Politik
Donald Trump versteht sich selbst als "Dealmaker". Gut möglich, dass er Deutschland als Konkurrenten versteht.
Donald Trump versteht sich selbst als "Dealmaker". Gut möglich, dass er Deutschland als Konkurrenten versteht.(Foto: REUTERS)
Donnerstag, 12. Juli 2018

Transatlantische Konkurrenz?: Was Trump an Deutschland so stört

Von Benjamin Konietzny

Selten kommt die Kritik so stark über den Atlantik wie in den vergangenen Tagen. US-Präsident Trump scheint ein neues Feindbild gefunden zu haben: die Deutschen. Aber warum? Ein Erklärungsversuch.

Die Presse, die Linken, die Demokraten - Donald Trump hat eine Menge Zielscheiben für Verbalattacken. Im Moment jedoch scheint er sich auf ein Land in Europa eingeschossen zu haben: Deutschland. Immer wieder sucht er hierzulande die Gründe für komplexe Probleme in den USA. Der deutsche Handelsüberschuss ist ihm zu groß, die Verteidigungsausgaben zu niedrig, die Geschäfte mit Russland zu gefährlich. Er droht mit Strafzöllen für deutsche Autos, Stahl und aktuell damit, das Nato-Bündnis zu sprengen. Nicht nur wegen, aber auch wegen Deutschland. Woher kommt also seine Abneigung?

Erst einmal: Trumps Attacken sorgen nicht nur hierzulande für Irritationen. Auch in den USA erntet Trump Kritik, sogar in den eigenen Reihen. "Ich stimme damit überhaupt nicht überein", sagte etwa der republikanische Senator aus Utah, Orrin Hatch, zu der Äußerung Trumps, Deutschland werde von Russland "völlig kontrolliert". "Ich habe mich gerade erst mit Angela Merkel getroffen und habe die höchste Meinung von ihr", sagte er dem US-Portal "Politico". Deutlicher fällt die Kritik bei den Demokraten aus: Die Fraktionsführer Nancy Pelosi und Chuck Schumer bezeichneten Trumps Behauptungen als "zutiefst verstörendes Signal".

Vieles spricht dafür, dass Trump Deutschland als eine Art Konkurrenten sieht. Deutschland ist für viele US-Amerikaner der Inbegriff für wirtschaftliche Leistungsfähigkeit, das "Powerhouse", das Kraftwerk Europas. Deutsche Produkte gelten als extrem hochwertig, Arbeitsabläufe als effizient. Ein Staat, halb so groß wie Texas aber mit einem Fünftel der wirtschaftlichen Stärke der gesamten USA. Der heimischen Wirtschaft hingegen trauen viele Amerikaner deutlich weniger zu, ihr Ansehen hat in den vergangenen Jahren arg gelitten. In den USA geht es bergab, in Deutschland geht es immer bergauf, ließen sich die völlig lückenhaften Klischees zusammenfassen. Mag sein, dass sich Trump daran stört. Erklären lässt sich seine Kritik damit jedoch noch nicht.

"Wir werden das stoppen"

Über den deutschen Handelsüberschuss empört sich Trump regelmäßig. Von einem "massiven" Defizit ist dann die Rede. "Sehr schlecht" sei das und müsse sich ändern. Die Amerikaner haben seit Jahren ein massives Handelsdefizit von insgesamt zuletzt (2017) rund 560 Milliarden US-Dollar. Deutschland hingegen hat einen Handelsüberschuss von rund 280 Milliarden Dollar. Generell stimmen Ökonomen bei der Annahme überein, dass Handelsdefizite oder -überschüsse nicht grundsätzlich gut oder schlecht sind für eine Volkswirtschaft.

Trump sieht das anders. Für ihn ist Handel Wettkampf und er vereinfacht in dieser Hinsicht gerne die Tatsachen. Der US-Wirtschaft gingen jedes Jahr 800 Milliarden Dollar verloren, behauptet er gern. Wie gesagt, es waren zuletzt 560 Milliarden, aber daran, dass es der Präsident bei Zahlen gelegentlich nicht so genau nimmt, hat man sich ja beinahe gewöhnt.

Auch mit deutschen Autos scheint Trump ein Problem zu haben. Schon 1990, lange bevor er in die Politik ging, kritisierte er in einem Interview mit dem "Playboy", dass in New York zu viele deutsche Karossen herumfahren würden und sprach erstmals von "Strafzöllen". Daran hat sich nicht viel geändert: "Schauen sie sich die Millionen von Autos an, die sie (Deutschland) in den USA verkaufen. Fürchterlich. Wir werden das stoppen", sagte er vergangenes Jahr. 1,3 Millionen Fahrzeuge verkauften deutsche Hersteller im Jahr zuvor in den USA. Sie ließen aber auch 850.000 in ihren Niederlassungen in den Vereinigten Staaten produzieren, von US-Arbeitskräften, größtenteils für den Export.

Mag er Merkel nicht?

Eine Ausnahme in der Wahrnehmung vieler Amerikaner von Deutschland als einem Land, in dem es wirtschaftlich gut läuft, bildet die Flüchtlingspolitik. Viele Menschen in den USA glauben, dass Deutschland seine Grenzen für alle Zuwanderer geöffnet habe und deswegen große Probleme mit Kriminalität habe. Dass die Kriminalitätsstatistik jedoch genau in die gegenläufige Richtung zeigt, wissen viele nicht. Trump ist bemüht, dieses Bild zu bedienen. Kürzlich behauptete er, die Zahl der Straftaten in Deutschland sei durch die Flüchtlinge um zehn Prozent gestiegen, Deutschland versinke regelrecht in Kriminalität. Schuld daran sei die Politik von Kanzlerin Angela Merkel. Auch das entspricht nicht den statistischen Tatsachen.

Merkels Migrationspolitik nach 2015 steht im krassen Gegensatz zu Trumps Bestrebungen, das Land abzuriegeln. Er will eine Mauer zu Mexiko bauen, bezeichnet illegale Einwanderer schon mal als "Tiere", drückte ein Einreiseverbot für Muslime durch und wehrt sich vehement dagegen, dass sein Land Kriegsflüchtlinge aufnimmt. Und während er von der heimischen Presse überwiegend Kritik bekommt, bezeichnen US-Medien die deutsche Kanzlerin, die aus seiner Sicht für eine völlig misslungene Migrationspolitik steht, gelegentlich als "Führerin der freien Welt". Und natürlich weiß er, wie herzlich sein Vorgänger Barack Obama in Deutschland empfangen wurde. Gegen Trump wird in Europa vor allem protestiert. All das dürfte ihn ärgern.

Letztlich dürfte es auch die Person Angela Merkel sein, die ihm Probleme bereitet. Denn die beiden unterscheiden sich nicht nur in der Zuwanderungspolitik grundlegend voneinander. Merkel gilt als rationale, analytische Politikerin, der ein gehöriges Maß an diplomatischem Geschick nachgesagt wird. Ihre Fähigkeit, auch unter widrigen Bedingungen Kompromisse herzustellen, hat sie zuletzt in der deutschen Regierungskrise bewiesen. Innerhalb von wenigen Tagen, und unter dem Eindruck einer möglicherweise scheiternden Regierung ist es ihr gelungen, mit unterschiedlichsten Verhandlungspartnern zumindest ausreichenden Konsens herzustellen.

Unter vier Augen ganz versöhnlich

Trump hingegen hat die Schule eines US-Immobilientycoons durchlaufen, sucht nicht unbedingt nach Win-Win-Situationen, sondern eher nach Sieg und Niederlage. Trump baut vor Verhandlungen gerne Druck auf, um dann mit einem überraschend positiven Ergebnis vor die Tür zu kommen. Das war etwa im Atom-Poker mit Nordkorea so. Und das war auch beim aktuellen Nato-Gipfel so, als er mit Alleingängen der USA drohte, die Zeichen auf Eskalation stellte. Nach einem schnell einberufenen Sondertreffen klang dann plötzlich alles wieder ganz anders: "Ich glaube an die Nato", sagte er. Und auch für Deutschland hat er plötzlich wieder versöhnliche Töne: "Ich habe große Achtung vor Deutschland", heißt es plötzlich nach der Sitzung.

Trump hat bereits mehrfach Deutschland und Merkel scharf kritisiert und kurz darauf bei internationalen Treffen in sehr versöhnlichen Tönen mit ihr Zweiergespräche geführt. Hinter verschlossenen Türen sei er sehr interessiert an Merkels Ausführungen, auch beim Thema Zuwanderung, heißt es. Dann lobt er stets das "sehr, sehr gute Verhältnis". Auch aktuell beim Nato-Gipfel in Brüssel.

Vieles spricht dafür, dass Trump Deutschland wie ein konkurrierendes Unternehmen sieht. Indem er mit dem Finger darauf zeigt, kann er seinen Leuten erklären, wo die eigenen Grenzen liegen, wo die Unterschiede sind, und wo der eigene "Laden" im Wettbewerb steht. Politisch gesehen ließe sich auch vermuten, dass Trump außenpolitische Themen in den Vordergrund stellt, um von Herausforderungen im Inneren abzulenken.

Quelle: n-tv.de