Politik

In den USA tobt der Kulturkampf Warum Trump keine Maske tragen kann

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Im Rahmen einer Pressekonferenz im Weißen Haus ließ Präsident Trump im April einen Chirurgen erklären, wie man eine Maske korrekt aufsetzt. Er selbst weigerte sich auch in dieser Woche, eine Maske zu tragen.

(Foto: imago images/ZUMA Wire)

In den USA stehen die Zeichen auf Drama - egal, ob man die Zahl der Infektionen oder die der Arbeitslosen anschaut. Trotzdem sehen das demokratische und das republikanische Lager die Bedrohung völlig unterschiedlich. In diesem Kulturkampf wird schon das Tragen einer Maske zum politischen Statement.

Den USA droht ein Inferno. Ein internes Dokument der Regierung sagt täglich 200.000 Neuinfizierte und 3000 Tote voraus. Doch anders als viele andere Länder, die im Angesicht einer drohenden Corona-Katastrophe die Beschränkungen für ihre Bürger noch einmal strenger fassten, preschen 30 amerikanische Bundesstaaten in die entgegengesetzte Richtung vor: Sie lockern den Lockdown - lassen Geschäfte wieder öffnen, Betriebe wieder arbeiten, erlauben, dass man Freunde trifft.

Die meisten dieser Staaten ignorieren die von Washington ausgegebenen Kriterien, die ein Bundesstaat erfüllen sollte, bevor er das "Reopening", die Wiederöffnung startet: Fallende Infektionszahlen über zwei Wochen hinweg oder weniger positive Ergebnisse bei den Tests. Weniger Erkrankte mit ernsten Verläufen und normale Kapazitäten im Krankenhaus. Laut einem Bericht der New York Times erfüllt die Mehrzahl der 30 Bundesstaaten diese Kriterien nicht. Öffnen können sie trotzdem. "Der Föderalismus wird in den USA noch ernster genommen als hier", erklärt der USA-Experte Simon Wendt von der Goethe-Universität Frankfurt. Die Gouverneure hätten deswegen sehr viele Befugnisse, die nicht vom Weißen Haus beeinflusst werden können.

Ist es Arglosigkeit oder Kalkül?

Und der Präsident? Anders als andere Staatschefs, die die Bevölkerung beschworen, Schutzregeln einzuhalten, trug US-Präsident Donald Trump am Dienstag beim Besuch eines Herstellerbetriebs für Atemschutzmasken nicht mal selbst eine Maske. Ignorierte damit nicht nur die in der Fabrik herrschenden Verhaltensregeln, sondern stellte ohne Worte infrage, ob die weltweit von Wissenschaftlern empfohlene Schutzmaßnahme überhaupt sinnvoll und notwendig ist.

Ist das bloße Instinktlosigkeit? Handelt Trump aus derselben Arglosigkeit heraus, in der er öffentlich über das Gurgeln mit Desinfektionsmitteln sinniert und hinterher überrascht ist, wenn in den Giftnotrufzentralen die Telefone nicht mehr still stehen? Vieles spricht für einen anderen Grund, nämlich politisches Kalkül.

Am 2. November, in etwa einem halben Jahr also, wird sich entscheiden, ob Trumps erste Amtszeit als Präsident auch seine vorerst letzte war. In Meinungsumfragen zu den Wahlen liegt zwar sein demokratischer Rivale Joe Biden vorn, doch ist das Rennen noch völlig offen. In den Umfragen zu den Corona-Maßnahmen spiegelt sich wider, wie stark sich die Spaltung der USA in zwei Lager auch in der Sicht auf die Katastrophe fortsetzt: Demokraten sprechen sich in der Regel für die Einschränkungen aus und vertrauen der Wissenschaft und den Strategien zur Eindämmung. Republikaner nehmen das Virus vielfach weniger ernst und sind kaum bereit, Einschränkungen in Kauf zu nehmen, um die Ausbreitung zu verhindern.

"Mein Eindruck ist, dass viele Republikaner sich Covid-19 anschauen wie einen Orkan, der über sie hinweg fegt, den man nicht beeinflussen kann und akzeptieren muss", sagt Wendt. Der Vize-Gouverneur von Texas, der Republikaner Dan Patrick, vertritt diese Sichtweise beispielhaft. Im Interview mit dem Trump-freundlichen Sender Fox-News regte er bereits Ende März eine Diskussion darüber an, ob nicht die älteren Bürger zum Wohle der Wirtschaft geopfert werden sollten: "Ich denke, es gibt da draußen viele Großeltern wie mich, ich habe sechs Enkel. Ich will nicht, dass das ganze Land geopfert wird." Er selbst sei nicht gefragt worden, dabei sei er bereit, sein Leben für Amerika zu geben. "Meine Botschaft ist: Lasst uns wieder zur Arbeit gehen, lasst uns wieder leben."

Die Maske wird zum Statement

Diese Botschaft, die die Freiheit des Einzelnen betont, die Freiheit zu entscheiden, ob man an Corona sterben will oder nicht, ob man zur Arbeit gehen will, am sozialen Leben teilnehmen oder nicht, diese Botschaft muss man als US-Bürger dieser Tage nicht unbedingt formulieren, man kann sie auch anders ausdrücken: Mit der Weigerung, eine Maske zu tragen.

"Auch Masken sind Teil des sogenannten 'culture wars' geworden, des Kulturkampfes", sagt Simon Wendt im Gespräch mit ntv.de. Darin will die eine Seite Washington so wenig Macht wie möglich zugestehen, sie misstraut der Wissenschaft, den Prognosen zum Klimawandel und betont die Freiheit des Einzelnen. Die andere Seite gesteht der Forschung eine wichtige Rolle zu, will sich vom Staat einschränken lassen, wenn es Leben retten kann. "Eine Maske zu tragen oder nicht zu tragen, wird teilweise als Aussage darüber angesehen, wo man in dieser Debatte steht."

Die vielen Stammwähler mit ähnlicher Sichtweise wie Dan Patrick würde Trump vor den Kopf stoßen, träte er plötzlich an der Seite der Wissenschaft eindeutig für den Lockdown ein. Die rechtsradikalen Protestler, die hinter Corona eine Verschwörung des Staates wittern, schauen sehr genau hin, wie Trump reagiert, wenn sie - wie in Michigan - bewaffnet ins Regierungsgebäude eindringen. Der Präsident nannte sie auf Twitter "gute Leute" und forderte die Gouverneurin des Bundesstaates auf, den Protestlern entgegenzukommen, einen "Deal" zum Shutdown zu machen.

Trump versucht die "Quadratur des Kreises"

"Auf der einen Seite ist er Teil der Regierung und muss versuchen, die Amerikaner zu schützen, gleichzeitig heizt er aber die Anti-Regierungsstimmung an, indem er mit seinen Tweets auffordert, die Bundesstaaten zu befreien", sagt Wendt. Gerade für Rechtsextreme und Rassisten seien das die Zwischentöne, die sie suchten, und die ihm ihre Unterstützung sichern. Diesen Spagat vollziehe Trump schon während seiner gesamten Amtszeit, nun jedoch werde er zur "Quadratur des Kreises".

Dass Trumps Unterstützer sich weit mehr um die amerikanische Wirtschaft und ihre persönliche Freiheit zu sorgen scheinen, als um die Gesundheit, liegt auch daran, dass in den USA das Virus bislang nicht vornehmlich Alte tötet, sondern vor allem Arme. Die Opfer finden sich besonders unter den Afro-Amerikanern, unter Menschen mit spanischen Wurzeln, unter den Ureinwohnern.

Diese Bevölkerungsgruppen haben zumeist gar nicht die Wahl, zu Hause zu bleiben oder arbeiten zu gehen. Sie müssen Geld verdienen, solange sie die Möglichkeit dazu haben. 33 Millionen Menschen haben seit der Zuspitzung der Krise ihren Job verloren. Eine Studie vom Donnerstag belegt, dass jedes fünfte Kind in den USA derzeit nicht genug zu essen bekommt. Bei den armen Amerikanern geht es jetzt oft um die Existenz. Und sie wählen mehrheitlich demokratisch.

So könnte es laut USA-Experte Wendt durchaus sein, dass viele Republikaner die Konsequenzen der Krankheit kaum mitbekommen, und das Denken an die Wirtschaft weiterhin überwiegen wird. Bis womöglich die Infektionszahlen so hoch sind, dass sie auch die kleinen wohlhabenden Gemeinden im Süden der USA treffen oder andere Republikaner-Hochburgen tatsächlich unter dem Virus leiden. Am Donnerstag meldete das Weiße Haus den ersten Corona-Fall unter dem Personal. Der daraufhin durchgeführte Test beim Präsidenten, so hieß es, war negativ.

Quelle: ntv.de

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