Politik

Loyal - trotz allem Warum Trumps Wähler zu ihm halten

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Donald Trump am Dienstag bei einem Auftritt vor Veteranen in Kansas City.

(Foto: AP)

Donald Trump ist auch in den USA nicht besonders beliebt. Weniger als die Hälfte der Amerikaner glaubt, dass er gute Arbeit leistet. Und doch sorgt der US-Präsident mit seiner Politik dafür, dass er 2020 wiedergewählt werden könnte.

Wer von Deutschland aus verfolgt, was Donald Trump so treibt, kann den Eindruck bekommen, die Wähler des US-Präsidenten müssten ihre Entscheidung vom November 2016 bereuen. Doch ein Blick in aktuelle Umfragen zeigt: Dem ist mitnichten so.

Weder Trumps Pressekonferenz mit dem russischen Präsidenten Wladimir Putin Anfang der vergangenen Woche noch sein skurriles Hin und Her danach hat ihm offenkundig geschadet. Bei dem Auftritt in Helsinki sagte Trump, er sehe keinen Grund, warum Russland Einfluss auf die Präsidentschaftswahlen genommen haben sollte. Damit stellte er sich gegen seine eigenen Geheimdienste, die genau das als Tatsache ansehen. Am Tag danach verlas Trump vor laufenden Kameras im Weißen Haus eine Erklärung, in der er behauptete, er habe eigentlich das exakte Gegenteil sagen wollen: Er sehe keinen Grund, warum Russland dies nicht gemacht haben sollte. (Trump konnte sich allerdings nicht verkneifen, hinzuzufügen, dass es auch "andere Leute" gewesen sein könnten. Schließlich seien "viele Leute da draußen".) Ein paar Tage später twitterte er, das Russland-Thema sei "ein großer Schwindel".

Damit schloss sich der Kreis: Trump war wieder bei seiner Ausgangsposition angelangt. Am Dienstag setzte er noch einen drauf. Er befürchte, dass Russland bei der Kongresswahl im kommenden Herbst die Demokraten unterstützen werde, denn kein US-Präsident sei härter mit Russland umgegangen als er, verkündete er auf Twitter. Vermutlich hatte er vergessen, dass Putin in Helsinki offen eingeräumt hatte, sich Trumps Wahlsieg gewünscht zu haben.

Selbst Anhänger des Präsidenten dürften Schwierigkeiten haben, mit diesen Kurswechseln mitzuhalten. Umfragen zeigen zwar, dass Wähler der Republikaner im Laufe der letzten Jahre deutlich russlandfreundlicher geworden sind: Mittlerweile glauben mehr Republikaner als Demokraten, dass Russland entweder für die USA ein Verbündeter oder ein befreundetes Land sei. Aber auch unter den republikanischen Wählern hat die überwiegende Mehrheit noch immer keine gute Meinung von Putin.

An Trumps Umfragewerten hat sein Schmuse- und Zickzackkurs mit Russland trotzdem nichts geändert. Seit dem Gipfel von Helsinki ist die Zustimmung zum Präsidenten praktisch unverändert. Aktuell zeigen sich 43,3 Prozent der US-Bürger mit Trumps Arbeit zufrieden, so der von Real Clear Politics ermittelte Durchschnittswert.

Was für Liberale ein Skandal ist, stört Trumps Anhänger nicht

Im historischen Vergleich ist das nicht gerade berauschend: Kein Präsident der letzten sechzig Jahre war zu diesem Zeitpunkt seiner Amtszeit so unbeliebt. Dieser Vergleich hat allerdings seine Tücken. Die Wiederwahl haben auch US-Präsidenten geschafft, die nach 550 Tagen im Amt fast so unbeliebt waren wie Trump, zum Beispiel Bill Clinton oder Ronald Reagan. George Bush Senior dagegen hatte nach gut zweieinhalb Jahren im Weißen Haus sehr viel bessere Umfragewerte als Trump, verlor 1993 aber gegen Clinton.

Die Midterms

Prognosen für die Kongresswahlen am 6. November, die sogenannten Midterm Elections, sind schwierig. Seit Monaten sagt eine Mehrheit der US-Amerikaner, die Demokraten würden die Wahlen zum Repräsentantenhaus und zum Senat gewinnen. Doch ganz so einfach ist es nicht:

Im Senat stehen 33 der 100 Sitze zur Wahl. In dieser Kammer haben die Demokraten zwar nur zwei Sitze weniger als die Republikaner. Dennoch müssten sie die Wahlen in 27 der 33 Bundesstaaten gewinnen, um die Mehrheit im Senat zu erlangen. Das liegt einfach daran, dass die meisten Senatssitze, die zur Wahl stehen, derzeit von Demokraten eingenommen werden. Wirklich umkämpft sind Umfragen zufolge nur sieben Staaten, darunter drei mit republikanischen Senatoren. Wenn es diesen gelingt, ihre Staaten zu verteidigen, behalten die Republikaner die Mehrheit.

Für die Wahlen zum Repräsentantenhaus sagt das Prognose-Tool des "Economist" derzeit einen Sieg der Republikaner voraus. Allerdings besteht der Vorsprung nur in wenigen Sitzen. Hier beschränkt vor allem der von Republikanern durchgesetzte Zuschnitt der Wahlkreise ("Gerrymandering") die Erfolgschancen der Demokraten.

Zum anderen waren die USA in den vergangenen sechs Jahrzehnten nicht so gespalten, wie sie es heute sind. Für den liberalen Teil der USA - zu dem von Trump attackierte Medien wie die "New York Times", die "Washington Post" und der Sender CNN gehören - ist es ein Skandal, wie Trump mit der Wahrheit umgeht. Mehrere Journalisten haben einen Ausspruch des Präsidenten vom Dienstagabend mit Sätzen aus dem Roman "1984" verglichen. Vor Veteranen in Kansas City hatte Trump gesagt: "Was ihr seht und was ihr lest, ist nicht, was passiert."

Das klingt tatsächlich stark nach der dystopischen Welt, die George Orwell beschreibt. "Die Partei lehrt einen, der Erkenntnis seiner Augen und Ohren nicht zu trauen", heißt es in seinem Roman. "Das war ihr entscheidendes, wichtigstes Gebot."

Die Unterstellung hinter Trump-kritischen Tweets wie diesem oder diesem ist: Nicht nur ist das Konzept "Wahrheit" für Trump allenfalls eine lästige Störung. Er bringt seine Anhänger auch dazu, sich freiwillig von der Welt der Fakten zu verabschieden. Kurz gesagt: Trumps Anhänger sind dumm.

Trumps Wähler folgen der Vernunft

Doch diese Annahme ist falsch. Sicher hat das Publikum in Kansas Trump zugejubelt, als er dazu aufrief, den Medien nichts zu glauben; das war es, worum es Trump in seinem angeblich Orwell'schen Satz ging. Aber das Verhältnis der Trump-Wähler zu ihrem Präsidenten ist überwiegend von funktionalen Erwägungen geprägt. "Erhebungen zeigen eindeutig, dass Trumps Anhänger ziemlich genau die traditionellen Anhänger der Republikaner sind", schreibt der konservative US-Publizist Henry Olsen im britischen "Guardian".

Olsen verweist auf die Meinungsforscherin Emily Ekins, die fünf Typen von Trump-Wählern unterscheidet. Diese teilen demnach nur vier Positionen. Erstens konnten die weitaus meisten von ihnen die demokratische Kandidatin nicht leiden. Das bestätigt die Annahme, dass Trumps Wahl vor allem eine Entscheidung gegen Hillary Clinton war. Zweitens unterstützte jeweils eine Mehrheit in den fünf Wählergruppen Trumps "Muslim-Bann", auch wenn diese Mehrheit nicht in jeder Gruppe gleich groß war. Drittens teilten die meisten Trump-Wähler eine generell skeptische Haltung zur Einwanderung - wiederum mit Einschränkungen: Anhänger der freien Marktwirtschaft haben Migranten gegenüber eine ähnlich aufgeschlossene Haltung wie demokratische Wähler. Und schließlich sagten Trump-Wähler häufiger als andere, dass ihre wirtschaftliche Situation sich verschlechtert habe. Offen rassistische Positionen dominieren nur in einer der fünf Gruppen.

Wichtiger als diese Gemeinsamkeiten sind jedoch die Unterschiede. All diese Wählergruppen hätten aus jeweils ganz unterschiedlichen Motiven ihre Wahlentscheidung getroffen, so Elkins. "So etwas wie 'die eine Art von Trump-Wähler' gibt es nicht."

"Trump hat darauf geachtet, jeder Gruppe das zu geben, was sie will, so wie jeder gute Politiker das macht", schreibt Olsen. Deshalb bleiben sie bei ihm. Die Berichterstattung der liberalen Medien sorgt sogar noch dafür, dass sie besonders fest zu ihm halten. Als Beispiel nennt er evangelikale Wähler, also besonders radikale, konservative Christen. Theoretisch müssten der rüde Ton, mit dem Trump in der Vergangenheit über Frauen gesprochen hat, oder die Berichte über seine eheliche Untreue und allein schon die Zahl seiner Ehefrauen ausreichen, um diese Wählergruppe abzuschrecken. Stattdessen zählen sie zu seinen treuesten Anhängern. Auch dafür gibt es einen aus ihrer Sicht vernünftigen Grund: Trump sorgt dafür, dass konservative Richter den Supreme Court in den USA auf Jahrzehnte hinaus dominieren. Entscheidungen über Themen wie Abtreibung, die Evangelikalen besonders wichtig sind, dürften damit häufiger in ihrem Sinne ausfallen. Genauso ist es bei jeder anderen Wählergruppe. Den einen gibt Trump Deregulierung und radikale Steuersenkungen. Den anderen eine auf Abschottung setzende Einwanderungspolitik.

Was bedeutet all dies für die Präsidentschaftswahl 2020? Zweierlei. Solange die Wirtschaft stabil ist und die Demokraten sich weiter nach links bewegen, kann Trump auf eine Wiederwahl hoffen. Und: Enthüllungen von Sonderermittler Robert Mueller über den russischen Einfluss auf die Präsidentschaftswahl oder die scharfe Kritik der Demokraten an der (mittlerweile beendeten) Praxis, illegalen Einwanderern die Kinder wegzunehmen, werden Trumps Anhänger kaum dazu bringen, sich von ihm abzuwenden.

Das heißt nicht, dass jeder Trump-Anhänger alles gut findet, was der Präsident sagt oder tut. Auch in Kansas City waren nicht alle im Publikum glücklich mit seiner Haltung zu Russland, wie einer der Teilnehmer dem Radiosender NPR sagte. Aber Trump war auch klug genug, das Thema in seiner Rede nicht zu erwähnen.

Quelle: n-tv.de

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