. Natürlich prahlt der Premier mit seiner Effektivität und seinen persönlichen Kontakten zu den Pfizer- und Moderna Chefs. Um der Bevölkerung als Beispiel zu dienen, ließ er sich als erster Israeli am 19. Dezember impfen. "Sollte das Impfprogramm ein voller Erfolg werden und sich die Wirtschaft vor den Wahlen öffnen, dann wird Netanjahu kaum schlagbar sein", sagt Shapira.

Um auch bei der arabischen Bevölkerung zu punkten - die dem Impfstoff skeptischer gegenübersteht - besuchte Netanjahu erst kürzlich ein Impfzentrum in der Stadt Tira, die überwiegend von arabischen Israelis bewohnt wird. Von diesen ärgert viele, dass die Impfkampagne die jüdischen Siedler einschließt, nicht aber die Palästinenser im Westjordanland und im Gazastreifen, so Shapira. Er weist allerdings darauf hin, dass es seit dem Friedensabkommen von Oslo 1993 die Palästinensische Autonomiebehörde ist, die die Verantwortung für die Gesundheitsversorgung in den palästinensischen Gebieten trägt.

Schlomo Dietesheimer jedenfalls ist von der Impfung überzeugt und hofft auf ein baldiges Ende der Pandemie. "Ich denke es sind die richtigen Maßnahmen und fordere alle auf, es ebenfalls zu tun." Der lebenslustige Auschwitz-Überlebende hat zwar durch Covid-19 ein Jahr verloren, Angst vor dem Virus hat er allerdings nicht. "Wenn ich die KZ-Hölle überlebt habe, dann mit Sicherheit auch Corona."

Quelle: ntv.de