Politik

Kalifat drastisch dezimiert Warum Trumps IS-Erfolgsmeldung gefährlich ist

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Donald Trump ist sich sicher: In einer Woche kann der IS besiegt sein.

(Foto: REUTERS)

Mit seiner Aussage, der IS sei so gut wie besiegt, könnte Donald Trump eine gefährliche Tradition in der US-Außenpolitik fortsetzen: Zu verkünden, der Feind sei besiegt - egal ob es stimmt, oder nicht.

Donald Trump sagt gerne, er habe Wahlkampfversprechen umgesetzt. Mehrfach hatte der US-Präsident angekündigt, er werde den IS "zerschmettern", "auslöschen", "besiegen". Und nun ist es soweit. Nach einem Treffen mit den Außenministern der 73 Mitgliedstaaten der "Anti-IS-Koalition" in Washington tritt er vor die Kameras und verkündet, der Islamische Staat sei beinahe besiegt. "Irgendwann nächste Woche" werde voraussichtlich verkündet, "dass wir 100 Prozent des Kalifats haben". Nach Angaben der Anti-IS-Koalition kontrolliert die Terrormiliz nicht einmal mehr ein Prozent ihres früheren Herrschaftsgebietes.

Auch der deutsche Außenminister Heiko Maas ist zu dem Treffen gereist. Er ist anderer Meinung und betont, die Gefahr des IS sei "bei weitem nicht gebannt" und warnt vor einem Machtvakuum. Er dürfte sich angesichts Trumps Erfolgsmeldung schmerzhaft an vergangene Siegesmeldungen US-amerikanischer Feldherren in der Region erinnert haben.

Am 1. Mai 2003 erklärte der damalige US-Verteidigungsminister Donald Rumsfeld die größeren Kampfhandlungen in Afghanistan für beendet. Wenige Stunden später verkündete George W. Bush öffentlichkeitswirksam auf einem Flugzeugträger, die US-Invasion im Irak sei erfolgreich abgeschlossen - "Mission accomplished". Acht Jahre später zog Trumps Amtsvorgänger Barack Obama den Großteil der US-Truppen aus dem Land ab - im Glauben, die amerikanische Invasion habe ein stabiles System hinterlassen, das mit den Problemen selbst fertig werden könnte.

Rumsfeld, Bush, Obama - alle drei lagen völlig falsch in ihrer Einschätzung. In Afghanistan stand der blutige Höhepunkt noch lange bevor. In dem Monat, als Rumsfeld das Ende des Krieges in Aussicht stellte, kamen zwei ISAF-Soldaten ums Leben. Sieben Jahre später starben regelmäßig mehr als 60 ISAF-Soldaten pro Monat. Ähnlich war die Entwicklung nach 2003 im Irak - nur deutlich schlimmer. Und auch im Anschluss an den von Obama angeordneten Abzug aus dem Irak nach 2011 wurden die Probleme nur noch größer. Das Machtvakuum, das die USA im Irak hinterließen, war nach Einschätzung der meisten Beobachter eine Grundlage für den rasanten Aufstieg des IS.

Wird also auch Donald Trump mit seiner Einschätzung, der Kampf gegen den IS sei so gut wie gewonnen, einen Platz in dieser Reihe bekommen?

Von der Landkarte ist der IS verschwunden

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2003 verkündet der damalige US-Präsident George W. Bush: Die Mission im Irak ist abgeschlossen. Aus heutiger Sicht eine Fehleinschätzung.

(Foto: REUTERS)

Dagegen spricht, dass die Terrormiliz in den vergangenen Jahren tatsächlich einen Großteil ihrer Schlagkraft verloren hat. Zwischenzeitlich wehte das schwarze Banner des IS in einem Gebiet, beinahe so groß wie Italien, das sich über die Staatsgrenze Iraks und Syriens erstreckte. Nachwuchs- und Nachschubprobleme gab es nicht. Zu Tausenden reisten radikale Muslime aus aller Welt in das selbsternannte Kalifat. Mit seinen Ölquellen nahm der IS zum Teil mehrere Millionen Dollar am Tag ein. Als die Milizen den Norden des Irak überrannten, erbeuteten sie modernstes Kriegsgerät, das die US-Armee den irakischen Truppen überlassen hatte. Der Aufstieg des IS schien unaufhaltsam. 2015 gingen namhafte Politikwissenschaftler sogar davon aus, dass die Miliz Strukturen etabliere, die letztlich im Aufbau eines echten Staates resultieren könnte

Das ist vorbei. Den IS sahen die meisten Akteure in der Region als den ultimativen Bösewicht an. So unterschiedlich die Interessen von Amerikanern, Europäern, Iranern, Russen, Kurden, der syrischen und irakischen Regierung auch waren und sind: Verbunden hat sie der gemeinsame Feind. Gegen syrische, irakische, kurdische und russische Bodentruppen sowie massive Luftschläge der USA, Frankreichs und Russlands war der IS chancenlos. Die Infrastruktur des Protostaats ist verschwunden, seine "Hauptstädte" Rakka und Mossul hat die Miliz lange verloren. Es gibt keine Öl-Millionen mehr und kaum noch Nachschub an modernen Waffen aus neuen Eroberungen. Das bewohnte "Herrschaftsgebiet" des IS ist zusammengeschrumpft auf eine Fläche etwa halb so groß wie Berlin-Mitte und einen Streifen unbewohnter Wüste. Und das gescheiterte Kalifat hat offenbar an Strahlkraft für den Nachwuchs verloren.

Als der IS etwa ab Sommer 2017 zunehmend in die Defensive geriet, warnten Kenner der Miliz jedoch vor den Folgen des territorialen Verlustes. Wenn der IS auf dem realen Schlachtfeld geschlagen werde, könnten sich die Dschihadisten im Untergrund neu organisieren und noch mehr Anschläge im Westen verüben als zuvor, hieß es. Weltweit sinkt aber die Zahl der Terror-Toten, insbesondere bei Attacken des IS. Nach Angaben des Global Terrorism Index des Londoner Institute for Economics and Peace kamen 2017 weltweit fast 30 Prozent weniger Menschen bei Anschlägen ums Leben. Demnach geht fast ein Viertel der Todesfälle auf das Konto des IS, der damit zwar noch die mörderischste Terrororganisation ist. Doch besonders die Zahlen der Opfer bei IS-Anschlägen sinken schnell: insgesamt um rund 50 Prozent im Vergleich zum Vorjahr, in Europa sogar um 75 Prozent, so das Institut. Die These eines erstarkenden IS im Untergrund scheint sich nicht zu bestätigen - bisher.

Doch der US-Abzug könnte vieles ändern

Das heißt jedoch nicht, dass der IS "besiegt" ist. Erst vor knapp drei Wochen bewies die Terrororganisation, dass sie sehr wohl noch in der Lage ist, größere Aktionen tief im gegnerischen Gebiet durchzuführen. Im nordsyrischen Manbidsch starben bei einem Selbstmordanschlag 16 Menschen, darunter zwei US-Soldaten. Das bemerkenswerte daran: in Manbidsch kreuzen sich die syrischen, türkischen und kurdischen Einflusssphären. Französische und US-Soldaten sind in der Stadt stationiert. Gerade wegen der hohen Militärpräsenz galt Manbidsch zuletzt als relativ sicher. Auch Trumps eigene Regierung warnt davor, anzunehmen, der IS sei besiegt: 20.000 bis 30.000 Kämpfer habe die Organisation noch, heißt es im aktuellsten Bericht des Pentagons über die Anti-IS-Operation an den Kongress.

Einige Analysen lassen den Verdacht zu, der IS könne regelrecht auf den Abzug der USA warten. Das legt etwa eine kürzlich erschienene Studie des Washingtoner Institute for the Study of War nahe. Darin heißt es, die Gruppe habe die Niederlage auf dem Schlachtfeld bereits eingepreist. Die Operationen würden entsprechend umstrukturiert, um zu regionalen Großoffensiven zurückzukehren. Weiter heißt es, der IS finde "neue Einnahmequellen und stellt die Kontrolle über seine verstreuten Restkräfte wieder her, um sich auf einen zukünftigen Aufstand im Irak und in Syrien vorzubereiten".

Der US-Sicherheitsexperte Seth Jones vom Center for Strategic and International Studies (CSIS) sagte im Gespräch mit der Nachrichtenagentur AFP, der IS mache, "was jeder machen würde, der es mit einer übermächtigen Streitmacht zu tun hat, mit Luftschlägen und einer Marine" - in den Untergrund gehen. In dieser Situation keine großen Truppenkontingente auf das Schlachtfeld zu schicken, sei ein kluger Schachzug des IS. Ankündigungen der USA, sich aus dem Einsatz zurückzuziehen seien der "Eintritt in eine sehr riskante Phase". "Ich glaube nicht, dass der IS zerschmettert oder besiegt wurde", sagte Jones. Die Theorie, der IS warte sozusagen auf den Abzug der USA, stützen Gespräche mit einem Milizionär, aus denen die "New York Times" zitiert. "Glauben Sie ernsthaft, die Amerikaner können das Kalifat zerstören?", sagt der mutmaßliche IS-Kämpfer darin. "Es ist ein Zermürbungskrieg. Wenn die Koalition die Luftschläge stoppt, kehren wir sofort zurück."

Die These, der IS könne zu neuer, alter Kraft zurückfinden, ist alt und hat sich bisher nie bewahrheitet. Der Abzug der US-Truppen, ein Stopp der Luftschläge, könnte aber einen Faktor darstellen, der in der Gemengelage bisher nicht zum Tragen kam. Doch die Vermutung liegt nahe, dass es Trump ohnehin um etwas ganz anderes geht. Unter Bush Junior und Obama hatte der Krieg gegen den Terror oberste Priorität in der US-Außenpolitik. Die Erinnerungen an den 11. September waren noch frisch. Unter Trump haben sich die Verhältnisse verschoben. Als das Pentagon vergangenes Jahr die Nationale Verteidigungsstrategie vorlegte, war darin nicht mehr der IS als primäres Ziel genannt, sondern Russland und China. Trump hat den Fokus auf andere Gegner verlagert und behauptet, sein großes Ziel von einst, den IS zu zerschlagen, sei erreicht - ob das nun stimmt oder nicht. Vieles an dem Einsatz in Syrien ist anders als in den großen Feldzügen der USA im Irak und in Afghanistan. Zu verkünden, die Schlacht sei gewonnen, bevor der Gegner besiegt ist, könnte jedoch eine gefährliche Parallele sein. So sieht es zumindest Trumps Parteikollege, Senator Lindsey Graham. Er kommentierte den bevorstehenden Abzug so: "Ich musste es im Irak mit ansehen und nun sehe ich es in Syrien."

Quelle: n-tv.de

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