Politik

IS baut Strukturen auf Islamisten etablieren einen neuen Staat

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Irakische Sicherheitskräfte feuern Raketen gegen Stellungen des IS. Dauerhafte Erfolge gegen die Dschihadisten blieben bisher aus.

(Foto: AP)

Der IS kontrolliert ein Gebiet so groß wie Italien. Er baut Straßen, hat ein Steuersystem, überwacht Grenzen und hat eine Armee. Und in der Bevölkerung sind die Islamisten angesehener als die korrupten Schergen der Vorgängerregime.

Der Islamische Staat (IS) lässt sich nach Ansicht von Experten kaum noch als Terrororganisation oder Dschihadistenmiliz bezeichnen. Zusehends etabliert sich in dem vom IS kontrollierten Gebiet - einer Fläche, die nach Schätzungen des arabischen Fernsehsenders Al Jazeera etwa 300.000 Quadratkilometer umfasst - ein funktionierender Staat.

Möglicherweise ist der IS den staatlichen Systemen, die es in Syrien und im Irak abgelöst hat, inzwischen sogar voraus. Der IS habe ein funktionierendes Steuersystem eingeführt, überwache seine Grenzen und baue eine Armee auf, schreibt etwa Stephan M. Walt, Professor für internationale Beziehungen an der Universität Harvard, in einer Einschätzung. In eigens vertriebenen Propaganda-Veröffentlichungen preist der IS außerdem seine Erfolge beim Ausbau der Infrastruktur in dem von ihm kontrollierten Gebiet und die Gesundheitsfürsorge an.

Sollte der IS auch nur in einigen dieser Bereiche erfolgreich sein, könnte er in den Augen der Bevölkerung schon mehr erreicht haben als die maroden Systeme des syrischen Diktators Bashar Al-Assad oder Saddam Husseins beziehungsweise der von den USA unterstützten irakischen Regierung.

"Der IS ist hier mehr akzeptiert"

Erschreckend ist, dass die Anrainer des Islamischen Staates die Tatsachen zum Teil anerkennen und ein Auge zudrücken, wenn es etwa um schwarze Handelsbeziehungen zu den Islamisten geht. So gilt die Türkei etwa als größter Absatzmarkt für den IS, um illegal gehandeltes Erdöl in den Weltmarkt zu speisen. Bis zu dem Anschlag in Suruc vor wenigen Tagen, bei dem mehr als 30 Menschen ums Leben kamen, war ein Grenzverkehr zwischen der Türkei und dem vom IS kontrollierten Gebiet fast ungehindert möglich.

Auf dem Weg des IS von einer Terrororganisation zu einem etablierten Staat dürfte die Unterstützung in der Bevölkerung von zentraler Bedeutung sein. Doch kann es die angesichts der Gräueltaten der Gruppierung überhaupt geben? Die "New York Times" hat sich unter Menschen umgehört, die im vom IS kontrollierten Gebiet leben und ist zu - für Menschen aus dem Westen - überraschenden Erkenntnissen gekommen.

"Ehrlich gesagt sind beide brutal - das Regime (gemeint ist Assad) und Daesh (eine andere Bezeichnung für den IS), doch der IS ist hier in Al-Rakka mehr akzeptiert", sagt etwa Ahmed, der Inhaber eines Geschäfts, der aus Angst vor Luftschlägen in die Stadt geflohen ist, die als eines der Machtzentren des IS gilt. Das Leben unter dem IS könne brutal sein, doch es biete mehr Stabilität und Verlässlichkeit als unter Assad.

"Nicht glücklich, aber zumindest in Frieden"

"Sie können mit einer Million Dollar von Al-Rakka nach Mossul reisen und niemand wird sie stören. Niemand würde es wagen, nur einen Dollar anzurühren", sagt ein weiterer junger Mann, der seinen Namen nicht preisgeben möchte. Innerhalb der staatlichen Strukturen Syriens und Iraks, die der IS in dem von ihm kontrollierten Gebiet komplett ausgelöscht hat, wäre das vermutlich nicht möglich gewesen. Die Sicherheitskräfte Syriens und des Irak gelten als extrem korrupt. Allen extremen Ansichten und aller Brutalität zum Trotz war die Unbestechlichkeit bereits eine Eigenschaft, die den Taliban in Afghanistan zu Ansehen verhalf. Auch dort galten die staatlichen Strukturen als extrem korrupt.

"Das Justizsystem des IS ist schnell und effektiv. Deshalb finden die Bewohner in dem System Stabilität. Fehlverhalten und Bestechung sind extrem selten", sagt Hassan Abu Hanieh von der jordanischen Behörde zur Untersuchung von dschihadistischen Gruppen der New York Times. Hassan Hassan, der das Buch "ISIS: Inside the Army of Terror" verfasst hat, schätzt, dass im IS ein weitgehend normales Leben möglich ist, solange man nicht von den Regeln abweicht. "Man kann dort vielleicht nicht glücklich leben, aber zumindest in Frieden."

Ein weiterer Hinweis darauf, dass sich der Islamische Staat in seinem Umfeld als staatliche Struktur etabliert, sieht Harvard-Professor Walt in der Unfähigkeit der irakischen Armee, den IS effektiv zu bekämpfen. Auch die Luftangriffe der internationalen Koalition konnten die Ausbreitung zwar bremsen, doch keineswegs zurückdrängen.

Die brutalen Wurzeln der westlichen Welt

Der angesehene Politik-Professor Barry Posen vom Massachusetts Institute of Technology (MIT) schätzt, dass die derzeitigen Bemühungen der internationalen Gemeinschaft dazu führen werden, dass die irakische Armee und damit die Anstrengungen der USA, im Irak einen funktionierenden Sicherheitsapparat aufzubauen, scheitern werden. Seiner Ansicht nach könne nur noch eine groß angelegte Bodenoffensive die Fortexistenz des IS stoppen. Diese müsste die Truppen der Anrainerstaaten miteinbeziehen und scheint gerade deshalb - aufgrund der tiefen Uneinigkeit in der arabischen Welt - als extrem unwahrscheinlich.

"Wir im Westen haben vergessen, wie viele Staaten durch Brutalität gegründet wurden", betont William McCants, Direktor eines Projekts für die Beziehungen der USA zur islamischen Welt am Brookings Institute in Washington. "Wir im Westen glauben, dass eine gute Regierung damit einhergeht, die Menschen gut zu behandeln. Doch das ist nicht der Fall." Im Territorium des IS würde die Gewalt anders wahrgenommen. Seit Jahrzehnten sei sie dort alltäglich - durch die Irakkriege, den Aufstand gegen Assad und davor durch die Polizeistaaten und die Korruption der Regime unter Saddam Hussein und Assad.

Professor Walt erinnert in seiner Analyse außerdem daran, wie oft die internationale Gemeinschaft in der Vergangenheit versucht hat, brutale Revolutionsbewegungen zu ächten. "Die westlichen Mächte haben die Sowjetunion nach der Revolution von 1917 jahrelang nicht anerkannt, die USA sogar bis 1933", schreibt er. Ähnlich sei es im Falle Chinas gewesen: Die USA nahmen erst 1979 - 30 Jahre nach der Gründung der Volksrepublik China - diplomatische Beziehungen zu dem Land auf. Zur Erinnerung: In den Gründungsjahren des kommunistischen Chinas fielen der Herrschaft Mao Zedongs nach westlichen Schätzungen zwischen 44 Millionen und 72 Millionen Menschen zum Opfer.

Verändertes Bild akzeptablen staatlichen Verhaltens

Letztlich sei die Herrschaft vieler westlicher Staaten auf Gewalt, Folter und Unterdrückung mitgegründet, so Walt: Das britische Weltreich unterdrückte, mordete und folterte Menschen auf nahezu einem Drittel der weltweiten Landfläche. Die Amerikaner, die die USA in Nordamerika errichteten, taten dies, indem sie die Urbevölkerung massakrierten, vergewaltigten und verhungern ließen. Ihre Macht hätten die wenigsten westlichen Staaten ohne Gewalt konsolidiert, weder die Sowjetunion, noch China, weder Saudi-Arabien noch Israel.

Die Normen akzeptablen staatlichen Verhaltens hätten sich im vergangenen Jahrhundert dramatisch verändert, schreibt Walt. Dies sei der Grund, warum der Westen das Verhalten des IS als so abscheulich falsch wahrnehme. Walt will die Gräueltaten damit nicht rechtfertigen. Doch er erinnert daran, dass die Geschichte lehrt, dass ein System, egal wie brutal es ist, letztlich akzeptiert und legitimiert wird - wenn es denn lang genug fortbesteht.

Über die Jahre könne sich aus dem IS ein weitgehend normaler Staat etablieren, lautet auch die Einschätzung von Andrew March, Politikprofessor an der Universität Yale. "Eines Tages könnte dort die Einfachheit der Regeln und Institutionen, die aus der frühen Geschichte des Islam extrahiert wurden bürokratischen Verwaltungsstrukturen und einem positiven Rechtssystem weichen", heißt es in seiner Einschätzung.

Quelle: ntv.de